Zeitung Heute : Advocatus Artis

Der Tagesspiegel

Von Katja Füchsel

Vorsichtig setzt Justitia ihren Fuß vor. Hoch oben auf dem Seil über der Manege. Ihre Augen sind verbunden, mit ihrer Waagschale hält sie die Balance. „Der Drahtseilakt“ steht auf der Rückseite der Leinwand. „Das kommt dem juristischen Alltagsgeschäft doch ziemlich nahe“, sagt Philipp Heinisch. Der Maler steht im farbbeklecksten Kittel neben der Staffelei, daneben stecken Pinsel im Eimer, stehen Farbtöpfe, Leinwände.

Heinisch muss es wissen, denn er war in seinem ersten Arbeitsleben Anwalt. Und auch, wenn er seine Zulassung vor elf Jahren abgegeben hat, um sich ganz der Kunst zu widmen, ließ ihn die Juristerei nicht völlig ziehen. Sie bestimmt bis heute seine Karikaturen, die Juristen-Comics und oft auch seine großen Bilder. Heinischs neueste Ausstellung „Im Rahmen des Rechts und darüber hinaus“ ist gerade erst eröffnet worden: Im Bundesjustizministerium.

Mit dabei ist auch das Ölbild „Guten Morgen Justitia“. Darauf begrüßt die Göttin der Gerechtigkeit, ihre Augenbinde hält sie in der Hand, mit ausgebreiteten Armen das durchs Fenster fallende Sonnenlicht. „Das Bild ist schon verkauft“, sagt Heinisch. Künftig wird Justitia nicht nur den Morgen, sondern auch die Mandanten einer Berliner Anwaltskanzlei willkommen heißen.

Die Kunst liegt Heinisch, wie man so sagt, im Blut. Sein Vater war auch schon Maler, ein brotloser allerdings. Schon mit fünf Jahren stand Heinisch junior im Atelier an der eigenen Kinderstaffelei und war fest der Überzeugung: Du wirst Künstler. Doch der Vater starb früh. Und dem Jungen wurden die künstlerischen Flausen allmählich ausgetrieben. Lerne was Anständiges, hieß es in der Schule und Familie. „Du hast ja gesehen, wie es deinem Vater ergangen ist ...“

Also studierte Heinisch Jura. Erst in Berlin, dann in Freiburg, später München. „Mir ist nichts anderes eingefallen“, sagt Heinisch Schulter zuckend. Während seines Referendariats in München ging er gleichzeitig an der Bayerischen Staatsoper in die Lehre, absolvierte ein Volontariat zum Bühnenbildner – bis er als Referendar zum ersten Mal ein Gefängnis besuchte. Der Knast habe ihn damals tief erschüttert, sagt Heinisch. „Ein ganz starker Impuls in mir sagte: Da musst du was gegen tun.“

Also ging Heinisch 1972 zurück nach Berlin und gründete zusammen mit zwei Freunden eine Kanzlei. „Bald habe ich mich in die ganzen politischen Prozesse eingemischt.“ Heinisch erwarb sich einen Ruf als „typischer linker Verteidiger“, rieb sich „bis zum Zerreißen“ auf. Heinisch gewöhnte es sich an, während der Verhandlungen nebenbei „zu kritzeln“. „Ich sehe, was andere Leute sagen.“ Also porträtierte er Richter und Staatsanwälte, karikierte die Lügner und Heuchler im Saal.

Zehn Jahre arbeitete Heinisch als Anwalt, dann fragte der Künstler in ihm: „Warum tue ich mir das an?“ Der Schmücker-Prozess, in dem auch Heinisch in der Verteidigung saß, machte ihm einen Ausstieg auf Raten möglich. Es wurde der bislang längste Strafprozess der Nachkriegsgeschichte, das Verfahren um den im Grunewald erschossenen Studenten Ulrich Schmücker. Der Prozess platzte 1991 schließlich nach 16 Jahren im vierten Anlauf.

Der Verfahren sicherte Heinisch ein bescheidenes, aber regelmäßiges Einkommen, während er sich Anfang der 80er Jahre allmählich aus dem Beruf zurückzog. Bald zeigte er seine ersten Ausstellungen in Gerichten und Behörden. Er veröffentlichte über 25 Kalender für Juristen, aber auch für Mediziner und Lehrer. Es erschienen seine Juristencomics und Bücher, darunter „Justiz-Zirkus“ und die „Illustrierte Strafprozessordnung“. Heinisch sagt: „Meine Arbeit versteht sich als ein Gegengewicht zu der zunehmenden Verbürokratisierung und Seelenlosigkeit des Alltags.“

Heinisch erzählt, er habe es als Anwalt selbst durchlitten. Den ewigen Kampf gegen die Bürokratie im Justizapparat, der einen langsam „innerlich vertrocknen“ lasse. „Ich kenne die Mentalität der Juristen.“ Mit seiner Arbeit wolle er zeigen, dass sich „pralle Lebensfreude“ und das „juristische Medium“ miteinander verbinden lassen. „Meine Justitias wissen Bescheid über das Leben“, sagt Heinisch lächelnd.

Als der Schmücker-Prozess zu Ende ging, war es soweit: Heinisch gab seine Anwaltszulassung zurück. „Sie abzugeben, war ein Akt innerer Hygiene“, sagt er. Mit 46 Jahren erfüllte er sich seinen Kindheitstraum. Er wurde Künstler, hauptberuflich. In seinem Atelier lehnen die Leinwände inzwischen in mehreren Reihen an den Wänden. Landschaften, Frauenakte – Justitia. Künftig will Heinisch die schönen Künste und die Justiz auch im wirklichen Leben zusammenbringen, in einer Art juristischem Salon. In freundlicher Atmosphäre. Bei einem Glas Wein. „Die Gesprächsthemen gestalten dann die Künstler oder Juristen mit künstlerischem Können oder Wissen.“ Unter dem Motto: Justiz und Lebensfreude.

Die Ausstellung von Philipp Hänisch im Bundesjustizministerium, Mohrenstraße 37, wird am 17. April von 18 bis 19.30 Uhr für das Publikum geöffnet.

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