Zeitung Heute : Ägypten am Abgrund

Massaker an Muslimbrüdern in Kairo / Islamisten rufen zum Aufstand auf / Salafisten: Nun fließt Blut.

Gegen die Übermacht. Nach dem Massaker an Anhängern der Muslimbrüdern protestieren Unterstützer des gestürzten Präsidenten Mursi gegen die Armee. Foto: Mahmud Hams/AFP
Gegen die Übermacht. Nach dem Massaker an Anhängern der Muslimbrüdern protestieren Unterstützer des gestürzten Präsidenten Mursi...Foto: AFP

Bei einem bisher beispiellosen Massaker von Armee und Polizei an Demonstranten der Muslimbrüder sind am Montagmorgen in Kairo nach Angaben des Gesundheitsministeriums mindestens 51 Menschen getötet und mehr als 450 verletzt worden. Notärzte der Muslimbruderschaft sprachen sogar von mehr als 1000 Verletzten.

Nach Angaben von Augenzeugen eröffneten die Uniformierten gegen vier Uhr morgens kurz vor Ende des Frühgebets das Feuer auf die Menge, die seit Tagen ein Sit-in um das Hauptquartier der Republikanischen Garden organisiert, wo sie den abgesetzten Präsidenten Mohammed Mursi vermutet. Die ägyptische Armee dagegen behauptete in einer Pressekonferenz, eine Gruppe von Terroristen habe versucht, die Kaserne anzugreifen. Man habe mehr als 200 Leute festgenommen, die Waffen, Munition und Brandsätze bei sich hatten. Bei den Zusammenstößen sei ein Soldat getötet und 42 verletzt worden. Unter den Opfern befinden sich nach Angaben der Muslimbruderschaft auch fünf Babys und zahlreiche Frauen, eine Information, die von staatlichen Gesundheitsstellen bestritten wurde.

Das Militär sperrte den Bereich um die Moschee großräumig ab, zwei Nilbrücken wurden mit gepanzerten Fahrzeugen blockiert. Die Muslimbrüder riefen ihre Anhänger zu einem landesweiten Aufstand gegen die Streitkräfte auf, die Ägypten „in ein neues Syrien“ hineintrieben.

Auch die zweitgrößte islamistische Strömung in Ägypten, die salafistische Al-Nur-Partei, zog Konsequenzen: Als Reaktion auf das Blutbad werde sie sich mit sofortiger Wirkung von allen Verhandlungen über die Bildung einer neuen Regierung und dem gesamten von der Armee initiierten politischen Prozess zurückziehen, erklärte Al-Nur-Sprecher Nader al Bakkar. Seine Partei hätte sich zur Teilnahme an den Beratungen bereit erklärt, um Blutvergießen zu verhindern. „Nun fließt das Blut in Strömen“, fügte er hinzu. Die ultrakonservative Partei hatte den Sturz Mursis mitgetragen und galt als wichtige Kraft beim Versuch, alle politischen Strömungen in den Demokratisierungsprozess einzubeziehen.

Übergangspräsident Adli Mansur kündigte die Einsetzung einer Untersuchungskommission zu den Vorfällen an. Zugleich rief er die Demonstranten auf, sich von Kasernen und anderen „vitalen Einrichtungen“ des Staates fernzuhalten. Sein Sprecher Ahmed Elmoslmani sagte der Nachrichtenagentur Reuters, die Ereignisse würden die Bemühungen um eine Übergangsregierung und die Vorbereitungen für Wahlen und eine Verfassung nicht aufhalten.

Auch der liberale Friedensnobelpreisträger Mohammed el Baradei, dessen Berufung zum Ministerpräsidenten an den Salafisten gescheitert war, rief eindringlich zu weiterer Versöhnung auf. „Gewalt erzeugt Gegengewalt und sollte scharf verurteilt werden“, twitterte er.

In Berlin zeigte sich das Auswärtige Amt bestürzt über die Ereignisse und äußerte die Sorge vor einer weiteren Eskalation. Die Bundesregierung schloss sich der Forderung nach einer raschen Aufklärung der Ereignisse an. Die Europäische Union verurteilte die ausufernde Gewalt und erklärte, ihre Finanzhilfen für das nordafrikanische Land zu überprüfen.

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