Zeitung Heute : Ägypten rutscht ins Chaos

Regierung nennt Wirtschaftslage „sehr kritisch“ / Zwölf Tote bei Gewalt zwischen Muslimen und Kopten

Im postrevolutionären Ägypten wächst die Angst vor Chaos und Anarchie sowie einem wirtschaftlichen Niedergang. In der Nacht zu Sonntag kamen bei Straßenschlachten zwischen Muslimen und koptischen Christen in Kairo mindestens zwölf Menschen ums Leben, 230 erlitten Verletzungen. Wie die staatliche Nachrichtenagentur Mena berichtete, wurden die stundenlangen Auseinandersetzungen ausgelöst durch einen Angriff gewalttätiger Muslime auf eine koptische Kirche im Kairoer Arbeitervorort Imbaba. Unter den ultrakonservativen Muslimen, die der Gruppe der Salafiten angehören, hatte sich das Gerücht verbreitet, in dem Gotteshaus werde eine junge Frau festgehalten, weil sie vom Christentum zum Islam konvertieren wolle.

Gleichzeitig wächst in der Bevölkerung die Angst vor Raubüberfällen und kriminellen Banden. Im Stadtzentrum von Kairo waren vergangene Woche in der bekannten Einkaufsstraße Abul Aziz 89 Menschen bei einer Massenschlägerei zwischen Ladenbesitzern und Gangstern verletzt worden, die mit gezückten Pistolen Schutzgelder erpressen wollten und drei Geschäfte verwüsteten. Das anschließende Feuergefecht am helllichten Tage dauerte zwei Stunden, während Passanten in Panik Deckung suchten.

Finanzminister Samir Radwan bezeichnete derweil die Lage der ägyptischen Wirtschaft in einem schonungslosen Fernsehinterview als „sehr kritisch“. Nach seinen Angaben ist die Produktion durch die permanenten Streiks im Land um 50 Prozent gesunken. Unter den jungen Leuten seien mindestens sieben Millionen ohne Arbeit, der Rückgang der Dollarreserven gebe „Anlass zu tiefer Sorge“. Zudem klafft im Staatshaushalt 2011 ein Rekordloch von mindestens 18 Milliarden Euro, das Kairo mit Krediten der Golfstaaten und des Internationalen Währungsfonds zu stopfen versucht.

Bei den blutigen Ausschreitungen zwischen radikalen Muslimen und Kopten wurden Augenzeugen zufolge ebenfalls Schusswaffen sowie Molotow-Cocktails eingesetzt. Zwei Kirchen gingen in Flammen auf. Der Militärrat gab inzwischen bekannt, dass 190 Menschen am Schauplatz festgenommen wurden. Sie würden vor ein Militärgericht gestellt und „wegen des Versuchs, das Schicksal der Nation aufs Spiel zu setzen, exemplarisch bestraft“, hieß es in einer Erklärung. Wie viele der Festgenommen Muslime und wie viele Kopten sind, dazu gab es keine Angaben. Der Militärrat ist seit dem Sturz von Hosni Mubarak am 11. Februar die höchste Machtinstanz im Land.

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