Zeitung Heute : Ägypten setzt Nobelpreisträger fest

El Baradei unter Arrest / Mobilfunknetze und Internet gestört / Ausgangssperre in Kairo und Alexandria

 Martin Gehlen[Kairo]
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Die ägyptische Regierung stemmt sich mit aller Macht gegen die zunehmenden Massenproteste in ihrem Land. Die Polizei setzte am Freitag in Kairo Gummigeschosse, Wasserwerfer und Tränengas ein, die Regierung schaltete das Handynetz ab und kappte Internetverbindungen. Bei den Zusammenstößen mit der Staatsgewalt sollen nach unbestätigten Berichten mindestens drei Menschen getötet worden sein, zahlreiche wurden verletzt. Der Friedensnobelpreisträger Mohamed el Baradei wurde unter Hausarrest gestellt, wie ägyptische Regierungskreise am Freitag bestätigten. Die Regierung verhängte eine Ausgangssperre. Medienberichten zufolge wurden zudem Mitglieder der oppositionellen Moslembruderschaft inhaftiert.

Das ägyptische Staatsfernsehen meldete am Freitagnachmittag, dass die Ausgangssperre von 18 Uhr bis 7 Uhr Ortszeit in den Provinzen Kairo, Alexandria und Suez gelte. Gleichzeitig wurden Einheiten der Armee mobilisiert, um der Polizei zur Seite zu stehen, die in einigen Stadtvierteln von Kairo, Ismailia, Alexandria und Suez von Demonstranten überrannt worden war. In Kairo hieß es außerdem am Nachmittag, Präsident Hosni Mubarak wolle schon bald eine Ansprache im staatlichen Fernsehen halten. Es wurde erwartet, dass er eine Kabinettsumbildung ankündigt.

Nach den kleineren Kundgebungen der vergangenen Tage hatten die Demonstranten am Freitag zu einem „Tag des Zorns“ gegen die 30-jährige Herrschaft Mubaraks aufgerufen. Nach den Freitagsgebeten gingen Tausende auf die Straße der Hauptstadt und skandierten „Geh, geh, Mubarak, dein Flugzeug wartet auf dich“. Augenzeugen berichteten von Demonstranten, die auf Postern mit Fotos des Präsidenten herumtrampelten.

Nach Auseinandersetzungen mit der Polizei setzten regierungskritische Demonstranten in der ägyptischen Hafenstadt Alexandria den Sitz des dortigen Gouverneurs in Flammen. Wie ein Reporter der Nachrichtenagentur AFP berichtete, stiegen aus dem brennenden Gebäude riesige Rauchsäulen in den Himmel. Zudem stürmten zahlreiche Demonstranten ein Polizeirevier im Stadtzentrum. In der Hauptstadt Kairo gingen zwei Polizeistationen in Flammen auf.

Der Protest wird vor allem von jungen Menschen getragen, die über Arbeitslosigkeit und Korruption klagen. Die Demonstranten haben sich dabei insbesondere über soziale Netzwerke wie Facebook organisiert. Am Freitag gingen jedoch kurz nach Mitternacht die ägyptischen Internetserver vom Netz. Das Telekom-Unternehmen Vodafone teilte mit, die Behörden hätten alle Mobilfunkbetreiber zum Abschalten des Funksystems in bestimmten Gebieten aufgefordert.

Am Donnerstag war der ehemalige Leiter der UN-Atombehörde IAEO, el Baradei, von Wien nach Kairo geflogen, um sich den Demonstranten anzuschließen. Der Friedensnobelpreisträger, der für viele Ägypter als Hoffnungsträger gilt, hat Mubarak zum Rücktritt aufgefordert. Nach den Angaben des Senders Al Dschasira wurde el Baradei festgesetzt, nachdem er mit 2000 Menschen auf einem Platz vor einer Moschee im Stadtteil Gisa an einem Gebet teilgenommen hatte.

Die Gewalt löste weltweit Besorgnis und Kritik aus. Der Beauftragte der Bundesregierung für Menschenrechte, Markus Löning, nannte das Vorgehen der ägyptischen Polizei einen „Schlag ins Gesicht“ all jener, die für Menschen- und Bürgerrechte einträten. Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos rief UN-Generalsekretär Ban Ki Moon die Regierung auf, eine Eskalation der Gewalt zu verhindern. mit rtr/dpa/AFP

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