Ägypten : Sie brauchen weder einen Pharao noch einen Propheten

Die Menschen in der arabischen Welt sind auf den Barrikaden. Sie wollen ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen. Doch die Bilder aus Ägypten lassen auch Angst aufkommen: Werden Islamisten die Macht übernehmen?

Die Menschen in der arabischen Welt sind auf den Barrikaden. Sie wollen ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen. Endlich. Die jungen Leute, die nach Würde und Gerechtigkeit lechzen, haben die Sympathien der Menschen im Westen. Der Westen muss ihren Aufschrei begrüßen, wenn er seine eigenen Werte nicht weiter verraten will. Doch die Bilder aus Ägypten lassen auch Angst aufkommen: Werden die Islamisten die Macht übernehmen, wenn das Regime fällt?

Die Sorge ist nicht unberechtigt. Denn Ägypten ist nicht Tunesien. Dort ist die breite, gut ausgebildete und wirtschaftlich entwickelte Mittelschicht ein Bollwerk gegen radikale Kräfte. Das Bürgertum hat entschieden, dass es keine Angst vor den Islamisten zu haben braucht – und daher gegen den korrupten Ben-Ali-Clan aufbegehren kann. Ägypten dagegen hat seine soziale Frage nicht gelöst. Die Masse der über 80 Millionen Ägypter ist ungebildet und bitterarm. Und religiös. Damit sind sie empfänglich für politische Parolen, die in islamische Begriffe verpackt sind.

Dennoch: Der Westen sollte genauer hinsehen. Denn die Muslimbrüder, eine gut organisierte Bewegung, haben sich gewandelt. Der Gewalt haben sie seit langem und glaubwürdig abgeschworen. Ihre Forderungen lauten heute Freiheit, Pluralismus und Gerechtigkeit. Sie haben sich verantwortungsbewusst gezeigt: Als engagierte Abgeordnete im Parlament, wo sie bis zur noch massiver als sonst gefälschten Parlamentswahl 2009 vertreten waren. Und sie haben nicht mehr das Monopol auf den Islam: Junge hippe Prediger wie Amr Khaled, stehen für einen „Islam light“, der versucht, Moderne und islamische Lebensweise zu vereinen. Er macht den Islam kompatibel für die von Konsum und modernen Kommunikationsmitteln geprägte junge Generation, die Erfolg und auch Spaß haben will. Gleichzeitig appelliert er aber auch an die jungen Leute, gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen. Nach dem Anschlag auf eine Kirche in Alexandria am Jahreswechsel haben diese jungen Muslime sich schützend vor Kirchen gestellt. Das zeugt von bemerkenswerter gesellschaftlicher Reife.

Denn die Moderne ist im Zeitalter der Globalisierung in den arabischen Gesellschaften angekommen. In unterschiedlichem Maße. Teilweise bildet sie nur Inseln, die noch nicht miteinander verbunden sind. Dieses Nebeneinander wird zu Eruptionen führen. Aber der Islamismus im Sinne einer alternativen politischen und gesellschaftlichen Organisation hat an Glanz verloren. Die Menschen sind heute weniger anfällig für Ideologien – sie wollen Taten sehen. Nicht die Islamische Revolution im Iran 1979 ist ein Vorbild. Eher der Erfolg der türkischen Islamisten, die demokratisch an die Macht kamen und dem Land wirtschaftlichen Aufschwung bescheren, ohne die Freiheiten einzuschränken.

Der Einfluss der Moderne mit ihrem Freiheitsversprechen lässt sich nicht zurückdrehen. Die hunderttausenden Demonstranten werden sich ihre erkämpften Freiräume nicht so leicht wieder konfiszieren lassen. Auch nicht von den Muslimbrüdern. In einer freien Gesellschaft werden die liberalen Gegenkräfte sich erstmals organisieren können. Wer stärker ist, ist offen. Aber die Wahl besteht nicht mehr nur zwischen einem autokratischen Herrscher und einem religiös verbrämten Führer.

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