Ägypten : Skepsis bleibt geboten

Das Volk am Nil hat den Pharao besiegt. Tunesien war das erste Donnergrollen, Ägypten der politische Vulkanausbruch im Zentrum der arabischen Welt. Denn jeder vierte Araber lebt am Nil. Der Orient erlebt seine eigene Wende – und das Ende von Machtmissbrauch und Polizeiterror, von Ignoranz und erzwungener politischer Unmündigkeit. Ob in Algerien, Libyen, Palästina, Jordanien, Syrien oder Jemen – überall gärt es. Die Menschen wollen ihr Leben selbst bestimmen, die Frauen sich nicht länger wie Wesen zweiter Klasse behandeln lassen. Die Menschen glauben nicht mehr an die Reformfähigkeit ihrer Langzeitregime. Sie wollen einen Schlussstrich und Neuanfang – mit einer Zukunft in Freiheit für sich und ihre Kinder.

Zum ersten Mal nun haben Millionen am Nil am eigenen Leib erfahren, was Freiheit, Würde und Solidarität bedeuten. Und sie genossen die ersten Züge eines Lebens ohne Angst und ohne Willkür. Das Land gehört uns allen, riefen sie auf ihren Protestzügen. Und sie haben es sich zurückerobert, mit Opferwillen und Mut, mit Disziplin und Klugheit, mit Humor und Charme. Mubaraks Söldnerhorden mit ihren Pferden und Kamelen konnten den Demonstranten nicht den Schneid abkaufen.

Ägypten selbst hat sich in den 18 Tagen seines Volksaufstands ganz neu erfahren. Ein Land, dessen Bevölkerung normalerweise nicht einmal geordnet in eine Metro einsteigen kann, stand plötzlich geduldig und ohne Drängeln Schlange an den Kontrollen vor dem Tahrir-Platz, mit denen die Aktivisten die Provokateure des Regimes abfangen wollten. Zahllose Ärzte und Krankenschwestern ließen zu Hause alles stehen und liegen. Tag und Nacht versorgten sie unter Plastikplanen Verwundete und schliefen irgendwo auf den Bürgersteigen. Tausende schleppten Kartons mit Nahrungsmitteln herbei, und nach der großen Siegesparty packten die meisten mit an, um Barrikaden und Steinhaufen von dem Schlachtfeld der Revolution wegzuräumen. Zum ersten Mal sehen sich die Ägypter als aktive Bürger ihres eigenen Landes und nicht als amorphe Masse von Untertanen.

Trotzdem: Der Weg zu Demokratie und einer pluralen Zivilgesellschaft bleibt lang und steinig. Noch hält das Militär die Schrauben fest angezogen. Noch zeichnet sich keine Übergangsregierung ab, noch ist die Gefahr eines Putsches in Zeitlupe nicht gebannt. Denn die Oppositionsparteien sind schwach und zerstritten. Und die meisten der jungen Facebook-Aktivisten haben keine politischen Karriereträume. Sie wollen zurück an die Universität oder in ihre Berufe.

Zwar hat der Oberste Rat der Armee am Wochenende mit zwei Kommuniques praktisch die gesamte Struktur des Mubarak-Regimes aus den Angeln gehoben. Das Parlament ist aufgelöst, die Verfassung annulliert und dem Volk innerhalb von sechs Monaten freie Wahlen von Präsident und Volkskammer in Aussicht gestellt. Aber Skepsis bleibt geboten. Denn eine Regierung der Nationalen Einheit haben die Militärs nicht im Blick. Stattdessen bleibt Mubaraks neue, alte Garde die nächsten Monate mit an den Hebeln der Macht – kontrolliert weiter die Polizei und die Heerscharen der zivilen Geheimpolizisten. Auch an dem Ausnahmezustand wird vorerst nicht gerüttelt. Und niemand weiß, wie repräsentativ der neue Verfassungsrat sein wird, der Ägyptens neues Grundgesetz ersinnen soll. Das ägyptische Volk hat mit seinen Tagen des Zorns das Tor in eine neue Zukunft weit aufgestoßen. Hoffentlich wird es bald auch die Früchte des Zorns ernten.

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