Zeitung Heute : Ägypten vor der Entscheidung

Friedensnobelpreisträger el Baradei will die Opposition anführen / Das ganze Land geht auf die Straße

Der ägyptische Friedensnobelpreisträger Mohamed el Baradei hat sich am Donnerstag bereit erklärt, die Opposition in Ägypten anzuführen und „den Übergang“ zu leiten. Er traf am Abend in Kairo ein. Am heutigen Freitag will er selbst an den Protesten gegen das Regime von Präsident Hosni Mubarak teilnehmen. Zu neuen Großdemonstrationen am Freitag, dem muslimischen Feiertag, haben Demokratie-Aktivisten im Internet aufgerufen.

Ein Demonstrant soll nach Augenzeugenberichten am Donnerstag im Nordsinai von der Polizei erschossen worden sein. Damit würde die Zahl der Menschen, die seit Beginn der Demonstrationen am Dienstag starben, auf sieben steigen.

„Wenn die Menschen, vor allem die jungen Menschen, möchten, dass ich den Übergang anführe, werde ich sie nicht hängen lassen“, sagte der frühere Chef der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEO) el Baradei vor seiner Abreise in Wien. Er bot ihnen „politische und spirituelle Unterstützung“ an. El Baradei gilt als einer der schärfsten Kritiker der ägyptischen Regierung, der bisher allerdings keine große Gefolgschaft in seiner Heimat hatte. Seinem Aufruf zum Boykott der Parlamentswahlen im Herbst 2010 war nur ein kleiner Teil der ägyptischen Opposition gefolgt. Seither hielt er sich wieder hauptsächlich in Wien auf.

Während in Ägypten auch am dritten Tag in Folge die Demonstrationen weitergingen, trat die Führung der Regierungspartei NDP zu einer Sitzung zusammen, um „die Ereignisse zu evaluieren“. Seit Ausbruch der Revolte hatte sich nur der Innenminister zu Wort gemeldet. Nach Angaben von Menschenrechtsgruppenwurden seitdem mehr als 1200 Menschen verhaftet.

Die im Zusammenhang mit Tunesien bekannt gewordene Hacker- Gruppe Anonymous warnte die Regierung davor, den Demonstranten den Zugang zum Internet zu erschweren. Andernfalls würden die Seiten der Regierung lahmgelegt, drohten sie in einer Erklärung auf Facebook. Das Netzwerk konnte am Mittwoch stundenlang nicht aufgerufen werden.

Die USA wollen bei den Protesten in Ägypten keine Partei ergreifen. Die USA stelle sich auf keine der beiden Seiten, sagte Präsidialamtssprecher Robert Gibbs am Donnerstag. “Es gibt keine Wahl zwischen der Regierung und dem ägyptischen Volk.“ Außenminister Guido Westerwelle (FDP) appellierte an die ägyptische Führung, keine Gewalt gegen friedliche Demonstranten anzuwenden.

Auch im Jemen gingen Tausende auf die Straße. In der Hauptstadt Sanaa forderten Demonstranten den Rücktritt von Präsident Ali Abdallah Saleh. Mit rtr

Seiten 5 und 23

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