Zeitung Heute : Ägyptologie: Kampf gegen den Verfall

Christian E. Loeben

"Tutanchamun", "Fluch der Pharaonen" oder "Pyramiden" - nicht selten sind es diese abenteuerlichen Bilder, die junge Menschen zum Studium der Ägyptologie anregen. Für manche ist die Enttäuschung groß, wenn sie erkennen, dass sich dieses so exotisch klingende Fach weit entfernt von Geheimnisromantik auf dem festem Boden der Tatsachen bewegt. Grammatik und Vokabeln, Geschichtsfakten und Zeitschriftenabkürzungen auswendig lernen gehören zum Studienalltag.

Kaum überwindbar erscheint manchem die Hürde, Hieroglyphen und die mit ihnen geschriebene, aber nicht sprechbare Sprache zu erlernen. Es bleibt - zumindest im Grundstudium - keine Zeit für romantische Ausgräberstimmung. Die traditionelle, deutsche Ägyptologie ist in erster Linie philologisch geprägt. Sie sieht in der Sprachausbildung ihren Schwerpunkt.

Die Ägyptologen der Humboldt-Universität schaffen es dennoch, ihre archäologisch interessierten Studenten zu begeistern. Kein Weg führt an einem fundierten Spracherwerb vorbei - denn beinahe alle Kunstwerke Alt-Ägyptens tragen Inschriften, die sich ohne gute Kenntnisse über die Hieroglyphen nicht deuten lassen. Dennoch nimmt die Sprache nur ein Drittel des Studiums ein. Gleichberechtigt stehen die Blöcke "Geschichte" und "Kunst und Archäologie" daneben. Ägyptische Kunst kann man sicher nirgendwo in Deutschland so gut am Original studieren wie am Ägyptischen Museum in Berlin. Sie gehört als fester Bestandteil zum Studium.

Vier Wochen in der Oase

Eine Möglichkeit, eine Verbindung zwischen theoretischer Ausbildung, Anschauungsunterricht und der archäologischen Feldarbeit herzustellen, ergab sich im letzten Jahr in Ägypten. Von der Humboldt-Universität und dem Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) finanziert, hatten sieben Studenten die Chance, vier Wochen an einem Projekt in der Oase Dachla rund 800 Kilometer südwestlich von Kairo in der Libyschen Wüste teilzunehmen. Forschungsaufgabe war die Aufnahme der Inschriften am Tempel Deir el-Haggar (arabisch: Steinkloster).

Der Tempel wurde in knapp 100 Jahren, zwischen 54 bis 139 nach Christus, von den römischen Kaisern Nero, Vespasian, Titus, Domitian, Trajan und Hadrian im ägyptischen Stil gebaut und dekoriert sowie mit vielen hieroglyphischen Inschriften versehen. Bereits im fünften Jahrhundert wurde er von einer Wanderdüne völlig verdeckt. Erst 1995 begann ein internationales Forscherteam damit, den Tempel von den Sandmassen zu befreien. Dabei kamen nicht nur Reliefs in ihrer sensationell originalen Bemalung zutage, sondern auch gut erhaltene Spuren des antiken Kultbetriebes, wie sie nirgendwo sonst zu finden sind. Dazu zählen pflanzliche Öle, die bei Tempelfesten über einzelne Partien der Wände und Reliefs geschüttet wurden.

Der Tempel ist den Göttern Amun, Mut und deren Sohn Chons, der "thebanischen Triade" (Götterfamilie von Vater, Mutter, Sohn) geweiht, die entsprechend häufig in den Tempelreliefs abgebildet und in den hieroglyphischen Texten genannt werden. Die wesentliche Aufgabe bei der Bearbeitung eines ägyptischen Tempels ist die genaue Dokumentation der erhaltenen Reliefs und Inschriften, wozu eine "epigraphische Aufnahme" notwendig ist. Ein Foto reicht, wie man als Laie denken könnte, nicht aus, da es sich um eine naturgetreue Wiedergabe des gegenwärtigen Zustandes des Reliefs handelt. Es enthält für die historische Auswertung zu viele Informationen.

Zahlreiche Details des Fotos interessieren den Archäologen nicht, beispielsweise die modernen Zerstörungen des Reliefs, jüngere Graffiti oder Verfärbungen im Stein. Der geschulte Ägyptologe trennt interessante Details aus der Antike von modernen Überformungen. Dies kann nur durch eine genaue Zeichnung geschehen, die alle Informationen enthält, die der antike Künstler dem Betrachter des Reliefs vermitteln wollte.

Für diese epigraphischen Zeichnungen sind drei Schritte notwendig. Zuerst wird eine Eins-zu-Eins-Zeichnung direkt vom Relief abgenommen. Sie wird mit Filzstift auf eine Folie durchgepaust und danach in Kairo mit gängigen Fotokopierern verkleinert. Zurück im fernen Dachla muss die Kopie direkt vor dem Relief überprüft und verbessert werden. Alle Korrekturen werden von einem weiteren Kollegen erneut mit dem Original verglichen. Die somit erzielte Vorlage wird schließlich mit Tinte auf Transparentpapier gezeichnet. Diese Reinzeichnung wird dann erneut mit dem Original verglichen und für die Veröffentlichung genutzt. In Buchform sind somit die Zeichnungen der Tempelreliefs nicht nur für Wissenschaftler in aller Welt auszuwerten, sondern auch in ihrem gegenwärtigen Zustand bis ins kleinste Detail hinein dokumentiert.

Schnelle Dokumentation

Die Studenten der Humboldt-Universität haben in den vier Wochen ihres Auslandspraktikums alle Schritte dieser Dokumentation praktisch gelernt. Sie sind damit auf die Aufgaben eines Ägyptologen vorbereitet, denn epigraphische Dokumentation bedeutet Kampf gegen den Verfall und Wettlauf mit der Zeit. Sand und Wind fügen den frei gelegten Reliefs Schaden zu und zerstören sie teilweise bis zur Unkenntlichkeit. Da jedes pharaonische Bauwerk mit unzähligen Reliefs und Inschriften versehen ist, muss seine Dekoration schnellstens dokumentiert werden. Ein Verlust wäre enorm; berichten die bildlichen und schriftlichen Quellen aus der Oase Dachla doch viel über das Leben in einer multikulturellen Gesellschaft, die vor knapp 2000 Jahren im Schnittpunkt afrikanischer, europäischer und vorderasiatischer Kulturen lebte.

Nach den Empfehlungen des Wissenschaftsrats werden die Magisterteilstudiengänge "Ägyptologie" und "Sudanarchäologie" an der Humboldt-Universität eingestellt. Aufgebaut wird ein interdisziplinär angelegter Studiengang "Archäologie und Kulturgeschichte Nordostafrikas", der in den zwei alternativ wählbaren Vertiefungsrichtungen "Ägypten" und "Mittleres Niltal und Horn von Afrika" abgeschlossen werden kann. Er enthält neben den eher philologischen und archäologischen Anteilen nun auch kulturwissenschaftliche und geschichtliche Komponenten, die einen völlig neuen Ansatz für Lehre und Forschung darstellen.

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