Zeitung Heute : Ängstlichkeit macht abergläubisch

Der Tagesspiegel

Von Rolf Degen

Aberglaube und Okkultismus sind für viele kritische Geister ein Sumpf, der sich nur durch konsequente Erziehung und Bildung trockenlegen lässt. Wer die Prinzipien der Logik und des wissenschaftlichen Denkens beherrscht, so die Hoffnung, wird gegen die Verlockung des Irrationalen immun. Doch wie nun eine aktuelle Übersicht beweist, machen Aberglaube und Mystizismus auch vor der geistigen Elite nicht Halt. Denn im Zuge der New-Age-Bewegung und der Esoterik-Welle steigt die Zahl der Anhänger des Aberglaubens auch unter gebildeten Leuten seit 20 Jahren wieder. Bei einer aktuellen Umfrage in Frankreich legten ausgerechnet die höher Gebildeten das größte Vertrauen in paranormale Phänomene an den Tag.

70 Prozent seiner Studenten hielten das Gabelbiegen à la Uri Geller für real, erregte sich der französische Physikprofessor Henri Broch. Einsteins Theorie der Zeitdilatation, die ihnen im Studium vermittelt wurde, stieß dagegen gerade einmal bei der Hälfte auf Resonanz. Für die Astrologie machten sich in Frankreich von allen Berufsgruppen ausgerechnet die Grundschullehrer am meisten stark.

Menschen besitzen eine enorme Fähigkeit, Ideen in getrennten Schubladen abzulegen, hebt der New Yorker Kriminologieprofessor Erich Goode hervor. Diese „Schizophrenie" kann so weit gehen, dass jemand gleichzeitig ein abergläubisches und ein wissenschaftliches Weltbild vertritt.

Um diese These weiter zu überprüfen, hat Goode eine Reihe von neueren Erhebungen sondiert. Quintessenz seiner Literaturbeschau: Abergläubische Vorstellungen, die auf religiösen Wurzeln basieren, sind immer noch in den unteren Bildungsschichten konzentriert. Der nicht-religiöse Aberglaube (wie Psi, Okkultismus und Ufologie) floriert hingegen über alle intellektuellen Klassen hinweg.

Fast 60 Prozent aller Befragten ohne höhere Schulbildung waren von der wörtlichen Auslegung der biblischen Schöpfungslehre überzeugt. Bei den Befragten mit mindestens Oberschulabschluss sank die Rate der „Kreationisten" auf 28 Prozent. 80 Prozent aus der untersten Bildungsgruppe hielten an der realen Existenz der Hölle fest – „nur" 56 Prozent der besser Gebildeten glaubten an daran. In der unteren Bildungskategorie nahmen 56 Prozent, in der oberen dagegen nur 22 Prozent das Phänomen der dämonischen Besessenheit für bare Münze. Übersinnliche Vorstellungen, die sich aus traditionellen religiösen Quellen speisen, finden offenbar nach wie vor verstärkt in der unteren Bildungsschichten Anhängerschaft.

Der moderne Aberglaube, der sich aus weltlichen Mythen ableitet, scheint sich dagegen demokratisch über alle intellektuellen Schichten zu verstreuen. Die „Ufologie", der Glaube an einen bereits erfolgten Besuch durch Außerirdische, wurde gleichermaßen von besser und schlechter Gebildeten akzeptiert. Auf die Frage, „Glauben Sie persönlich an paranormale und übersinnliche Phänomene?" antworteten etwa 40 Prozent aller Befragten mit und ohne höhere Schulbildung „ja". Auch der spezifische Glaube an die Realität von Parapsychologie, Telepathie oder Astrologie ließ jeden Bezug zum Bildungsgrad vermissen.

Nun stellt sich für Goode die Frage, warum Bildung lediglich den Glauben an religiös motivierte Irrlehren in Frage stellt. Es könnte daran liegen, dass ein anderer intellektueller Faktor, nämlich der „Traditionalismus", mehr Gewicht besitzt: Menschen, die an fundamentalistischen religiösen Dogmen hängen, weisen im allgemeinen auch eher traditionelle, konservative und konventionelle Züge auf. Menschen, die nichtreligiöse paranormale Glaubenssätze als gültig akzeptieren, neigen hingegen dazu, liberaler und unkonventioneller zu sein. Aufklärungskampagnen, die lediglich auf die strikt kognitive Ebene zielen, gehen vermutlich an diesen ideologischen Wurzeln des Aberglaubens vorbei.

Wie der Psychologieprofessor Stuart A. Vyse vom Connecticut College kürzlich ermittelte, ist Aberglaube auch gehäuft mit gewissen Persönlichkeitsmerkmalen verknüpft. Statistisch betrachtet sind ängstliche bis depressive Menschen anfälliger für Aberglauben; Frauen tendieren stärker dazu als Männer. Generell setzen harmoniebedürftige Personen schneller auf den Aberglauben als Selbstbewusste mit einem ausgeprägten Ego.

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