Zeitung Heute : Ärger im Paradies

KOMISCHE OPER Antony Hermus dirigiert die Operette „Der Kuhhandel“ bei der Kurt-Weill-Woche.

UWE FRIEDRICH

Der Dessauer Kantorensohn Kurt Weill ist sozusagen der Hausheilige des Anhaltischen Theaters. So hat auch der Generalmusikdirektor Antony Hermus keine andere Wahl, als mindestens einmal jährlich, nämlich zum Kurt-Weill-Fest, dessen Werke zu dirigieren. So wurde er zwangsläufig zum Weill-Spezialisten, sowohl was die symphonische Musik als auch die Opern betrifft. „Besonders die Frühwerke sind sehr interessant“, erzählt er amüsiert, „denn einige sind sehr gut, bei anderen denkt man sofort, er hätte bei seinem Lehrer Ferruccio Busoni vielleicht doch ein bisschen besser aufpassen sollen. Da ist noch sehr viel Naivität dabei, gepaart mit einem Schuss Zynismus. Die darauf folgende Entwicklung vom eher unauffälligen Kompositionsschüler über die Berliner Zeit bis zu seinen amerikanischen Kompositionen ist schon faszinierend.“

In seiner Operette „Der Kuhhandel“ entwickelt er eine ganz eigene Sprache für die absurde Handlung, verlässt den ruppigen Tonfall der Brecht’schen Songspiele und orientiert sich eher am Humor Jacques Offenbachs. Auf einer fiktiven Südseeinsel gerät ein naiver Hirtenjunge in die Machenschaften der korrupten Herrscher und einer Waffenhändlermafia. Seine Kuh spielt dabei eine besondere Rolle, aber wie es sich in einer Operette gehört, endet die Geschichte glücklich. Die deutsche Version musste jedoch erst aus den Skizzen Weills und einer englischen Fassung rekonstruiert werden. Hier kommt die Kurt-Weill-Stiftung in New York ins Spiel, die streng über das Erbe des 1950 verstorbenen Komponisten wacht. „Ich arbeite sehr eng und vertrauensvoll mit ihnen zusammen. Sie wollen einfach, dass Weills Werke nur in der allerbesten Qualität aufgeführt werden. Da muss man manchmal verschiedene Vorstellungen unter einen Hut bringen, aber im Grunde haben wir ja ein gemeinsames Ziel.“

Der Dirigent muss dabei immer wieder Entscheidungen treffen, die nicht nur durch die Noten begründet sind. Hier kommt es auf Stilempfinden an, auf ein Gespür für die Musik und für die Bedürfnisse der Sänger auf der Bühne. „Dabei ist es ganz egal, ob ich Wagner, Beethoven oder Weill dirigiere. Ich untersuche die Quellen, spreche mit anderen Musikern oder Musikwissenschaftlern. Ich informiere mich über die Geschichte des Werks und das Umfeld der Entstehung. Aber irgendwann kommt der Moment, wo ich einfach loslegen muss.“

Antony Hermus ist das Musterbeispiel für einen Hochenergiedirigenten. Wenn der Vorhang im Anhaltischen Theater zugeht, ist er oft schweißgebadet und auch glücklich. Denn von seinen Musikern kommt mindestens so viel Energie zurück, wie er ihnen vom Podium gibt. Das wäre ohne gründliche Probenarbeit gar nicht möglich. Hermus ist viel zu neugierig, um sich die Proben entgehen zu lassen, wie das viele seiner Kollegen tun. „Eine gute Aufführung kann nur entstehen, wenn alle Beteiligten wirklich zusammenarbeiten. Ich muss doch wissen, was sich auf der Bühne tut, muss wissen, ob ich das Tempo anziehen soll oder den Sängern mehr Zeit zum Atmen lassen muss.“

Ähnlich pragmatisch war auch Kurt Weill und hat seine Werke immer wieder den jeweiligen Umständen angepasst. Wenn das Publikum in einer Komödie nicht lacht, kann das schließlich viele Gründe haben. Kommen die Witze zu schnell oder zu langsam? Ist das Publikum müde oder die Darsteller auf der Bühne? Trifft der Dirigent nicht das richtige Tempo? „Schnelle Noten klingen interessanterweise manchmal gar nicht schnell. Wenn ich das Tempo dann drossele, klingt das Ergebnis manchmal schneller, als es tatsächlich ist. Letztlich ist das gemeinsame Musizieren doch ein Mysterium. Wir müssen uns jedes Mal neu erfinden und nach der künstlerischen Wahrheit für diesen einen Abend suchen.“

UWE FRIEDRICH

„Der Kuhandel“: 18. u. 22.1., 19.30 Uhr. Kurt-Weill-Woche 18.-24.1.

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