Aerodynamische Musik : Gegen alle Widerstände

Roger Grundmann ist Aerodynamik-Professor – und Revolutionär: Er verbiegt Instrumente. Danach lassen sie sich leichter spielen, das begeistert Musiker in aller Welt. Nur die Deutschen sind noch skeptisch.

Noch vor Weihnachten hatte er endlich den Bogen raus aus dem Waldhorn, da hat er die Hornisten der Staatskapelle Dresden angeklingelt. „Kommen Sie morgen um drei an den Hinterausgang der Oper“, haben sie ihm geantwortet. Da warteten vier Hornisten auf ihn, die seine nagelneuen, eckigen Ventilbögen auf ihre sturmerprobten 103-er Hörner steckten. Roger Grundmann wusste gleich, wer das erste Horn war, denn er spielte die höchsten Töne. Und zwar mit einem um 17 Prozent geringerer Reibungswert der Atemluft an den Innenwänden des Instruments!

Roger Grundmann ist jetzt 64 Jahre auf der Welt, aber auch in all den Jahren vor ihm hat noch niemand für das Horn einen „strömungsmechanischen Zugang zur Ursache des Kieksens“ gesucht. Nein, es hat überhaupt noch niemand die numerische Strömungsmechanik auf Blasinstrumente angewandt. Niemand hat die Reibung und die Verwirbelungen der Luft errechnet. Noch niemand hat versucht, die unerhörte Anstrengung zu verringern, die es braucht, um aus Hörnern und Fagotten einen Ton herauszupressen. Auf der Suche nach dem geringsten Widerstand hat Grundmann, Strömungsmechaniker am Luft- und Raumfahrtinstitut der TU Dresden, 30 Prozent weniger Reibung beim S-Bogen des Fagotts und eben 17 Prozent weniger Reibung in den Ventilbögen des Waldhorns herausgeholt. Allein durch eine veränderte Krümmung. Vielen Musikern ist das unheimlich, die Profis sind skeptisch. In Prozenten hatte noch keiner zu ihnen gesprochen.

Grundmann trägt an diesem Tag schwarz wie ein Jazzer. Seit einigen Wochen besitzt er auch ein Dienstsaxofon, es glänzt neben den Fagotten in seinem Dienstzimmer und ist nach dem Waldhorn das dritte Instrument, das sich der Strömungsmechaniker vorknöpft. Auch hier wird es bald Prozente geben.

Wer sich allerdings das Leben von Roger Grundmann nur als die Suche nach dem geringsten Widerstand vorstellt, tut ihm Unrecht. Die Musiker wissen ja nicht, wie Grundmann schon vor mehr als 40 Jahren im „i-Punkt“, einem Weinlokal im obersten Stockwerk des Berliner Europa-Centers, in schwarzen Hosen und Kamelhaarjackett die Nächte mit seiner Band durchgejazzt hat. Sie wissen nur, dass der inzwischen graubärtige Grundmann mit geschlagenen 58 Jahren zum ersten Mal ein Fagott zum Munde führt und an dem Widerstand des Instruments bald verzweifelt.

Grundmann nimmt das Anblasrohr, das dünne Stück Metall zwischen dem Mundstück und dem eigentlichen Instrument, mit ins Institut. Er biegt und rechnet. Er kann die Reibung um 30 Prozent verringern. Der Wissenschaftler braucht jetzt einen Instrumentenbauer, der gewillt ist, einen optimierten Bogen herzustellen, er braucht Musiker, die ihm sagen, ob der Klang leidet. Und dann muss er eintauchen in diese elitäre Welt, die nur dem Klang huldigt, und deren Mittelpunkt in Sachen Fagott in einer oberbayerischen Werkstatt liegt, in der der Meister selbst ans Telefon geht: „Wolf“, Guntram Wolf, heute 72. Ob es ihn interessiere, dass der S-Bogen fürs Fagott nicht richtig sei? Wolf weiß nicht, was ein Strömungsmechaniker ist, aber er ist schlagartig hellwach.

Guntram Wolf ist gewohnt, ungewöhnliche Erkenntnisse zu verarbeiten. In der Luftwaffe, für die er einmal geflogen ist, haben sie jahrelang jeden Samstag die Tragflächen ihrer Maschinen poliert, bis folgende Erkenntnis aus der Meeresbiologie zu ihnen drang: Alle schnellen Fische haben eine raue Oberfläche. Nur langsame Fische wie Muränen sind glatt. „Sie sehen heute in der Luftfahrt keine spiegelnden Flächen mehr.“

Die Oberflächenstruktur beeinflusst also die Luftführung. Und zwar auch innerhalb eines Musikinstruments. Und die Luftführung beeinflusst den Klang. Roger Grundmann stellt schnell fest, dass seine ungewöhnliche Theorie bei diesem Mann gut aufgehoben ist.

„Instrumentenbauen ist ja die reine Empirie“, sagt der. Speziell bei den Holzblasinstrumenten gebe es kaum Literatur, weil die erfahrenen Meister es vorzogen, ihre Weisheit mit ins Grab zu nehmen. Jetzt kommt es darauf an, die Empirie mit der Theorie in Verbindung zu bringen.

Musiker, Komponisten und Instrumentenbauer machen den Fortschritt der Musik ja normalerweise unter sich aus. Der musikalische Ehrgeiz eines Komponisten trifft auf den handwerklichen Ehrgeiz der Instrumentenbauer oder auf den spielerischen eines Musikers. Nur der Ehrgeiz eines Strömungsmechanikers ist nirgends vorgesehen. Es gibt auch kein industrielles Interesse am Fortschritt. Er hängt davon ab, dass ein Einzelner mit einem Einzelnen ins Gespräch kommt.

Vor Jahren schnappte Wolf den Seufzer eines Fagottisten auf: „Wir haben einen roten Kopf, und keiner hört uns.“ Wolf lässt diese Information sacken, sie reagiert mit seiner Erfahrung, 2003 baut Wolf ein Kontrafagott, für das er einen Innovationspreis erhält, und das alle nur das „Kontraforte“ nennen, obwohl man damit nicht nur außergewöhnlich laut, sondern auch besonders leise spielen kann.

Guntram Wolf hat in Folge des Telefonats mit dem Strömungsmechaniker viele Male Neusilber auf einen Dorn aufgepresst und die entstandene Konusstange gebogen, bis am Ende ein S-Bogen draus wurde, der viel weniger gekrümmt ist, der zum Patent angemeldet wurde und den er jetzt in alle Welt verkauft. Er wundert sich noch immer darüber, dass kein anderer Instrumentenbauer sich für die Idee interessiert hat, im Gegenteil, sie riefen ihn an und fragten: Du willst doch nicht solch einen Quatsch mitmachen?

Grundmann hat also den Widerstand im S-Bogen verringert, aber die anderen Widerstände unterschätzt er. Zum Beispiel die psychische Verfasstheit der Musiker. „Die spielen mir dann Tonleitern vor und sagen: Sehen Sie, ich kann es auch so.“ Grundmann verstimmt so was. Er versteht, dass die Fagottisten sich umgewöhnen müssen mit seinem Bogen. Man müsse das „Druckgedächtnis“ mit den 45 Halbtönen, das einer über Jahrzehnte zur präzisen Erzeugung der Töne aufgebaut hat, nach unten versetzen. Instrumente sind ja etwas ungeheuer Privates. Sie werden zur Verlängerung des Körpers, belebt vom eigenen Atem.

Das Leben eines Fagottisten, sagt Andreas Börtitz, 46, „in die Tiefe“ spezialisierter erster Solokontrafagottist der Dresdner Staatskapelle, lässt sich auch als die lebenslange Suche nach dem perfekten S-Bogen beschreiben. Fagottisten, sagt Börtitz, lassen sich häufig von einem Instrumentenbauer zehn verschiedene S-Bögen zuschicken, testen sie, und oft lassen sie zehn wieder zurückgehen. Er erklärt aus einem großen Polstersessel seines Dresdner Einfamilienhauses heraus, dass ein S-Bogen, den sie vor ihre teuren Fagotte stecken, um die Verbindung zwischen dem Mundstück und dem eigentlichen Instrument herzustellen, ja nur ein Teil der Musik sei, ein Teil des Klangs. Da ist das eigene Lungenvolumen, die persönliche Anblastechnik, die möglichst stabilen Vorderzähne, das Doppelrohrblatt, selbst geschnitzt, das zwischen einem einzigen „Dienst“ und zwei Wochen hält. Und schließlich ist da auch der S-Bogen, aus einer Legierung, die kann versilbert oder vernickelt sein und verschiedene Wandstärken haben. Der gleiche Bogen könne dem einen nützen und für den anderen ungeeignet sein. Vielleicht, sagt Börtitz, kommt der Grundmann-Bogen meiner Blasweise entgegen, die ist leicht, mit wenig Druck.

Im Prinzip wird die Entwicklung der Instrumente nie abgeschlossen sein. Und die Musik wird auch durch bauliche Neuerungen vorangetrieben. Mozart zum Beispiel hat für seinen Lieblingsmusiker Arnold Stadler komponiert, der eine Klarinette mit zusätzlichen Klappen spielte. In der Freischütz-Overtüre von Weber sind tiefe Töne einkomponiert, die überhaupt erst ein paar Jahre später spielbar wurden, als das Instrument eine weitere Klappe bekam. Oder die berühmten Silbermann-Orgeln: Sie haben kein tiefes Cis im Pedal, das braucht es aber, um Bach zu spielen. „Einige finden es schwer zu akzeptieren, dass ein Fagott-Laie auch etwas Sinnvolles entwickeln kann,“ sagt Andreas Börtitz. „Und dann mit solcher Konsequenz.“

Dass Grundmann wie ein Wundertäter gefeiert wurde, habe bei den Musikern Abwehrreaktionen hervorgerufen. „Die fühlen sich gestört,“ sagt Wolf. Und: „Das widerstandslose Spielen mag der Musiker überhaupt nicht, da kann er nicht mehr gestalten.“ Dabei hat Grundmann den Widerstand ja nie abschaffen wollen. Jedes Instrument braucht einen spezifischen Widerstand, an dem erst der Klang entsteht Die schwierigste und teuerste Aufgabe bei den ersten elektronischen Keyboards war es, den Widerstand der Tasten dem eines Klaviers möglichst nahe zu bringen. Erst die Art, wie die Taste an den Finger zurückspringt, wie sie auf unterschiedlichen Anschlag reagiert, erlaubt, einen Ton zu modulieren.

Der Klang des Fagotts hat sich nicht verändert, erzählt Wolf. Wenn die Musiker also gefragt werden, warum Grundmanns S-Bogen nicht tauge, können sie oft gar keine Einwände vorbringen. Bleiben also Vorurteile: Er sehe ja eher aus wie ein L-Bogen, haben die Profis kritisiert.

Guntram Wolf exportiert ihn inzwischen nach Australien, in die USA, nach Italien, in die Schweiz, und langsam bemerkt er die ersten Anzeichen für Akzeptanz auch im eigenen Land.

Roger Grundmann sitzt in seinem Büro und liebt es, Ergebnisse zu liefern, nach denen keiner gefragt hat. „Wenn man mit vollem Bewusstsein etwas erlebt, dann bildet sich ein neuronales Netz“, sagt Grundmann. Er liest über das Gehirn. Er haut Holz zu Plastiken. Er übt jeden Tag eine Stunde Fagott. Grundmann weiß, dass man eine Tätigkeit über 10 000 Mal tun muss, bis sie endlich im Kleinhirn verankert ist. Bis also die Basalganglien, zuständig für die Motorik, die Reflexe abgespeichert haben. Bis er eine Note sieht und sie ohne einen bewussten Befehl an die Finger einfach spielt. „Nach meinen Erkenntnissen“, meldet Grundmann, „sind die Griffe jetzt im Kleinhirn angelangt.“

Da ist einem sein universales Bildungsideal zu einer Entdeckung geraten. Ist Grundmann also ein Aerodynamik-Professor auf Abwegen, wie ihn viele Musiker sehen? Oder einer, der es geschafft hat, die losen Enden seiner Biografie in Patent Nr. DE 103 43 437 B4 2006.03.30 zusammenzuzwingen? In diesem Jahr wird er pensioniert. Er wird dann weiter sein Holz bearbeiten, Musik machen und die Basalganglien fordern. Von ihm bleibt, wenn sonst nichts, etwas Kleines, Geknicktes, Patentiertes aus Metall.

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