Zeitung Heute : „Ärzte gibt es – nur nicht zum Nulltarif“

Der Kläger Norbert Jaeger über Urteil und Umsetzung

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NORBERT JAEGER

(43)

ist Assistenzarzt in der Chirurgischen Abteilung des Städtischen

Krankenhauses in Kiel. Er hat drei Jahre lang geklagt.

Foto: dpa

Herr Jaeger, wie fühlen Sie sich nach dem Urteil. Sind Sie erleichtert oder hatten Sie schon fest mit Ihrem Sieg gerechnet?

Ich bin schon erleichtert. Bis zum letzten Moment hatte ich damit gerechnet, dass sich doch noch Hintertürchen öffnen würden. Als ich in dem großen Saal saß und der Vorsitzende zu reden anfing, ist mir das Herz in die Hosentasche gerutscht. Jetzt braucht’s eine gewisse Zeit, bis ich alles verarbeitet habe.

Was hat Sie denn zu der Klage gebracht?

Die Tatsache, dass ein Gesetz, das für Europa existiert, in Deutschland weder beachtet noch umgesetzt wurde.

Wie unerträglich war denn Ihre eigene Situation im Krankenhaus?

Natürlich habe auch ich zu spüren bekommen, dass die Ruhezeiten gar keine sind. Dass wir teilweise 25, 26 Stunden am Stück arbeiten. Ich darf nach einem solchen Dienst nicht mehr mit dem Auto nach Hause fahren. Aber Patienten darf ich operieren.

Es gibt ja auch viele Krankenhausärzte, die Ihre Klage gar nicht gern gesehen haben.

Die gucken auf ihren Geldbeutel und haben sich daran gewöhnt, dass man als Krankenhausarzt 80 Stunden in der Woche arbeiten muss, um die Familie ernähren zu können. Das haben die meisten akzeptiert. Die Ärzte im Praktikum haben teilweise ein Gehalt, das unter Sozialhilfeniveau liegt. Das sind Ärzte zum Discountpreis, und die sind darauf angewiesen, so viel zu arbeiten.

Sind Sie von Kollegen angegriffen worden?

Darauf gebe ich Ihnen keine Antwort.

Warum nicht?

Das gehört der Vergangenheit an.

Rechnen Sie damit, dass sich die Situation in den Kliniken jetzt schlagartig verbessert?

Schlagartig nicht, weil das erst akzeptiert werden muss. Die Regierung hat das Thema ja drei Jahre lang blockiert. Die werden auch jetzt wieder versuchen, sich um die Folgen des Urteils zu drücken.

Das klingt sehr fatalistisch.

Das ist nicht fatalistisch, sondern realistisch. Der Teufel steckt im Detail, und die Urteilsbegründung ist 30 Seiten lang. Ich nehme an, dass sich viele Juristen der Regierung und der Krankenhausgesellschaft damit beschäftigen werden, wie das auszuhebeln wäre.

Gibt es die vielen Krankenhausärzte überhaupt, die jetzt eingestellt werden müssten?

Die gibt es selbstverständlich, aber nicht zum Nulltarif. Man hätte Zeit gehabt, sich darum zu kümmern. Aber man hat nichts gemacht, um nicht zugeben zu müssen, dass es geht.

Was hat Ihnen denn geholfen durchzuhalten?

Erstens das Wissen, dass es richtig ist und gemacht werden muss. Zweitens meine Familie. Und drittens mein christlicher Glaube.

Also auch Selbstlosigkeit.

Unser Krankenhaus hat sehr gute Arbeitsbedingungen, und das hat mir auch das Unverständnis der Kollegen eingebracht, die gesagt haben: Warum macht er das? Uns geht’s doch gut. Ich habe es aber gerade als Auftrag und Verpflichtung empfunden, was für die zu tun, denen es nicht so gut geht.

Das Gespräch führte Rainer Woratschka.

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