Ärzte und Sterbehilfe : Verbot verpflichtet

Es ist eines der ganz schwierigen ethischen Themen, und es ehrt die Ärztekammer, dass sie sich davor nicht drückt. Darf ein Mediziner einem unheilbar Kranken beim Freitod helfen? Stiehlt er sich selbstgerecht aus der menschlichen Verantwortung, wenn er es nicht tut und den hilflosen Patienten mit seinem Sterbewunsch allein lässt? Oder verstößt er gegen alle ärztlichen Grundsätze, wenn er sich zum Todesengel macht?

Einer Umfrage zufolge wäre knapp jeder dritte Mediziner bereit, Patienten in hoffnungsloser Situation bei der Selbsttötung zu assistieren – etwa indem er ihnen Medikamente besorgt. Das ist eine irritierend hohe Zahl. Es hat gedauert, bis sich die Funktionäre zum Gegenhalten entschlossen. Zunächst tendierten sie zum Gegenteil, einer Aufweichung ihrer Prinzipien. „Wenn die Ärzte mit sich selbst im Reinen sind, brechen wir nicht den Stab über sie“, sagte ihr Präsident noch vor fünf Monaten. Aus der Formulierung, dass Suizidbeihilfe „dem ärztlichen Ethos“ widerspreche, wurde die Feststellung, dass es sich dabei um „keine ärztliche Aufgabe“ handele. Auf dem Ärztetag in Kiel vollzogen die obersten Mediziner nun die Kehrtwende. Fortan wird in ihrer Berufsordnung nicht nur stehen, dass es verboten ist, Patienten auf deren Verlangen zu töten. Es folgt auch der unmissverständliche Zusatz, dass Mediziner „keine Hilfe zur Selbsttötung leisten“ dürfen. Strafrechtlich ist Beihilfe zum Suizid in Deutschland nicht verboten, womöglich wird es für die Kammer nicht einfach, zuwiderhandelnde Kollegen zu sanktionieren. Doch Ärzte stehen in besonderer Verantwortung. Helfen sie Patienten bei der Selbsttötung, ist das auch ein Expertenurteil über den Wert menschlicher Existenz. Das aber kann und darf sich niemand anmaßen – ein Arzt, der sich zum Helfen verpflichtet hat, am allerwenigsten.

Die Standesvertreter haben rechtzeitig gemerkt, dass sie sich mit der Lockerung ihrer ethischen Regeln auf gefährliches Terrain begeben hätten. Oft ist der Suizidwunsch ein Hilferuf: Ausdruck der Angst vor Einsamkeit, Pflegebedürftigkeit, Autonomieverlust. Viele, die sich den Tod wünschen, leiden unter behandelbarer Depression. Doch gerade bei alten Menschen wird diese Diagnose oft nicht mehr gestellt, geschweige denn nach Hilfe gesucht, als wäre Lebensmüdigkeit im Alter hinzunehmen und der Betroffene eine aufwendige Psychotherapie nicht mehr wert. Anders als beim Streit um künstliche Hüftgelenke regt dieser stillschweigende Konsens kaum jemanden auf.

Suizidbeihilfe abzulehnen, bedeutet aber auch Verpflichtung. Wenn man Schwerstkranken die Schmerzen nimmt, kann das dem Drang entgegenwirken, das eigene Leben zu beenden. Doch davon ist unser Gesundheitswesen weit entfernt. Bis heute fristet der Umgang mit unheilbar Leidenden an Universitäten und in der Weiterbildung ein Schattendasein. Mancher Krebspatient auf dem Land hat am Wochenende Probleme, ein neues Morphiumpflaster zu bekommen. Von Notdienst nicht zu reden. Dass es diese Defizite gibt, macht den Ruf nach ärztlicher Suizidbeihilfe verständlich. Es rechtfertigt aber nicht, sie berufsrechtlich abzusegnen. In unserer durchökonomisierten Gesellschaft, in der den Kranken und Alten ständig vorgerechnet wird, wie viel sie kosten, wäre das ein verheerendes Signal. Etwas anderes ist das Sterbenlassen in Würde. Es muss im Medizinbetrieb wieder höheren Stellenwert erhalten. Die ethische Abwägung in jedem einzelnen Fall kann und darf den Ärzten kein noch so gut gemeintes Paragrafenwerk abnehmen.

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