Zeitung Heute : Ärztlicher Beistand

Die Honorare der niedergelassenen Ärzte werden im kommenden Jahr um 2,7 Milliarden Euro angehoben. Welche Auswirkungen hat das für die Versicherten?

Cordula Eubel

Die rund 145 000 niedergelassenen Ärzte in Deutschland erhalten im kommenden Jahr bei den Honoraren ein Plus von rund zehn Prozent. Das sei „die höchste Steigerung der Gesamtvergütung seit Bestehen der ärztlichen Selbstverwaltung“, triumphierte der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Köhler. Die Vergütung steigt laut KBV insgesamt um 2,7 Milliarden Euro – rechnerisch macht das pro Praxis etwas mehr als 17 000 Euro. Ursprünglich hatten die Ärzte ein zusätzliches Honorarvolumen von 4,5 Milliarden Euro verlangt. Nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums haben die gesetzliche Kassen im vergangenen Jahr 23,1 Milliarden Euro an die kassenärztlichen Vereinigungen gezahlt.

Für die 70 Millionen gesetzlich Versicherten wird die Gesundheitsversorgung teurer werden. Schließlich bezahlen sie mit ihren Krankenkassenbeiträgen die Ärztehonorare. Die nun vereinbarte Honorarerhöhung hat zur Folge, dass der durchschnittliche Krankenkassenbeitrag steigen wird – und zwar um 0,28 Prozentpunkte. Derzeit liegt er bei 14,9 Prozentpunkten.

Welche Mediziner besonders von dem Honorarplus profitieren werden, lässt sich noch nicht genau beziffern. Denn das hängt davon ab, nach welchem Schlüssel das Geld an die verschiedenen Fachrichtungen verteilt wird. Derzeit verdient ein niedergelassener Radiologe im Schnitt etwa doppelt so viel wie ein Allgemeinarzt. Klar ist trotzdem: Auch die Fachärzte werden mehr Geld erhalten, nicht nur die Hausärzte. Die Mediziner in den neuen Bundesländern sollen nach Angaben der KBV überdurchschnittlich profitieren, indem ihre Honorare weiter dem Westniveau angenähert werden. Nach Angaben der KBV sollen sie künftig pro Versicherten 94 bis 95 Prozent des Westniveaus erhalten.

Mit der Gesundheitsreform ändert sich auch die Art der Vergütung insgesamt. So werden die Ärzte künftig für ihre Leistungen einen festen Eurobetrag erhalten – wie sie seit langem selbst gefordert hatten. Bisher wurde über ein kompliziertes System variabler Punktwerte abgerechnet, so dass viele Ärzte nicht genau wussten, wie hoch ihr Einkommen in einem Quartal sein wird. Mit der neuen Honorarordnung wird die Budgetierung – also die Deckelung durch die Politik – abgeschafft. Das bedeutet auch: Das sogenannte Morbiditätsrisiko geht von den Ärzten auf die Krankenkassen über. Wenn mehr Menschen häufiger krank werden, so müssen das nicht wie bislang die Ärzte schultern, sondern dann kommen die Krankenkassen dafür auf.

Im November wird die Bundesregierung festlegen, wie hoch der Einheitsbeitrag sein soll, den die Versicherten ab 2009 – wenn der Gesundheitsfonds eingeführt wird – zahlen müssen. Die nun vereinbarte Honorarerhöhung für die Ärzte wird da natürlich miteinberechnet werden müssen. Das heißt, sie wird den einheitlichen Beitragssatz steigen lassen. Für SPD und Union, die den Bürgern stabile Lohnnebenkosten versprochen haben, wird das schwer zu erklären. Zumal die Krankenkassen auch mit Mehrausgaben für die Klinken von geschätzt einer Milliarden Euro und mit einem weiteren Plus bei den Arzneimitteln rechnen müssen. Einzelne Kassenmanager rechnen mit einem Einheitsbeitrag zwischen 15,5 und 15,8 Prozent.

Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) verspricht sich von der Honorarsteigerung für Ärzte eine bessere Behandlung der Kassenpatienten. Die Ärzte müssten nun eine Gegenleistung liefern: „Wir erwarten, dass sich dies durchgängig in einer qualitativ hohen und guten Versorgung für die Versicherten niederschlägt“, sagte Schmidt. Auch solle mit der Reform erreicht werden, dass die unterschiedlichen Servicequalitäten bei gesetzlich und privat Versicherten der Vergangenheit angehören.

Für die Opposition ist das dicke Plus bei den Ärztehonoraren ein Kuhhandel. Daniel Bahr, gesundheitspolitischer Sprecher der FDP, warf der Bundesregierung vor, sich Ruhe bei den Ärzten zu erkaufen, um eine verkorkste Gesundheitsreform umzusetzen. Ähnlich sieht das die Linkspartei. „Diese Honorarerhöhung ist ein nicht unerhebliches Geschenk der Bundesregierung an die niedergelassenen Ärzte“ für das die Versicherten aufkommen müssten, sagte deren gesundheitspolitischer Sprecher Frank Spieth. Cordula Eubel

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