Zeitung Heute : Affen, Brot und Bäume

Borneos grünes Herz stirbt. Jahr für Jahr holzen Malaysia und Indonesien zwei Millionen Hektar Regenwald ab und nehmen Tieren den Lebensraum. Aber gerade geschieht ein kleines Wunder

-

Gleich wird die Sonne in den Dschungel fallen. Es geht kein Wind mehr, der KinabatanganFluss ist glatt. Am Ufer sitzen kleine Affen in den Baumwipfeln, flussabwärts stehen Elefanten im Wasser, es rauscht, als einer büschelweise Gräser ausreißt. Am Himmel wird das Abendrot dunkler. Das Zwitschern der Vögel erstirbt, dafür zirpen die Grillen lauter und lauter. Und dann liegt die Nacht über dem tropischen Regenwald von Malaysia.

„Zauberhaft“, sagt Cede. „Früher war es überall auf Borneo so schön. Die ganze Insel war dichter Wald. Aber heute gibt es nur noch ein paar wenige Flecken.“ Cede ist ein immer freundlicher Malaysier mit rundem Gesicht und pechschwarzem Schnurrbart. Er führt Touristen, Wissenschaftler und Umweltschützer durch Sabah, den malaysischen Bundesstaat im Norden Borneos. Nach einem langen Tag sitzt Cede bei einer Tasse Tee in einer Lodge am Flussufer. „Warum haben wir Malaysier bloß so spät erst Umweltbewusstsein entwickelt?“

Cede ist in diesem Regenwald aufgewachsen – ausgerechnet in einem Holzfäller-Lager. Sein Vater hat für eine Holzfirma gearbeitet, so wie vor 40 Jahren alle Männer in Sabah. „Wir haben uns nichts Böses dabei gedacht“, sagt Cede, „wir haben geglaubt, der Wald hätte nur einen Wert: Holz.“ Heute lässt Malaysias Regierung weiter abholzen, aber mittlerweile gibt es auch ein paar Naturschutzgebiete, wie hier am Fluss Im Kinabatangan-Becken ist der Boden in einigen Zonen zu sumpfig für die Landwirtschaft. Wo Bäume blieben, treffen sich die Tiere. Aber solche Orte werden immer seltener.

150 Jahre lang haben Menschen Borneo Gewalt angetan. Es war in Millionen Jahren gewachsen. Die Insel ist so groß wie die Türkei. Früher fällten Kolonialherren Bäume und schufen Kautschuk-, Kaffee- und Zuckerplantagen. Jetzt teilen sich die Staaten Malaysia, Indonesien und Brunei die Insel. Nur das winzige Öl-Sultanat Brunei braucht weder Holzexport noch Landwirtschaft – die beiden anderen Länder umso mehr, besonders Indonesien, wo die Hälfte der 220 Millionen Einwohner mit nur zwei US-Dollar pro Tag überleben muss. „Wir holzen jährlich zwei Millionen Hektar ab“, sagt Soetiono Wibowo, Generaldirektor im indonesischen Forstministerium. Zwei Millionen Hektar – eine Fläche so groß wie Israel. Pro Minute sieben Fußballfelder. 90 Millionen Hektar Wald hat Indonesien noch – zweieinhalb Mal Deutschland.

Am nächsten Morgen am Kinabatangan-Fluss, mühelos vertreibt die Tropensonne den Morgendunst. Das Wasser plätschert am Bug des Holzbootes, hinten surrt ein Außenbordmotor. Am Ufer schwimmt als Anlegesteg ein festgezurrter Baumstamm. Über der matschigen Böschung führt ein Pfad zu einem Holzhaus. Es ist eine Station der RAE. Die Abkürzung steht für „Red Ape Encounters“, hier werden Treffen mit „Waldmenschen“ arrangiert, mit Orang-Utans. „Das ist nicht einfach, sie sind scheu“, sagt Sheena James, die Biologin, die hier Affenforschung betreibt. 27 Menschenaffen leben im RAE-Gebiet, auf sechs Quadratkilometern zwischen Plantagen und Fluss. „Das Gebiet ist zu klein“, sagt Sheena, „vielleicht pflanzen sie sich deshalb nicht fort. In fünf Forschungsjahren gab es keinen Nachwuchs.“ Orang-Utans brauchen Korridore, sie müssen wandern können, sagen Experten.

Biologin Sheena und Mitarbeiter Hadrin gehen zügig voran. Der Pfad führt durch dichten Dschungel, Rankpflanzen wuchern neben riesigen Baumstämmen. Es ist sehr feucht, so lieben es Orang- Utans. Auf über 1000 Metern Höhe frieren sie. Leider. Denn in den Bergen Borneos fänden die Menschenaffen noch viele Bäume, Steigungen schützen vor Menschen und Maschinen. Nach einer halben Marschstunde ist weit oben in einem Baum, vielleicht 25 Meter hoch, etwas Rotes zu sehen. „Da sind sogar zwei. Ein Weibchen und ihr Baby“, flüstert Sheena. „Das Kleine ist in der Pubertät, also etwa sechs Jahre alt.“ Die beiden Orang-Utans dösen. „Schön“, sagt Sheena.

Vor 7000 Jahren sollen noch fünf Millionen Orang-Utans in Ostasien gelebt haben. Heute gibt es sie nur noch auf zwei indonesischen Inseln: 55000 Tiere auf Borneo, 7000 auf Sumatra, schätzt der WWF, der World Wide Fund For Nature. Seit 1990 sei der Bestand um zwei Drittel geschrumpft, und wenn das so weitergehe, dann seien sie 2020 endgültig ausgestorben. Der WWF will, dass die Naturschutzgebiete ausgeweitet und verbunden werden. Ein grenzübergreifendes „Herz von Borneo“ soll entstehen. Und vielleicht klappt das ja sogar. In der indonesischen Inselmitte zumindest gibt es einen Ort, in dem vor kurzem ein kleines Wunder passiert ist.

Die Reise vom malaysischen Norden Borneos zur indonesischen Inselmitte dauert zwei Tage. Drei Zwischenlandungen, eine Übernachtung, fast fünf Flugstunden. Von oben sieht man: Im Gebirge und manchmal sogar im Tiefland stehen noch viele Bäume. Wie Samt bedeckt ihr Grün die Erde, Schatten von Wölkchen ziehen über den Teppich. Andernorts klaffen Wunden, dort, wo abgeholzt wurde. Tagebau-Minen liegen kreidebleich im Sonnenschein. Aber die größten Umweltzerstörer sind grün: Es sind Palmen. Millionen von Ölpalmen. In Reih und Glied stehen sie da, wie ein Heer, von oben betrachtet.

Ölpalmen, aus Westafrika geholt, wachsen nirgends so gut wie auf den malaysischen und indonesischen Plantagen. Spülmittel, Hautcreme, Käsekuchen, Lippenstift – überall ist Palmöl drin. Weltweit werden jährlich fast 30 Millionen Tonnen verbraucht, 25 kommen aus Indonesien und Malaysia. Die beiden Länder haben allein für ihre Palmölplantagen eine Waldfläche vernichtet, die drei Mal so groß ist wie Belgien. Und die Nachfrage steigt noch.

Anlegestelle am Fluss, Hauptstraße, Hotel, Tante-Emma-Läden, Polizeistation und einfache Wohnhäuser – das ist Putussibau. Eigentlich müsste der bescheidene Ort in der Mitte Borneos reich sein. Putussibau ist immerhin die Hauptstadt des indonesischen Distriktes Kapuas Hulu, und hier verschwand in den vergangenen Jahren Holz im Wert von vielen hundert Millionen Dollar – fast alles ohne Konzession gefällt. Noch im Wald oder an den Straßenrändern wurden aus großen Stämmen kleine Kanthölzer, vier Meter lang, zwanzig Zentimeter breit, zehn Zentimeter hoch – gerade die richtigen Abmessungen für die Ladeflächen der Lastwagen, die zu Tausenden ungehindert über die Grenze nach Malaysia rollten; indonesische Beamte verdienten ordentlich Schmiergeld daran. In Malaysia wurde dann die Holzmafia reich daran, die Ware teuer an Exporteure zu verkaufen. Aber die Fäller, die Bauern und die Dorfbewohner bekamen nur wenig für die Bäume aus ihrer Gegend.

„Sie alle: Bevölkerung, Politiker, Polizisten, Grenzer, Militärs und die Holzmafia, sie alle haben den Wald wie einen Supermarkt behandelt, in dem man nicht bezahlen muss“, sagt Hermayani Putera. Er arbeitet in Putussibau für den WWF – und gilt zusammen mit seinen Kollegen als Geschäftverderber. Im April waren plötzlich Männer im Büro aufgetaucht, die nach den Namen aller lokalen WWF-Leute gefragt hatten, bedrohliche Gestalten. Sie waren sauer, denn für die WWF-Leute war ein Wunder geschehen: Indonesiens neuer Präsident Yudhoyono hatte plötzlich den Wald-Supermarkt von Kapuas Hulu geschlossen. Nun rollen kaum noch Kantholzlaster, fast alle Kettensägen sind stumm. Außerdem hatte der Polizeichef neun malaysische Händler verhaften und allerlei beschlagnahmen lassen. Vor seiner Polizeistation stehen neben Kantholzhaufen ein paar Laderaupen und sogar ein roter Tanklaster mit malaysischem Kennzeichen, früher wohl mobile Tankstelle der Holzmafia.

In Kapuas Hulu und in einigen anderen Landesteilen herrscht Entsetzen und Verwirrung. Nie hatte ein indonesischer Präsident etwas gegen das illegale Abholzen unternommen. Sind Yudhoyonos umweltfreundliche Anweisungen nur Kosmetik und bald wieder vorbei? Meint er es ernst? Niemand weiß, wie weit er gehen wird. Sich ernsthaft mit all denen anzulegen, die am Milliardengeschäft mit dem illegalem Holz verdienen, ist gefährlich. Selbst für einen Präsidenten.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!