Zeitung Heute : Afghanische Flüchtlinge: Krieg den Hütten

Elke Windisch

Mit kleinen Schritten tastet sich die rote Sonne am Horizont entlang und bringt die Gletscher der Sechstausender von Pamir und Hindukusch zum Glühen. Die pastellene Kopie des Bergpanoramas fällt auf das Wasser des Pjandsch, der westwärts fließt. Rosa Reif glitzert auf Sand und Röhricht.

Die vier Männer, die durchs Schilf streifen, haben keinen Blick für die Schönheit. Sie gehören zum Aufklärungsbataillon der 13. Moskauer Grenzbrigade, die hier Dienst schiebt. Ihr Abschnitt ist in diesen Tagen einer der gefährlichsten an der insgesamt 1475 Kilometer und 67 Zentimeter langen Demarkationslinie zwischen Afghanistan und der ehemaligen Sowjetrepublik Tadschikistan, einem vom Bürgerkrieg zerrütteten Land, das seine Grenzen aus eigener Kraft nicht verteidigen kann. Seit sieben Jahren stehen deshalb die Russen für den Ernstfall bereit, der jeden Tag eintreten kann: Im Herbst rückten die Taliban unmittelbar bis ans jenseitige Ufer des Pjandsch vor. Der russische Posten liegt für ihre Scharfschützen förmlich auf dem Präsentierteller. Es ist still, nur von irgendwoher schreit ein Kind mit dünner Stimme.

Hintergrund:
Die Taliban begannen ihren Siegeszug 1994 mit Hilfe Pakistans

Im Herbst, wenn von den Gletschern kein Wasser mehr kommt, bilden sich im Pjandsch schmale Inseln. Auf die haben sich inzwischen rund 2000, vielleicht sogar 5000 Menschen aus Afghanistan geflüchtet. Dicht an dicht drängen sich primitive Schilfhütten auf dem Treibsand. Nur selten hängt vor dem Eingang eine Decke, meist müssen Bettlaken als Windschutz reichen, obwohl das Thermometer nachts unter minus zehn Grad anzeigt. Unförmige Gestalten huschen zwischen den Hütten umher: Frauen, Kinder und Männer, die mehrere Schichten Kleidung auf dem Leib tragen - häufig das Einzige, was sie bei der Flucht retten konnten.

Es mangelt an allem: Decken, Medikamente, Lebensmittel, Tee. Schon Kerzen, Streichhölzer und Brennholz sind hier der Inbegriff von Luxus. Allmählich gehen auch die 18 Tonnen Mehl zur Neige, die das UN-Flüchtlingshilfswerk und der Internationale Rote Halbmond im November verteilten. An Nachschub ist nicht zu denken. Helfer riskieren bei der Flüchtlingsbetreuung Kopf und Kragen, denn die improvisierten Lager im Niemandsland liegen direkt zwischen den Fronten.

Faisulló, 43 Jahre alt und Vater von sechs Kindern, hält es für einen reinen Glücksfall, dass bisher niemand zu Schaden gekommen ist. Wenn die Taliban die russischen Grenzer am anderen Ufer aufs Korn nehmen, pfeifen die MG-Salven direkt über die Hütten hinweg. Faisulló sagt, er habe allein im Februar 22 Angriffe gezählt. Dann rollt er im Sand einen Fetzen Stoff aus, seinen Gebetsteppich, und verbeugt sich nach Südwesten Richtung Mekka. Bitten um Brot und etwas Wärme kommen erst sehr weit hinten in seinem Gebet vor. Allah, das ist Faisullós größter Wunsch, möge den Soldaten auf beiden Seiten Vernunft schenken, damit er und seine Leute der Todesfalle entrinnen.

Die Russen am linken Ufer haben den strikten Befehl, niemanden ins Land zu lassen. Sie sind angehalten, nach Anbruch der Dunkelheit auf alles, was sich bewegt, ohne Vorwarnung zu schießen. Tadschikistan weigert sich beharrlich, die Flüchtlinge aufzunehmen. Auch die Appelle des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen, UNCHR, konnten die Regierung in Duschanbe nicht umstimmen. Präsident Imomali Rachmonow redete sich im Staatsfernsehen mit eigenen Schwierigkeiten heraus.

Wirtschaft und Infrastruktur von Tadschikistan liegen seit den Kämpfen Anfang der neunziger Jahre am Boden. Im vergangenen Sommer vernichtete die Dürre noch dazu rund 70 Prozent der Ernte im Süden des Landes. Nach Schätzungen der Welternährungsorganisation FAO sind dort 280 000 Menschen akut von Hunger bedroht.

Rachmonow sorgt sich aber nicht nur wegen der Missernte, vor allem fürchtet er einen neuen Krieg. Der im Juni 1997 unter Ägide der Uno ausgehandelte Frieden bröckelt, aus den Abkommen ist der radikale Flügel der Opposition bereits ausgestiegen. Gerade er aber wurde im Bürgerkrieg von den Mudschahiddin unterstützt - ethnischen Tadschiken, die im Norden Afghanistans die Bevölkerungsmehrheit stellen und jetzt unter Präsident Burhanuddin Rabbani und dessen Verteidigungsminister Ahmad Schah Massud in der so genannten Nordallianz gegen die Taliban kämpfen. Die Mudschahiddin, fürchtet die Führung in Duschanbe, könnten sich unter die Flüchtlinge mischen und sich mit der tadschikischen Opposition verbünden, um die Machtverhältnisse zu ändern.

Hohe Politik interessiere ihn nicht, hält Faisulló auf seiner Insel dagegen: "Wir haben 1992 über 350 000 Brüder und Schwestern bei uns aufgenommen und das letzte Stückchen Brot mit ihnen geteilt. Das ist nun der Dank dafür. Allah, Allah, was soll nur aus uns werden?"

Das ist eine gute Frage, denn zurück ans eigene Ufer können die Inselflüchtlinge auch nicht. Sie kommen zum überwiegenden Teil aus dem Norden des Landes und sind Schiiten, im Gegensatz zu den sunnitischen Taliban, die zurzeit rund 85 Prozent des Landes kontrollieren. In den Siedlungen im Norden, die die Taliban bei der großen Offensive im letzten Herbst erobert haben, ließen sie eine Stallwache zurück. Die verwehrt den Flüchtlingen jetzt die Rückkehr.

Die Gestrandeten von den Inseln sind nur ein kleiner Teil der Flüchtlinge; Tadschikistan geht offiziell von 60 000 Flüchtlingen aus. Präsident Rabbanis bevollmächtigter Vertreter in Duschanbe, Muhammad Solih Registoni, spricht von mehr als 100 000 in allen umkämpften Regionen. Die meisten von ihnen sitzen in der Ebene zwischen Pjandsch und der Stadt Hodschbahauddin in der Provinz Khundus fest.

Zelte haben die wenigsten von ihnen. Schon wer eine aus Lehm und Schilf gebaute Hütte sein Eigen nennt, gilt als privilegiert. Die Mehrheit kampiert in höhlenartigen Löchern, die die Männer einfach in die rote Erde des Hangs gegraben haben. Yussuf liegt kraftlos auf einer Matratze ohne Decke. In den achtziger Jahren hat der heute 64-Jährige gegen die Sowjets gekämpft. Heute aber wünscht er sich, der einstige Feind möge zurückkommen und Ordnung schaffen: "Die Russen haben ehrlich Mann gegen Mann gekämpft. Aber sie haben Frauen, Alte und Kinder nicht angerührt. Die Taliban dagegen schrecken vor nichts zurück."

Yussufs Dorf haben die Taliban schon 1998 besetzt. Seither müssen die Bauern statt Baumwolle und Weizen auf dem Großteil ihres Landes Mohn für die Opiumproduktion säen. Mit dem Verkauf der Droge füllen die Taliban ihre Kriegskasse. Um seine Familie satt zu bekommen, machte Yussuf Schulden, die er mit der Ernte im letzten Sommer bezahlen wollte. Doch die ließ die Sonne auf dem Halm verdorren. Yussuf konnte daher nicht einmal das Ushr zahlen, die von den Taliban geforderte Agrarsteuer. Im September jagten sie ihn vom Hof. Zuvor hatte er ihnen zwei Söhne als Soldaten verkaufen müssen. "Meine Jüngsten", sagt Yussuf, und eine Träne läuft in seinen weißen Bart, "die Taliban haben gesagt, damit sei die Schuld noch lange nicht abgezahlt."

Sicher, glaubt Yussuf, seien beide bei der erstbesten Gelegenheit zur Nordallianz desertiert. Am liebsten würde er selbst noch mal zur Kalaschnikow greifen, "um unsere geschundene Erde von diesem Fluch zu befreien." Seine Tochter war entsetzt: "Vater, hat sie zu mir gesagt, in deinem Alter bist du den Kämpfern doch nur eine Last." Seine Tochter, meint Yussuf, sei zwar nur ein dummes Weib, aber wahrscheinlich habe sie Recht.

Yussuf will niemandem zur Last fallen, auch dem Rest seiner Familie nicht. Deshalb hat er seit Tagen nichts mehr gegessen. "Das bisschen, das wir noch haben, brauchen die Jungen, die müssen das ja alles wieder aufbauen", sagt er und lässt die Perlen seiner Gebetskette durch seine arbeitsmüden Hände gleiten. Dann gibt er mit einer brüsken Geste zu verstehen, dass er jetzt allein sein möchte. Längst haben sich seine weit aufgerissenen Augen an irgendeiner Unebenheit der niedrigen Decke festgesogen und sehen schon Dinge, die nicht mehr von dieser Welt sind. Yussuf ist müde, sehr müde vom Warten auf den Frieden, den er wohl nicht mehr erleben wird. Nun liegt er einfach da und wartet auf den Tod.

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