Zeitung Heute : Afghanistan: Auf der Suche nach der Vergangenheit

Andrea Exler

Sayed Tabibi schüttelt den Straßenstaub von seiner Weste und verzieht ein wenig das Gesicht. Der Afghane lebte 30 Jahre lang im Exil in London, nun ist er nach Kabul zurückgekehrt. "Dies meine Heimat - trotz allem", sagt er und steckt den bettelnden Kindern, die ihn umringen, ein paar Tausend Afghani zu. Im Botschaftsviertel, dem einzigen Quartier, das einigermaßen intakt geblieben ist, hat Tabibi vor zwei Wochen eine kleine Pension eröffnet.

Strahlend weiß getüncht steht die neue Herberge da. Rosenhecken blühen im Garten, ein Springbrunnen plätschert. Im gleichen Straßenzug liegt das ramponierte Korrespondentenbüro des Senders Al Jasira, das während der Luftangriffe der Allianz getroffen wurde. Im Hintergrund reihen sich Häuser mit eingestürzten Dächern und durchlöcherten Fassaden aneinander. "Die Einrichtung der acht Doppelzimmer und drei Bäder der Pension musste zum Teil in Pakistan beschafft werden", erzählt der Tabibi.

Nur ganz langsam entsteht in Kabul wieder so etwas wie ein Wirtschaftsleben. Zwar wird das traditionelle Handwerk wie Teppichknüpfen wieder aufgenommen, und auch Tischler bieten auf dem Bazar kunstvoll dekorierte Möbel an. Doch noch ist es unmöglich, in der afghanischen Hauptstadt zum Beispiel eine Waschmaschine zu erstehen. Dennoch wollte Tabibi in der Ruinenstadt eine Existenz gründen. Er hat sich mit zwei weiteren Exil-Afghanen aus London zusammengetan und seine Ersparnisse in das Projekt investiert. "Wir haben gemeinsam 200 000 Euro aufgebracht", erklärt er. Die Pension heißt Silk Road ("Seidenstraße") und soll an die glorreiche Vergangenheit Kabuls erinnern. "Wir hätten das Geld auch anders anlegen können, aber wir wollten signalisieren: Gäste sind willkommen."

Obgleich die internationale Schutztruppe in der afghanischen Hauptstadt stationiert ist, dürfte sich seit der Vertreibung der Taliban noch kein westlicher Tourist hierher verirrt haben. Das war früher anders. Ein Jahr vor Tabibis Flucht nach Großbritannien erlebte der afghanische Tourismus den größten Anstieg an Besuchern aus Europa und Nordamerika in der Geschichte des Landes. Insgesamt 36 Prozent aller Touristen waren 1971 aus dem Westen angereist. In den sechziger und siebziger Jahren war der zentralasiatische Staat neben Pakistan und Indien ein beliebtes Reiseziel von Alternativen und Hippies. Unter den traditionellen Lebensformen der Afghanen schätzten sie nicht zuletzt die des Haschischrauchens.

Der afghanische Diplomat Abed Nadjib, Botschaftsrat in Berlin, will den damaligen Boom aber nicht nur dem Drogentourismus zuschreiben: "Viele waren an der kulturellen Vielfalt des Landes interessiert, in dem 28 verschiedene Stämme lange Zeit friedlich zusammen gelebt hatten." Nadjib glaubt, dass die Missgeschicke seines Landes ihren Ursprung in der Unterdrückung der alten Stammeskulturen haben. Als 1979 die Sowjets einmarschierten, zwangen sie der Bevölkerung eine abstrakte Ideologie der Gleichheit auf. "Später taten die Islamisten nichts anderes: Die Menschen mussten sich wiederum einem Dogma anpassen, das keinen Spielraum für kulturelle Besonderheiten ließ", sagt Nadjib.

Die facettenreiche Geschichte des Landes an der Schnittstelle zwischen russischem, persischem und indischem Einflussbereich betrachteten sowohl Kommunisten als auch Fundamentalisten als eine Art historischen Irrtum, dessen Spuren beseitigt werden sollten. Zum traurigen Symbol dieser Geisteshaltung wurde im vergangenen Jahr die Sprengung der fast 2000 Jahre alten kolossalen Buddhastatuen in Bamiyan durch die Taliban. Für den derzeitigen Kulturminister Mahdoum Rahin ist die Debatte um die Rekonstruktion der Buddhas denn auch ein Politikum: "Es geht nicht nur um eine Touristenattraktion, sondern um ein Bekenntnis zur Vielfalt."

Afghanistan ist auf der Suche nach seiner Vergangenheit. Während des 24 Jahre währenden Bürgerkriegs haben Schmuggler die archäologischen Reichtümer geplündert und auf den Basaren der Nachbarländer verschleudert. Zuletzt sollen die Taliban 80 Prozent der noch verbliebenen Kunstwerke zerstört haben. Den fanatischen Muslimen galten bildliche Darstellungen als Gotteslästerung. In der soeben wieder eröffneten Nationalgalerie in Kabul kann man neben restaurierten Werken auch einen Haufen aufgeschlitzter Gemälde besichtigen, die die alten Machthaber hinterließen. "Manchem mag es grotesk erscheinen, dass wir inmitten des Elends ausgerechnet ein Kunstmuseum eröffnen", erklärt Museumsdirektor Fatah Adil. "Aber für uns ist dies ein entscheidender Schritt in eine andere Zukunft."

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