Afghanistan : Das große Unbehagen

Ingrid Müller

Es ist ein diffuses Gefühl. Unangenehm. Ganz schwer zu fassen. Den einen drückt es in der Magengrube, beim anderen hämmert es im Kopf: Was tut Deutschland eigentlich in Afghanistan? Mancher ist schlicht wütend. Oder stellt sich die Frage: Wie können wir in Deutschland mit dem umgehen, was dort geschieht? An dem wir, stellvertretend durch deutsche Soldaten, beteiligt sind.

Heute, am Freitag, ist so ein Tag, an dem das Unbehagen besonders mächtig wird. In Zweibrücken in Rheinland-Pfalz nimmt die Nation Abschied von zwei jungen Männern. Verdammt jungen. 22 und 25 Jahre alt sind die beiden Soldaten geworden, die vor wenigen Tagen bei einem Anschlag nahe Kundus im Norden Afghanistans ihr Leben verloren haben. Wie nimmt ein Land am besten Abschied, wie kann es derer gedenken, die für andere ihr Leben riskiert haben? Gibt es den einen, den richtigen Weg?

Trauer ist in Deutschland meist etwas Privates. Privat hatten diese Männer allerdings am Hindukusch nichts zu tun, ihre Aufgabe war sehr öffentlich. Die Trauerfeier macht das deutlich. Aber auch Anteilnahme zeigt man in Deutschland meist ruhig, diskret. Aus gutem Grund: um Angehörigen nicht zu nahe zu treten. Denn sie müssen als Allererste und jeden Tag mit dem Verlust ihres Mannes, Freundes, Sohnes, Bruders leben. In anderen Ländern geht man damit anders um. Amerikas Zeitungen zeigen die Gesichter der Kriegsopfer. Ja, auch wenn die Bundesregierung um das Wort einen großen Bogen macht, in Afghanistan herrscht Krieg. Amerika gedenkt seiner Helden. Sollte Deutschland das auch tun? Helden. Allein mit dem Wort tun sich viele Deutsche schwer. Helden gibt es im Film. Aber sind Soldaten Helden? Bei dem Gedanken kriecht vielen die Gänsehaut den Rücken hinauf, und es kommen schlimme Erinnerungen hoch, und wieder ist da das Unbehagen.

Würde es all den Menschen, die das bilden, was wir Gesellschaft nennen, helfen, wenn sie die Bilder und die Geschichten all der Getöteten sehen würden? Dann hätte der Kampf ein Gesicht, nein, hätte Gesichter. Es sind leider schon eine ganze Reihe. Aber, Hand aufs Herz: Wir, das Volk, haben kein „Recht auf nationale Helden“. Vielleicht Sehnsucht danach, ja, das wohl schon. Zeitungsseiten mit den Fotos der Gefallenen würden das Problem aber nicht lösen. Außerdem: Gebührt nur denen Ehre, die nicht lebend zurückkommen? Darüber sollten Betroffene offen diskutieren. Die Tausenden Soldaten, die jedes Jahr in den Einsatz gehen, deren Ausbilder, Befehlshaber, Angehörige – und Politiker. Ein bestimmtes Gedenken zu verordnen, wäre der falsche Weg. In Masar el Sharif gibt es zum Beispiel ein Ehrenmal mit Marmortafeln, dort werden die Getöteten geehrt. In aller Stille. Das muss nicht das Einzige bleiben. Aber Änderungen sollten bewusst entschieden werden.

Vor allem: Eigentlich geht es doch darum, dass wir keinen Begriff, keine Begriffe für das haben, was „wir“ in Afghanistan machen. Dort wartet auch der Tod im Kampf. Verteidigungsminister Jung will es auf keinen Fall Krieg nennen, windet sich in jedem Interview. Will nicht von Gefallenen reden. Aber natürlich sind das die richtigen Worte für das, was geschieht. Alles andere ist Heuchelei. Letzten Endes geht es um das, was wir mit Begriffen verbinden. Bei Krieg und Gefallenen sind das Erinnerungen, die sich tief ins kollektive Befinden eingegraben haben. Etwas, das nie wieder passieren sollte. Deutsche Soldaten im Krieg.

Und doch ist es so. Und doch ist es anders. Eine breite Diskussion über das, was die Ereignisse mit uns machen, über die Ängste und Sorgen, ist überfällig. Die Ängste jenseits des Schmerzes der Angehörigen. Es geht nicht um Rechthaberei über Krieg oder Nicht-Krieg, nicht um einzelne Worte. Sondern um die Gedanken, die die Gesellschaft noch nicht in Worte fassen kann. Es geht nicht nur um Dortbleiben oder Abziehen. Es geht darum, wie weit und mit welchem Einsatz wir zur Hilfe für andere bereit sind. Selbst wenn der Einsatz in Afghanistan einmal zu Ende sein wird: Wir werden uns den Fragen wieder stellen müssen. Das Land wird nur anders heißen.

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