Afghanistan : Deutsche Kämpfe

Von Malte Lehming

In jener Zeit, als die Welt noch geteilt war, sich durch Deutschland eine Mauer zog und die Präsenz der Siegermächte des Zweiten Weltkriegs das Land vor der Souveränität bewahrte, ging Sicherheitspolitik so: Die Verbündeten kämpften, die Bundesrepublik kaufte sich frei. In jener Zeit, als das Träumen noch geholfen hatte, entstand die Illusion, diese bequeme Aufgabenteilung werde ewig währen. Das tat sie aber nicht. Die Mauer fiel, Deutschland wurde souverän, auf die Bundeswehr kamen – vom Balkan bis zum Horn von Afrika – mehr und mehr Auslandseinsätze zu. Seit sechs Jahren stehen deutsche Soldaten auch in Afghanistan.

Es gab einen guten Grund für den Krieg. Das Land war von den radikalislamischen Taliban beherrscht worden, die wiederum der Terrororganisation Al Qaida sowohl Unterschlupf als auch Trainingsmöglichkeiten geboten hatten. Das führte zu den Anschlägen vom 11. September 2001. Eine ganz große Koalition, angeführt von einer rot-grünen Regierung, hielt es damals für zwingend erforderlich, der westlichen Gemeinschaft dabei zu helfen, Afghanistan nachhaltig von den militanten Islamisten zu befreien. Inzwischen hat die Nato die Verantwortung für das Land übernommen. Eben jene Nato, der Deutschland, was nur für Zyniker pathetisch klingt, Frieden, Freiheit und Einheit verdankt.

Man muss offenbar immer wieder an die Vorgeschichte dieses Einsatzes erinnern, weil die Diskussion darüber regelmäßig in haarspalterischen Mandatsinterpretationen, leichtfertig geäußerten Rückzugssehnsüchten und alarmistischen Gewaltspiralwarnungen endet. Fein säuberlich wird da differenziert zwischen defensiven und offensiven Militäroperationen, bewaffneten humanitären Missionen und Kampfeinsätzen, Friedenssicherung und Friedenserzwingung. Mit der Lage im Land hat das kaum etwas zu tun. Die Taliban sind keine reguläre Armee. Wer sie bekämpfen will, muss flexibel reagieren können. Nein, derartige Kasuistik dient vor allem dem Reinheitsgebot des deutschen Gewissens. Es erinnert an Kinder, die ihre Hände vor die Augen halten im Glauben, nicht mehr gesehen zu werden.

Nun soll die Bundeswehr eine bis zu 250 Soldaten starke schnelle Eingreiftruppe nach Nordafghanistan entsenden. Die Deutschen werden also kämpfen müssen – wie es bisher die Norweger dort taten. Sich der Anfrage der Nato zu verweigern, wäre infam, das Signal verheerend. Risiken, Lasten und Gefahren müssen innerhalb des Bündnisses endlich gerecht verteilt werden. Die Zeiten des Ohne-Michels sind vorbei. Wer grundsätzlich Ja zur Nato und zur Afghanistanmission gesagt hat, kann sich, wenn es ernst wird, nicht einfach davonstehlen. Und es ist ernst. Die Angriffe der Taliban nehmen zu. Dieses Jahr könnte das entscheidende sein.

Wer allerdings Soldaten an die Front schickt, muss sich erklären. Der muss ehrlich sein. Darauf haben die Öffentlichkeit und insbesondere die Soldaten ein Recht. Stattdessen verhält sich die Bundesregierung exakt so, wie es sich die Kriegsgegner von der Bundeswehr erhoffen: Sie taucht ab. Kanzlerin, Außen- und Verteidigungsminister schweigen. Das ist beschämend – und doppelt falsch. Zum einen nährt es den Vorwurf eines klammheimlichen Hineinstolperns in unkalkulierbare Gefahren. Zum anderen könnte das Engagement den Bündnispartnern klarmachen, dass sie auf Deutschland in der Not neuerdings zählen können. Das war nicht immer der Fall.

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