Zeitung Heute : Afghanistan-Einsatz droht Nato zu spalten

Kanada sieht Zukunft des Bündnisses in Gefahr / Generalsekretär will mehr Bundeswehr-Soldaten

Sarah Kramer[Berlin] Lars Törne[Toronto]

Der Streit um das Engagement der einzelnen Staaten in Afghanistan belastet zunehmend die Nato. Gleichzeitig erhöht sich der internationale Druck auf Deutschland, mehr Soldaten an den Hindukusch zu entsenden. Nach US-Verteidigungsminister Robert Gates sprach sich am Samstag auch Nato-Generalsekretär Jaap de Hoop Scheffer dafür aus, den Bundeswehreinsatz auszuweiten. Während deutsche Politiker die Forderungen, deutsche Soldaten auch im umkämpften Süden des Landes einzusetzen erneut zurückwiesen, warnte die kanadische Regierung, der Einsatz werde zu einer Schicksalsfrage des Bündnisses.

Scheffer sagte in „Bild am Sonntag“, Deutschland leiste als Führungsnation im Norden vorbildliche Arbeit. „Aus meiner Sicht könnte die internationale Schutztruppe natürlich auch anderswo in Afghanistan mehr davon gebrauchen.“ Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) betonte in der „Welt am Sonntag“, es wäre ein großer Fehler, „den Norden, der halb so groß ist wie Deutschland, zu vernachlässigen, dort Truppen abzuziehen oder durch verschiedene Regionen rotieren zu lassen“.

Kanada, das ein weiteres Engagement seiner Streitkräfte im umkämpfteren Süden Afghanistans von der Entsendung zusätzlicher Truppen aus anderen Staaten abhängig macht, verschärfte den Druck auf die Bundesregierung zusätzlich. Der verteidigungspolitische Sprecher der regierenden Konservativen, Rick Casson, sagte dem Tagesspiegel am Sonntag in Toronto: „Wir wünschen uns ein stärkeres Engagement Deutschlands auf allen Ebenen.“ Das reiche „von mehr Hilfe bei der Verwaltung und in Sicherheitsfragen über die Bereitstellung von Helikoptern oder medizinischer Hilfe bis zu dem Wunsch, dass sich Deutschland mit seinem ganzen Gewicht dafür einsetzt, dass andere Nato-Partner eine stärkere Rolle in Afghanistan spielen“, sagte Casson. Aus kanadischer Sicht sei „entscheidend für die Zukunft der Afghanistanmission und die Zukunft der Nato, dass sich Deutschland und andere Staaten noch stärker engagieren“. Deutschland und Kanada zählen mit 3300 und 2500 Soldaten zu den größten Truppenstellern der Mission. Deutschlands Soldaten operieren im als ruhig geltenden Norden.

„Wenn die Kanadier ihre Ankündigung wahrmachen und sich komplett aus Afghanistan zurückziehen, kann das das Ende der Nato-Operation bedeuten“, sagte der deutsche Vizeadmiral a.D. Ulrich Weisser dem Tagesspiegel am Sonntag. Weisser war Chef des Planungsstabs im Verteidigungsministerium. Die Nato müsse auch darüber nachdenken, sich ganz aus Afghanistan zurückziehen, sagte Weisser. Er halte es für äußerst bedenklich, dass es bei dem Bündnis keine „Exit-Strategie“ für den Einsatz am Hindukusch gebe.

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