Afghanistan : Ist die Bundeswehr auf Feuergefechte vorbereitet?

Der Anschlag auf die Bundeswehr in Afghanistan, bei dem ein Soldat starb, hatte eine neue Qualität. Denn es war diesmal kein Sprengstoffanschlag, sondern ein Feuergefecht. Ist die Bundeswehr darauf vorbereitet?

Dagmar Dehmer
Bundeswehr
Bundeswehr-Patrouille in Afghanistan. -Foto: dpa

Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) weiß, dass die kommenden Monate für die Bundeswehr in Afghanistan schwer werden. Denn nicht nur in Afghanistan wird im August gewählt, am 27. September steht auch eine Bundestagswahl bevor. Es sei offensichtlich, dass die Taliban Anschläge wie die beiden am Mittwoch „zur medialen Darstellung nutzen“. Vor der Wahl könne nicht ausgeschlossen werden, dass dies zunehme, sagte Jung.

Am Mittwoch waren gleich zwei Patrouillen der Bundeswehr angegriffen worden. Auf eine wurde ein Selbstmordanschlag verübt, dabei wurden fünf Soldaten verletzt. Eine zweite Patrouille wurde gleich zwei Mal in einen Hinterhalt gelockt. Nach Angaben von Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhan hätten die Soldaten sich durch den ersten Angriff mit Panzerfäusten „durchgeschlagen“. Doch fünf Kilometer weiter wurden sie erneut beschossen. Es habe ein „massives Feuergefecht“ gegeben, bei dem ein Soldat getötet wurde, vier weitere wurden verletzt. Der 21-jährige Hauptgefreite von der deutsch-französischen Brigade in Donaueschingen ist der 32. Soldat, der beim Einsatz in Afghanistan gestorben ist.

Entwicklung ist keine Überraschung

Dieser Anschlag aus dem Hinterhalt sei „etwas anderes als der fast schon zur Routine gewordene, ständige Raketenbeschuss“ des Lagers in Kundus im Norden Afghanistans, sagte Schneiderhan. Er sei auch nicht mehr die Taktik des „Zuschlagens und Wegrennens“. Schneiderhan sagte: „Da steckt ein militärischer Plan dahinter.“ Insgesamt sei Kundus eine „Problemzone“ geworden, fügte er hinzu. Auch der Bundeswehrverband sieht in dem Anschlag eine neue Qualität. „Das ist Kampf. Erstmals ist ein Soldat in einem direkten Feuergefecht gefallen“, sagte Verbandschef Ulrich Kirsch.

Für den Sicherheitsexperten der grünen Bundestagsfraktion, Winfried Nachtweih, ist die Entwicklung keine Überraschung. In einem von ihm regelmäßig recherchierten Sicherheitsreport über die Lage in Afghanistan schrieb er schon im März, dass die Zahl der direkten Feuergefechte schon im Jahr 2008 um 40 Prozent zugenommen habe. Seit Mitte 2008 gebe es einen Trend „zu direkten und komplexen Angriffen“. Diese Entwicklung sei nun auch im Norden angekommen, sagte Nachtweih dem Tagesspiegel. Die Zahl der Sprengstoffattentate sei in etwa gleich geblieben. Nachtweih wertet die Entwicklung als Beleg dafür, dass die Taliban nicht nur mehr Kämpfer rekrutieren konnten, also quantitativ stärker geworden sind. Sie seien offensichtlich auch besser ausgebildet, verfügten über präzisere Informationen und bessere Waffen. Nachtweih warnt die Bundeswehr davor, nun in die „Eskalationsfalle“ zu tappen. Nachtweih kann zwar verstehen, wenn die Soldaten nun gerne „zurückschlagen würden“. Doch massive Angriffe aus der Luft würden sicher auch viele Zivilisten töten, und damit würde sich die Bundeswehr noch mehr zum Ziel machen, weil das die Zustimmung in der Bevölkerung zum Einsatz der Bundeswehr weiter untergraben würde. Nachtweih warnt aber auch davor, sich künftig „nur noch mit dem Selbstschutz“ zu beschäftigen, und den „eigentlichen Auftrag“ zu vernachlässigen. Mit 600 Soldaten sei zwar eine Region so groß wie Rheinland-Pfalz und das Saarland zusammen „nicht abzusichern“, sagt er. Deshalb müsse die Ausbildung afghanischer Soldaten und Polizisten mit einer „erhöhten Intensität“ vorangetrieben werden.

Der Berliner Professor Christoph Zürcher, der an der Freien Universität über Afghanistan forscht, findet es „etwas überzogen“, von einer neuen Qualität zu sprechen. Den Soldaten vor Ort sei „schon länger klar, dass es ein Kriegszustand ist“. Er sieht jedoch eine Professionalisierung der Taliban, die „keine Rekrutierungsprobleme, Unterstützung von außerhalb und genügend Geld durch den Drogenanbau“ hätten. Zudem seien sie „fast immun gegen Verluste“. Im Nordosten seien sie nach wie vor äußerst unbeliebt. Die Taliban führten einen Krieg gegen die deutschen Soldaten, aber die deutschen Soldaten führten nicht Krieg gegen die afghanischen Bevölkerung, und das werde vor Ort auch so gesehen. Im Süden hätten sie es allerdings geschafft, die Bevölkerung so unter Druck zu setzen, dass diese es kaum noch wage, mit westlichen Soldaten zusammenzuarbeiten. Deshalb könnten sie dort in manchen Regionen „fast ungestört“ operieren.

Verteidigungsminister Jung wies die Behauptung eines Taliban-Sprechers zurück, die Anschläge seien ein „Gruß an Außenminister Steinmeier“ gewesen, der sich seit Mittwoch in Afghanistan aufhielt. Der Besuch war bis kurz vor Steinmeiers Ankunft geheim gehalten worden. Schon vor drei Wochen war wenige Stunden nach einem Überraschungsbesuch von Bundeskanzlerin Angela Merkel das Bundeswehrlager in Kundus mit Raketen beschossen worden. Dennoch hält auch Winfried Nachtweih es für unwahrscheinlich, dass die Taliban inzwischen ihre Spione bis in die deutschen Ministerien hineingeschleust haben könnten. Er hält es jedoch für möglich, dass die Taliban sowohl die deutsche Botschaft in Kabul als auch die Bundeswehr in Kundus genau beobachten und bei entsprechenden Aktivitäten auf den Besuch einer wichtigen Person schließen könnten. Die Taliban seien inzwischen sehr schnell kampfbereit, sagt er. Schneiderhans These, dass der Anschlag von langer Hand vorbereitet gewesen sein müsse, widerspreche dem nicht, meint Nachtweih. „Vielleicht haben sie einen Plan und können ihn bei Bedarf sehr schnell umsetzen“, sagte er.

Steinmeier und Jung versicherten, dass die Bundeswehr ihren Auftrag zur „Stabilisierung der friedlichen Perspektive“ weiter erfüllen werde. Steinmeier sagte nach einem Gespräch mit einigen der verletzten Soldaten in Masar-i-Scharif: „Keiner von ihnen will, dass wir dieses Land in der Steinzeit zurücklassen.“

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