Afghanistan : Land ohne Frieden

Radikalislamistische Taliban haben Kundus eingenommen – wo einst die Bundeswehr den Frieden sichern sollte. Ist der Afghanistan-Einsatz umsonst gewesen? Fragen und Antworten.

Abzug. Bundeswehrsoldaten gehen im Oktober 2013 auf dem Flughafen von Kundus zu einer Bundeswehr-Transportmaschine, um Afghanistan zu verlassen.
Abzug. Bundeswehrsoldaten gehen im Oktober 2013 auf dem Flughafen von Kundus zu einer Bundeswehr-Transportmaschine, um Afghanistan...Foto: dpa

Die afghanischen Taliban sind in Kundus eingefallen. Die Stadt im Norden Afghanistans gehörte zum Einsatzgebiet der Bundeswehr, die bis Ende 2014 im Norden des Landes Kampftruppen stationiert hatte. Weil rund um Kundus viele deutsche Soldaten starben, hat sie Symbolcharakter für den gesamten deutschen Einsatz in Afghanistan. Auch viele Millionen Euro Entwicklungsgelder flossen in die Region.

Wie ist die Lage in Kundus?

Seit einigen Monaten gibt es immer wieder Berichte über den Vormarsch der Taliban im Raum Kundus. Nun haben die Radikalislamisten offenbar die Hauptstadt der gleichnamigen Provinz im Norden Afghanistans erobert. Omid Nouripour, außenpolitischer Sprecher der Grünen-Fraktion und Afghanistan-Experte, spricht von einer „hochdramatischen Situation“ vor allem für die Zivilbevölkerung. Es sei offenkundig, dass die afghanischen Sicherheitskräfte noch nicht in der Lage seien, die Sicherheit im Land zu gewährleisten. „Es zeigt sich jetzt in dramatischer Weise, dass wir mit der Ausbildung der afghanischen Sicherheitskräfte längst nicht fertig sind“, sagt Nouripour.

Schon die Bundeswehr konnte das Gebiet nur mit Mühe halten. Befrieden konnte sie es nie. Von den 54 in Afghanistan getöteten deutschen Soldaten fielen die meisten in der Gegend um Kundus. Dennoch übergab die Bundeswehr schon im Herbst 2013, mehr als ein Jahr vor dem Ende der von der Nato geführten Friedensmission Isaf, ihr Lager in Kundus an die afghanischen Sicherheitskräfte. Diese werden seither immer wieder in Kämpfe verwickelt. Meist schaffen sie es zwar, Angriffe zurückzuschlagen. Doch es gelingt ihnen offenbar nicht, Räume dauerhaft zu halten.

Bei der Bundeswehr hieß es am Montag, es sei zu früh, die Lage zu bewerten. Klar sei, die Taliban hätten das islamische Zuckerfest für einen Überraschungsangriff auf Kundus genutzt und seien in die Stadt eingedrungen. Die afghanischen Sicherheitskräfte würden nun Gegenmaßnahmen ergreifen, sagte ein Sprecher dem Tagesspiegel. Von einer allgemeinen Verschlechterung der Sicherheitslage im Norden Afghanistans könne aber nicht gesprochen werden. Es habe immer Wellenbewegungen in der Kampfintensität gegeben.

Ist auch die Terrormiliz „Islamischer Staat“ auf dem Vormarsch in Afghanistan?

Das in Zürich beheimatete Center for Security Studies (CSS) vergleicht die aktuelle Situation in Afghanistan mit der Zeit nach dem Ende der sowjetischen Besatzung 1989. Ähnlich wie damals rutsche Afghanistan ins Chaos, heißt es in einer Studie. Damals folgte ein langer Bürgerkrieg. Im Jahr 2015 ist ein neuer Akteur auf den Plan getreten, der die Lage brandgefährlich macht: die Dschihadistenmiliz „Islamischer Staat“ (IS), die bereits Teile des Iraks und Syriens erobert hat. In Afghanistan versammeln sich unter dem IS-Label abtrünnige Taliban. Sie sind vor allem im Osten des Landes, im Grenzgebiet zu Pakistan, aktiv. Denn in Pakistan hatten sich bereits zuvor Islamisten von den Taliban losgesagt und zum sehr viel brutaler agierenden IS bekannt. Der Erfolg des IS im Nahen Osten macht diese Gruppen besonders attraktiv für junge Radikale. Im Osten Afghanistans, so berichten Beobachter, finden bereits Behauptungskämpfe zwischen Taliban und IS statt. Der Grünen-Politiker Nouripour warnt vor einer weiteren Eskalation, denn nach seinen Informationen bereiten sich auch alte Kriegsfürsten aus der Zeit des Bürgerkriegs, die noch immer über eigene Milizen verfügten, darauf vor, gegen die Taliban vorzugehen. Die Warlords profitierten von der schwierigen Regierungsbildung in Kabul, so Nouripour. „Die Kooperation zwischen Präsident Ashraf Ghani und seinem einstigen Konkurrenten Abdullah Abdullah funktioniert nicht reibungslos.“ Ghani und Abdullah hatten sich nach der Wahl 2014 auf eine gemeinsame Regierung geeinigt. Vor allem die wichtigen Friedensgespräche mit den Taliban sind seither allerdings nicht vorangekommen.

Sind die Investitionen in das Land verloren?

Seit dem Sturz der Taliban Ende 2001 hat sich Deutschland massiv am Wiederaufbau Afghanistans beteiligt. Allein der Militäreinsatz hat bis Ende 2014 rund 8,8 Milliarden Euro verschlungen. 460 Millionen Euro fließen jährlich in den zivilen Aufbau des Landes. Schwerpunktregion ist der Norden. Dort wurden Straßen gebaut, Strom- und Wasserleitungen verlegt, Schulen und Gesundheitszentren errichtet. „Das wird nicht so schnell wieder zerstört,“ sagt Mathias Mogge, Vorstand Programme und Projekte bei der Deutschen Welthungerhilfe. Eine langfristige Prognose wagt er aber nicht. „Ob das hält, jetzt da die Afghanen auf sich gestellt sind, muss sich zeigen.“

Trotz des hohen Aufwandes sei es dem Westen nicht gelungen, Afghanistan zu stabilisieren, sagt Mogge weiter. Entsprechend sähen vor allem junge Afghanen kaum eine Perspektive für sich in ihrer Heimat. Es gebe kaum Arbeit, dafür Korruption und kaum Vertrauen in die Regierung. Die aktuellen Flüchtlingszahlen bestätigen das: Schon im August stellten Afghanen nach Syrern und Albanern die drittstärkste Gruppe unter den Asylsuchenden in Deutschland – Tendenz steigend. In Kabul stehen täglich Tausende in langen Schlangen an, um einen Reisepass zu beantragen. In der Mehrzahl sind das junge Männer, die hoffen, im Ausland Geld verdienen und damit ihre Familien in Afghanistan unterstützen zu können.

Im Norden Afghanistans hat sich die Lage besonders verschlechtert. In Kundus sind nur noch wenige, meist sehr kleine Entwicklungsorganisationen tätig. Die staatliche Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) hat dort offiziell zwar noch Projekte im Bereich Bildung, Landwirtschaft, Recht, Verwaltung und Wasser, die sie im Auftrag des Entwicklungsministeriums und des Auswärtigen Amts betreibt.

Zur Frage, ob sich auch deutsche oder internationale Fachkräfte in Kundus aufhalten, wollte sich die GIZ nicht äußern. Nach Tagesspiegel-Informationen hat sie ihre Mitarbeiter abgezogen, nachdem im April ein deutscher GIZ-Experte entführt worden war. Die Welthungerhilfe hatte sich bereits vor fünf Jahren aus Kundus zurückgezogen. Damals war ein Mitarbeiter der Organisation ermordet worden.

Welthungerhilfe-Vorstand Mogge ist allerdings überzeugt, dass nicht alle Bemühungen in Afghanistan vergeblich waren. In einigen westlichen Provinzen gebe es durchaus Fortschritte, sagt er. Die Welthungerhilfe ist dort im Bereich der ländlichen Entwicklung und der Gemeindeentwicklung aktiv. „Gerade auf dem Land sehen wir, dass die Menschen großes Interesse am friedlichen Aufbau ihrer Gemeinden haben. Und auch das Interesse an Bildung für die Kinder ist groß“, sagt Mogge. Das seien trotz allem positive Entwicklungen.

Können die internationalen Truppen Ende 2016 wie geplant komplett abziehen?

Ein vollständiger Abzug aus Afghanistan ist derzeit schwer vorstellbar. Allein die USA haben noch fast 10 000 Soldaten in dem Land stationiert. Offiziell ist der Isaf-Nachfolgeeinsatz mit dem Namen Resolute Support eine reine Ausbildungsmission. Kämpfen sollen die Afghanen nun selbst. Doch deren Blutzoll ist hoch. Laut Recherchen des Center for Security Studies sterben jede Woche bis zu 300 afghanische Sicherheitskräfte und täglich bis zu neun Zivilisten bei Angriffen und Anschlägen von Aufständischen. Es ist daher ein offenes Geheimnis, dass US-Spezialeinheiten vor allem im Osten Afghanistans weiter an Kampfhandlungen beteiligt sind.

Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) denkt offenbar bereits über 2016 hinaus. „Ich sehe ein wachsendes Bewusstsein dafür, dass der Abzug aus Afghanistan mit Besonnenheit und Außenmaß gestaltet werden muss“, sagte sie den Zeitungen der Funke-Mediengruppe. Andere Beispiele, insbesondere der Irak, hätten gezeigt, was passieren könne, wenn der Truppenabzug zu früh erfolge. Die Nato wolle im Herbst noch einmal die Lage analysieren. „Davon hängt es ab, ob die Verbündeten länger in Afghanistan bleiben müssen oder nicht. Wir entscheiden das gemeinsam, nicht nach starren Zeitplänen, sondern abhängig von der Lage“, sagte die Ministerin.

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