Zeitung Heute : "Agatha Christie und der Orient": Die Lady of Crime mit Spaten

Karolina Fell

Manche Bücher gehören beim Reisen gewissermaßen zum Pflichtgepäck. Wahrscheinlich sind inzwischen Generationen ägyptischer Zollbeamter bibliophile Experten für die ungezählten Ausgaben von "Tod auf dem Nil", und in tausend bequemen Deckstühlen haben sich Reisende dem wohligen Schauder dieser Mordgeschichte hingegeben. Der Krimi ist seit seinem Erscheinen 1937 zum Dauerbrenner der Reiselektüre geworden und gehört fast so sicher zum Programm der Ägyptenbesucher wie ein Stopp bei den Pyramiden von Gizeh.

Nach Superlativen für seine Verfasserin muss man nicht lange suchen. Sie ist mit über zwei Milliarden verkaufter Bücher und Übersetzungen in 45 Sprachen die erfolgreichste Autorin aller Zeiten. Doch wie bekannt die Bücher von Mrs. Mallowan alias Agatha Christie auch sein mögen, ihr Leben ist es nicht. Noch 25 Jahre nach ihrem Tod ist die Lady of Crime für Überraschungen gut. Eine davon ist ihre Arbeit bei archäologischen Grabungen, die nun in einer Ausstellung gezeigt wird.

Als Ehefrau des Forschers Max Mallowan verbringt Agatha Christie viele Jahre in Syrien, Irak und Ägypten. Doch gegen Frauen in Grabungsteams herrscht 1930 Misstrauen. Agatha Christie findet sich an einem ungemütlich verregneten Wochenende überraschend zum stundenlangen Spaziergang durch matschiges Gelände eingeladen. In diesem selbstgestrickten Frauen-Eignungstest lässt sich der Grabungsleiter beweisen, dass sie praktische Schuhe trägt, Ausdauer hat und empfindsame Männerohren nicht mit Genörgel belästigt. An biblischen Orten wie Ur oder Ninive legt sie Fotodokumentationen an, setzt Scherben zusammen oder dreht Filme. Jeden Abend kleidet sie sich zum Essen um und hält so selbst in der Wüste ihrer britischen Lebensart die Treue. Zugleich sammelt sie Ideen für ihre Krimis, an denen sie auch unterwegs schreibt.

Die am kommenden Freitag in Berlin eröffnende Ausstellung "Agatha Christie und der Orient" zeigt mit archäologischen Objekten, Fotos, Tagebüchern, Prospekten, Reiseaccessoires oder einem Schlafwagenabteil aber nicht nur die Geschichte des ungewöhnlichen Ehepaars Mallowan. Die Ausstellungsmacher des Ruhrlandmuseums Essen haben mit biographischen und geschichtlichen Puzzleteilchen ein unterhaltsames und informatives Panorama aus historischem Orientbild, Reisen, Archäologie, Grabungsalltag und Kriminalromanen rekonstruiert.

Seit Schliemanns Aufsehen erregender Entdeckung von Troja lösen wichtige Grabungserfolge in der westlichen Welt immer neue Sensationen aus. Kurz nach der Öffnung des Grabes von Tutanchamun stirbt 1923 unter mysteriösen Umständen der gefeierte Forscher Lord Carnarvon. Die Gerüchteküche kocht. Geschichtsmystik, exotischer Grusel oder malerische Sinneserotik: Der "Orient" setzt europäischen Phantasien keine Grenzen. Ausgrabungen und Reisen scheinen Orte erreichbar zu machen, die man nur aus der Bibel oder Tausendundeiner Nacht kennt.

Es gibt jedoch eine Voraussetzung dafür, dass die sorgfältig gepflegten orientalischen Träume nicht zu sehr unter den Strapazen der Wirklichkeit leiden. Eines der schönsten Ausstellungsthemen beschreibt denn auch die First-Class-Reisekultur der 20er und 30er Jahre, als mit Bagdad-Bahn und Orient-Express das Luxus-Hotel auf Rädern Wirklichkeit wird und sich die "ganze Welt" in verschwenderisch eingerichteten Salonwagen trifft. Im Orient-Express sind feine Leinenbettwäsche und Silberbesteck selbstverständlich und eine entsprechende Kleiderordnung unausgesprochenes Gesetz der mondänen Lebensart.

In Zeiten ohne teure Übergepäckberechnung gelten riesige, lederverkleidete Spezialkoffer mit Schubladen für ein rundes Dutzend Paar Schuhe nicht als schöne Überflüssigkeiten. Gegen die Nostalgie, die einen angesichts der damaligen Bewegungsfreiheit im Nahen Osten befallen könnte, in dem das Reisen heute durch politische Grenzen und Konflikte zuweilen riskant wird, ist auch ein Kraut gewachsen: der Blick auf den Umgang mit den Bewohnern der besuchten Länder. Auch Agatha Christie stellt als Angehörige der britischen Oberschicht die kolonial geprägten Machtverhältnisse nicht in Frage.

Die feine Ausstellung ist damit auch eine informative Reise in die Geschichte des europäischen Reisens - und in die Zusammenhänge von Kriminalistik und Archäologie: Agatha Christie soll ihrem Mann auf die besorgte Frage, "Macht es Dir nichts aus, Tote auszugraben?" geantwortet haben: "Ich liebe Leichen!"

Die Ausstellung Agatha Christie und der Orient, Kriminalistik und Archäologie ist vom 18. Mai bis 30. September im Kulturforum Berlin-Tiergarten, Matthäikirchplatz zu sehen. Der Katalog (476 Seiten) kostet 49 Mark.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben