Zeitung Heute : Agentenfilme gucken

Von Elisabeth Binder

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IMMER WIEDER SONNTAGS

Foto: Pavel Sticha

Vielleicht stöbern wir heute mal in alten Videos oder zerlesenen Taschenbüchern, James Bond oder Frederick Forsyth. Mit deren Thrillern ist ja eine ganze Generation groß geworden ist, damals, als die Welt auch bedrohlich wirkte, aber auf eine rückblickend eher überschaubare Weise. Wir haben mit Autos gespielt, die so ziemlich alles konnten, haben Zweikämpfe nachgestellt, bei denen in Wirklichkeit niemand hätte gewinnen können, Waffen zusammenfantasiert, die jede Achillesferse hätten panzern können. Und bei der Lektüre oder im Kino, auch und gerade wenn wir eigentlich noch nicht alt genug waren, haben wir uns sehr erhaben gefühlt über die Kinder, die noch Märchenbücher lesen.

Dabei ist ein JamesBond-Film sicherer als jedes Märchen. Man kann stundenlang im Kino sitzen und die grausigsten Intrigen gegen den stets gelassenen, mit immer neuen Technikwundern ausgestatteten Geheimagenten mitansehen, ohne sich wirklich gruseln zu müssen, weil man weiß, es wird ja auf jeden Fall eine nächste Folge geben müssen und schon deshalb alles gut enden. Kommt der eine Darsteller in das Alter, wo man sich sanfteren Wohltätigkeitszwecken widmet als der Rettung der Welt im Zweikampf, stehen Timothy Dalton oder Pierce Brosnan schon bereit, die fiesesten Gangster und Tyrannen aufzuspüren und platt zu machen. Zuverlässig und präzise.

Vielleicht stammt aus dieser schönen alten Kinozeit der Kinderglaube, dass alles machbar ist. Dass einzelne Supertypen die Welt richten können, diskret und unauffällig und so, dass es eigentlich niemand mitbekommt, außer später die Kinobesucher natürlich. Seit jenen Jahren hat man sich darauf verlassen, dass irgendwo auf der Welt immer ein paar aufrechte, gute und weise Männer mit wettergegerbten Gesichtern und weißen Hemden in Drehstühlen sitzen und den Überblick behalten. Die genau wissen, wo gerade etwas Bedrohliches herankeimt. Sodann setzen sie die fittesten Agenten in Gang, die zu haben sind.

Eine bequeme Scheinwelt, an die man sich gewöhnen kann. Wie an eine Putzfrau, die all das schmutzige Geschirr wegspült, während man selber sich mit erfreulicheren Dingen befasst. Wie an den Computer, der sich noch erinnern kann, wie dieses kleine Hotel hieß, das man vor Jahren so schön fand, und dem man es übel nimmt, dass er sich nicht sortierenderweise auch noch die Tüte mit den Unterlagen für die Steuererklärung vornimmt. Aber solche Computer gibt es eben noch nicht.

Noch gibt es auch keine Superagenten, die diskret und effizient die Problemfiguren der Welt zur Strecke bringen. Sonst blieben, sagen wir mal, 25 Millionen Dollar Terroristenkopfgeld kaum uneingelöst. Davon könnte man eine Menge geschüttelter Martinis trinken. Leider gibt es auch keine Weltorganisation, die den legendären Geheimdienst ihrer Majestät mal auf global umgedacht hätte und erfolgreich Eliteagenten gezielt auf die eigentlichen Schurken ansetzen könnte; deren Anzahl ist ja in der Regel extrem überschaubar. Diese Folgen fehlen auf den Leinwänden und mehr noch in der Wirklichkeit. Das wäre übrigens ein schöner, traditioneller Bond-Titel und nur leicht geklaut aus einem anderen Klassiker: Es bleibt immer ein Morgen.

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