AGENTENTHRILLER„Dame, König, As, Spion“ : Die Tristesse der Gewalt

Foto: Studiocanal
Foto: Studiocanal

Triste Flure im Neonlicht, düstere Archive, abgenutztes Mobiliar, graugesichtige Bürokraten – von der glamourösen Hightech-Welt, die man aus diversen James-Bond-Filmen mit dem sagenumwobenen britischen Geheimdienst MI6 assoziiert, ist in der Neuinszenierung von John le Carrés klassischem Spionagethriller „Dame, König, As, Spion“ wenig zu sehen. Bei dem abgeschotteten Londoner Gebäudeblock könnte es sich auch um eine Finanzdirektion oder jede andere Behörde handeln. Doch genau in dieser anonymen Architektur spielen sich Dramen ab, die zu Zeiten des Kalten Krieges den Lauf der Weltgeschichte beeinflussen können.

In den frühen siebziger Jahren scheitert der Versuch, einem Überläufer in Ungarn Informationen über einen Maulwurf im MI6 zu entlocken. Da von der Aktion nur höchste Geheimdienstkreise wussten, wird nach dem Rücktritt des MI6-Chefs Control (John Hurt) sein ehemaliger Vertrauter George Smiley (Gary Oldman, rechts) aus dem Ruhestand reaktiviert und damit beauftragt, diskret nach dem Verräter in den eigenen Reihen zu forschen. Und bald steht jeder aus dem neuen Führungsquartett des MI6 um den Karrieristen Percy Alleline (Toby Jones) und Smileys Nebenbuhler Bill Haydon (Colin Firth) im Verdacht, eine Marionette des russischen Meisterspions „Karla“ zu sein.

Mit „Dame, König, As, Spion“ vollzieht sich eine überfällige – und an der Kinokasse überraschend erfolgreiche – Wiederbelebung vergessener Tugenden des Agententhrillers. In seiner herausfordernd langsamen, überaus komplexen (wobei die Grundzüge der Handlung aus der Romanvorlage und dem populären BBC-TV-Mehrteiler mit Alex Guinness vertraut sein dürften), dialoglastigen, hervorragend ausgestatteten und atmosphärisch dichten Adaption vertraut der schwedische Regisseur Tomas Alfredson der Überzeugungskraft seines grandiosen Ensembles und verzichtet auf all jene reißerischen Elemente, die das Genre vermeintlich konstituieren: keine Verfolgungsjagden, keine Schießereien, keine atemraubenden Stunts.

Was nicht heißt, dass es hier keine Gewalt gäbe. Die Welt der Geheimdienste ist sogar voll davon. Nur wird sie nie als Action heroisiert, sie bleibt realistisch, schmutzig, unspektakulär. Gewalt, und sei es auch nur verbale, ist bei le Carré Teil eines sich selbst erhaltenden Systems, das die Instrumentalisierung menschlicher Abgründe perfektioniert hat. Brillante Neuverfilmung.Jörg Wunder

GB/D/F 2011, 127 Min., R: Tomas Alfredson, D: Gary Oldman, Colin Firth, John Hurt, Mark Strong

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!