Zeitung Heute : Agenturen suchen Multimedia-Profis für kreative Pages

Kerstin Konrad

"Die erste Seite ist fertig", sagt Telse Grittner nicht ohne Stolz. Chef Robert Birka schaut interessiert auf die neue Webpage. Die angehende Mediengestalterin für Digital- und Printmedien sitzt vor ihrem Bildschirm in der Berliner Multimedia-Agentur Interactive-Tools. Die Kollegen am Nebentisch diskutieren über laufende Projekte, die Telefone klingeln. Heute brennt die Luft in dem 80 Quadratmeter-Büro in der Charlottenburger Leibnizstrasse 33.

Rund 1 500 große und kleine Agenturen gibt es bundesweit. Damit hat sich die Zahl laut Multimedia-Jahrbuch seit Mitte der 90-er Jahre verdoppelt. Nach Schätzungen des Deutschen Multimedia Verbandes arbeiten in der Branche rund 30 000 Multimediaspezialisten, davon sind rund zwei Drittel feste Mitarbeiter. Viele Betriebe sitzen in den klassischen Agenturresidenzen Hamburg und München. Aber besonders auf diesem Markt ist die Spreemetropole im Kommen.

Den Ausbildungsplatz in der Berliner Agentur hat die 29-jährige Telse Grittner ihrem persönlichem Engagement zu verdanken. Eigentlich wollte sie in die klassische Werbung, aber über ein Praktikum kam Telse in das Trendbüro. Die ehemalige Jurastudentin hatte sofort Spaß an der kreativen Arbeit und machte sich schlau über mögliche Ausbildungsberufe. So brachte sie den Stein ins Rollen. Ihr neuer Brötchengeber Robert Birka, Gründer von Interactive-Tools, wusste bis dahin nicht, dass er ausbilden darf.

Noch im Schatten anderer Branchen

Ein Problem, das Horst Gerhard von der Industrie- und Handelskammer kennt. "Fünf Außendienstmitarbeiter putzen bei den Agenturen die Klinken und werben um neue Arbeitsplätze," sagt Gerhard. Manchmal mit Erfolg - knapp 300 angehende Mediengestalter gibt es nun in Berlin. "Viele Betriebe wissen einfach nicht, dass sie ausbilden dürfen und auch Unterstützung vom Arbeitsamt erhalten." Informationen für Arbeitgeber gibt es bei der IHK.

Die Branche boomt, aber nicht alle verbuchen dreistellige Zuwachsraten bei Personal und Umsatz. Im vergangenen Jahr ließ das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie (BMWi) eine Studie von dem Essener Medienexperten Lutz Michel erstellen. Die Dokumentation "Karrierewege in der Multimedia-Wirtschaft" zeigt, dass die Steigerung hinter der 1996 veröffentlichten Prognose zurückbleibt. "Das ganz große Geld wird noch nicht verdient," meint Robert Birka, Gründer von Interactive-Tools, "aber das Wachstum wird anhalten."

Der Multimediabereich steht mit einem hochgerechneten Ertragsvolumen von 3,5 bis 4,3 Milliarden Mark deutlich im Schatten anderer Kommunikationsbranchen. "Auf einen Nenner gebracht, kann man sie als expandierende Minibranche bezeichnen," sagt der erfahrene Medienspezialist Lutz Michel. Die Arbeitsmarktentwicklung verläuft nahezu parallel zur Umsatzsteigerung.

Entgegen der Einstellungspraxis in andern Medienbereichen, setzt die Multimedia-Branche auf feste Kräfte. Für Telse Grittner ist die Chance sehr groß, nach ihrer Ausbildung einen Vertrag zu erhalten. Sie gehört zur ersten Generation Auszubildender, denn diesen Ausbildungsberuf gibt es in Berlin erst seit September 1998. Jeden Freitag trifft sie ihre 30 Mitschüler in der Berufsschule in Wittenau. Dort erhalten sie theoretische Grundlagen für die Arbeit am Bildschirm.

Vier überlappende Tätigkeitsfelder

Von den Kollegen im Büro lernt sie den täglichen Ablauf einer Agentur. Konzeption, Projektmanagement, Design und Programmierung sind die vier Kern-Tätigkeitsfelder im Multimedia. Vor allem in den kleinen Betrieben überlappen sie sich. Telse Grittner arbeitet hauptsächlich als Designerin.

"Wie bei vielen anderen führte mein Weg zum Traumberuf am Screen über Praktika und freie Mitarbeit," sagt die computerbegeisterte Berlinerin. Doch damit ist der Einstieg längst nicht mehr garantiert. Denn in vielen Agenturen werden die Jobschnupperer als billige Hilfskräfte missbraucht und erhalten nur geringe Einblicke in die reale Arbeitswelt. "Noch vor wenigen Jahren," meint Chef Robert Birka, "hatten Quereinsteiger leichtes Spiel." Doch nun ist die Multimedia-Arbeitswelt im Wandel. Neben den neuen Lehrberufen, die in den vergangenen drei Jahren entstanden sind, bieten Fachhochschulen und Universitäten auf den Multimediabereich zugeschnittene Studiengänge. Umfangreiche Informationen bietet der Deutsche Multimedia Verband.

Trotz der steigenden Absolventenzahlen bezeichnen viele Personalabteilungen die Suche nach qualifizierten Mitarbeitern als schwer bis sehr schwer. Es fehle den Bewerbern an Schlüsselqualifikationen wie Teamfähigkeit und Kundenorientierung, allerdings auch Fachwissen.

Die 35-Stunden-Woche ist Illusion

Ein Bruttoeinstiegsgehalt von 4 000 Mark macht den Markt für Lohnabhängige zunächst nicht zur Goldgrube, aber 10 000 Mark und mehr für Spitzenkräfte sind möglich. Die 35-Stunden-Woche bleibt dabei natürlich illusorisch. Eine Nine-to-Five-Mentalität bringt keine Pluspunkte in der Branche. "Fünfzig Stunden können es schon mal werden", weiß auch bereits Neuling Telse Grittner aus Erfahrung. Manchmal sitzt das Team auch bis Nachts im Büro. Besonders großen Agenturen wird nachgesagt, dass sie wenig Rücksicht bei der Wochenendplanung ihrer Mitarbeiter zeigen.

Mehr als die Hälfte der Agenturen macht ihr Geld mit der Gestaltung der vielen bunten Internetseiten. Seit Mitte der Neunziger zeigt sich eine deutliche Verlagerung von Offline- zu Online-Produkten. World Wide Web und Internet haben die CD-ROM seit über zwei Jahren abgehängt. Und Dienstleister, wie etwa Versicherungen, werden ihre multimediale Arbeit ausweiten. Hier sieht der Essener Medienforscher Lutz Michel gute Chancen für den Arbeitsmarkt, nicht nur in den Agenturen. Nach Schätzungen des Multimedia Verbandes werden jährlich 6 000 weitere Jobs hinzukommen. Der häufig nicht planbare Personalbedarf ist das größte Problem für beide Seiten. Wenn ein neues Projekt ins Haus steht, wird bei den meist mittelständischen Betrieben neu eingestellt. Von jetzt auf gleich suchen die Firmen nach Mitarbeitern.Deutscher Multimedia Verband, Kaiserstr. 14, 40221 Düsseldorf, t 02 11 - 852 86 - 0, http://www.dmmv.de .

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