Agrarpreise : Alarm aus den Hungerzonen

Explodierende Lebensmittelpreise haben eine klare Ursache: Immer mehr Menschen streben einen westlichen Lebensstil an - was einen energieaufwendigen Lebensstil bedeutet. Die Alternative ist nicht eine Rückkehr ins vorindustrielle Zeitalter, sondern längst vorhandene Technologien und Einsichten im großen Stil einzusetzen.

Ein Kommentar Harald Schumann

Die Getreidepreise explodieren, von Haiti bis zu den Philippinen drohen Hungeraufstände, und die Vereinten Nationen schlagen Alarm: Die Verteuerung der Nahrung könnte alle Erfolge der vergangenen Jahre bei der Bekämpfung der Armut zunichte machen. Nun werden Regierungskonferenzen einberufen und Hilfsprogramme aufgestellt, stets in der Hoffnung, dass die Not schon irgendwie vorbeigehen wird.

Die Aussichten dafür stehen schlecht. Denn es geht nicht um eine humanitäre Notlage im klassischen Sinn. Diese Hungerkrise hat tiefgehende strukturelle Ursachen. Gleich vier Faktoren tragen zur selben Zeit dazu bei, dass Angebot und Nachfrage auf den Agrarmärkten immer weiter auseinanderklaffen. Nicht nur lässt der Klimawandel vielerorts die Ernten weit geringer ausfallen als in früheren Jahren. Außerdem steigt die Zahl der Menschen rapide, die große Mengen Fleisch und Milchprodukte essen. Dafür werden jedoch etwa zehnmal so viel Getreide und andere Früchte benötigt wie für die Ernährung auf pflanzlicher Basis. Gleichzeitig wächst weltweit parallel zur Automobilproduktion die Nachfrage nach Treibstoffen. Das hat den Ölpreis binnen acht Jahren annähernd verzehnfacht und damit die Herstellungskosten im hochgradig energieabhängigen chemischen Landbau drastisch in die Höhe getrieben. Zu allem Überfluss haben die Wohlstandsnationen auch noch begonnen, einen Teil ihres Energiehungers mit Brennstoffen aus pflanzlichen Rohstoffen zu stillen. So provozieren sie die Verdrängung der Nahrungsproduktion zugunsten von Energiepflanzen.

Alle diese Faktoren gehen jedoch letztlich auf die gleiche Ursache zurück: Eine immer größere Zahl von Menschen hat begonnen, den ressourcen- und energieaufwendigen Lebensstil zu übernehmen, wie ihn die Wohlstandsländer seit Jahrzehnten vorleben. Nun aber wird klar, dass sich die alte Verheißung der Entwicklungspolitik „wie im Westen so auf Erden“ für die große Mehrheit der Menschheit niemals erfüllen kann, jedenfalls nicht auf der Basis der bisher genutzten Technologien. Denn vom Auto bis zum chemisch gedopten Landbau verursachen sie einen Verbrauch von Energie, Wasser und fruchtbaren Böden, der definitiv nicht globalisierbar ist. Würde auch nur die Hälfte der Menschheit leben wie wir, brauchte es zwei weitere Planeten.

So sind die hohen Getreidepreise und die Notrufe aus den neuen Hungerzonen letztlich nur ein weiteres Alarmsignal dafür, wie dringend Produktion und Konsum in den Reichtumsstaaten an die ökologische Kapazität der Erde angepasst werden müssen. Anders als von vielen Wohlstandszynikern befürchtet, führt dieser Umbau aber keineswegs zurück in die Mühsal der vorindustriellen Zeit. Vielmehr geht es darum, die längst vorhandenen Technologien und Einsichten endlich im großen Stil einzusetzen. Vom Ein-Liter-Leichtbauauto über den ökologischen Landbau bis zum Passivhaus, das von externer Energiezufuhr unabhängig ist, gibt es fast alles, was zur Erfindung eines ressourcenleichten Lebensstils benötigt wird. Das größte Hindernis auf diesem Weg ist nicht der Mangel an Ideen, sondern der Widerstand all jener, die wie die Führungsriege der deutschen Auto- oder Stromindustrie unter Missbrauch ihrer wirtschaftlichen Macht den ökologischen Umbau verweigern und alle entsprechenden Forderungen als unrealistisch abtun. Die jüngste Hungerkrise beweist einmal mehr das Gegenteil: Die eigentlichen Realitätsverweigerer sind die Verteidiger des Status quo.

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