Zeitung Heute : Ahn und Ähnlichkeit

Seit kurzem kennt Lehrer Huchthausen die Vorfahren aus der Bronzezeit: die älteste Familie der Welt Über 100 andere gehören auch dazu. Und aus Nachbarn werden plötzlich Verwandte.

Wie aus dem Gesicht geschnitten. Manfred Huchthausen neben dem rekonstruierten Individuum „M6“, einem Familienmitglied, das vor 3000 Jahren lebte. Foto: Deike Diening
Wie aus dem Gesicht geschnitten. Manfred Huchthausen neben dem rekonstruierten Individuum „M6“, einem Familienmitglied, das vor...

Als er die Augen wieder auftat, war er immer noch er selbst: Manfred Huchthausen, geboren im Jahr 1949 n. Chr., Berufsschullehrer aus Förste. Ein Mann, der gerne Bart trägt und Brot backt. Nichts hatte sich verändert.

Er hatte in einem Experiment versucht, ein Gefühl für seine Familie zu entwickeln, ist alleine mit dem Auto oben an die Hügelkette gefahren, die sie die „Pipinsburg“ nennen, hat den Blick über die Wellen des Vorharz schweifen lassen und die Augen geschlossen. Aber es war unvorstellbar. Seine Familie, die genau hier gelebt hatte, war wenige 100 Meter weiter in der Lichtensteinhöhle bestattet worden. Vor etwa 3000 Jahren. Der älteste Familienverbund, den die Wissenschaft kennt. Er wusste nicht viel über sie, aber etwas von ihnen steckte in seiner DNA.

Wenn er von seiner unfassbaren, einzigartigen Geschichte erzählen will, hilft ihm keine Vorstellungskraft. Er muss sich an die Fakten halten, wie alle anderen auch.

Als vor Jahren bei Ausgrabungen in der Lichtensteinhöhle die Überreste von 40 Menschen in über 15 000 Einzelknochen gefunden wurden, da fragte man sich: War dies eine Opferstätte? Ein Massengrab? In jedem Fall war es der bisher bedeutendste Fund aus der Bronzezeit. Und die Sensation für die Wissenschaft: Es war eine Familie in drei Generationen. Noch nie hatte man so etwas entdeckt.

Die Sensation liegt ja nicht darin, dass Manfred Huchthausen Vorfahren in der Bronzezeit hat – die haben wir alle. Susanne Hummel, Anthropologin in Göttingen mit einem Faible für degradierte DNA, die Erbgut auch gerne aus verbrannten Knochen oder einer Zahnwurzel extrahiert, findet, das Besondere sei, dass die bronzezeitliche Familie aus der Höhle immer noch Nachfahren in der Gegenwart hat – und nicht etwa unterwegs ausgestorben ist.

Einige Glücksfälle in der Höhle hatten dazu geführt, dass die DNA über die Jahrtausende gut erhalten war: die stetige Temperatur von sechs bis acht Grad, der Gipssinter, der zufällig vom PH-Wert einer Lösung, in der man DNA lagern würde, nicht unähnlich war.

Das Institut baute nach dem Fund einen Kühlraum, minus 20 Grad. Mitarbeiter ordneten die Funde in Pappkisten: „Individuen“, „Fragmente“, „Hand- und Fußknochen sortiert“, „Knochenmehl und Extraktionen“, „1 Beckenschaufel“.

Sie entnahmen Material aus den Zahnwurzeln, wo DNA gut nachweisbar ist, und konfrontierten die ältesten Knochen mit der neuesten Technik: Für die PCR-Technik, die Polymerase-Kettenreaktion, war 1993 der Nobelpreis verliehen worden. Mit ihr können kleinste Mengen DNA vervielfältigt werden, die dann für Untersuchungen zur Verfügung stehen.

Als sie eine seltene Sequenz auf dem Y-Chromosom fanden, die in keiner europäischen Datenbank zu finden war, waren sie elektrisiert. Das war extrem ungewöhnlich. Sollte in der Gegend noch jemand mit ähnlich seltenem Erbmaterial gefunden werden, war die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass es sich um einen direkten Nachfahren handelt. Die Wissenschaftler riefen die Menschen aus den umliegenden Dörfern auf, eine DNA-Probe abzugeben. Sie fürchteten, es würde niemand kommen. Aber wann hat man schon die Gelegenheit, einen Stammbaum geschenkt zu bekommen?

273 Menschen betraten am Morgen des 20. Januar 2007 den Musikraum der Grundschule in Förste, um auf einem Wattestäbchen ihren Speichel zu hinterlassen. Sie alle lebten seit mindestens drei Generationen in der Gegend. Es waren vornehmlich Männer.

Manfred Huchthausen war hier zur Schule gegangen. An diesem Samstag hatte er sich extra noch einmal die Zähne geputzt, damit Bakterien seine DNA nicht verunreinigten. Er bemerkte seinen seltsam trockenen Mund und dachte: Da finden die nichts.

Wie standen auch die Chancen, dass sich in seiner Mundhöhle eine Verbindung zur Lichtensteinhöhle herstellen ließe? Wie hoch war die Wahrscheinlichkeit, dass nach den Römern, den Heeren von Tilly im Dreißigjährigen Krieg, nach Napoleon, der Pest, der Cholera, zwei Weltkriege und 120 Generationen später noch jemand um die Ecke wohnt?

Ein halbes Jahr hörte er nichts. Dann kam der Brief und lieferte den Beweis: Der Apfel war sagenhafterweise in 3000 Jahren 120-mal direkt neben den Stamm gefallen. Genau hierhin. Vorharz, Förste, Fachwerk, in den ersten Stock dieser geräumigen, ehemaligen Nebenerwerbslandwirtschaft, wo er geboren wurde und jetzt im Wohnzimmer die stehen gebliebene Standuhr wieder aufzieht. Er wälzt sich einen prallen Aktenordner auf den Schoß: Zeitungsausschnitte. Korrespondenz. Fotos. Beweise: Er selbst ist zusammen mit einem Nachbarn aus dem Dorf mit allergrößter Wahrscheinlichkeit ein Nachfahre der Toten aus dem Berg. Über 100 andere Menschen in der Gegend sind es mit großer Wahrscheinlichkeit. Weshalb ihnen allen plötzlich nicht nur ein spektakulärer Stammbaum aus der Bronzezeit zuwächst, sondern zugleich eine reale Familie in der Gegenwart. Seitdem wissen diese Nachbarn aus den Dörfern des Vorharz, dass sie auf diese dicke, verwandtschaftliche Art zusammengehören.

„3000 Jahre hat sich alles auf diesen einen Tag hin konzentriert.“ Dieses Gefühl hat Huchthausen manchmal. An diesem Tag hat man ihn „gefunden“. Sein Leben teilt sich in ein Davor und ein Danach.

Nach einer Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts umfasst das allgemeine Persönlichkeitsrecht, Art. 2, Abs.1, Grundgesetz auch das Recht auf Kenntnis der eigenen Abstammung. Offenbar geht das Gericht davon aus, dass nicht Herkunft selbst, sondern die Kenntnis davon im Leben eines Menschen von identitätsstiftender Bedeutung ist.

Mehr als die Hälfte der Bestatteten, erfährt Huchthausen aus dem Brief der Göttinger Wissenschaftler, haben keine Milch vertragen.

Und er, verträgt er Milch?

„Kein Problem“, sagt Huchthausen.

„Aber deine Mutter hatte Schwierigkeiten – und Henning auch“, sagt seine Frau. „Vielleicht ist das der Grund, weshalb er als Säugling so geschrien hat!“ Vielleicht.

Menschen, die in ihrem Leben nach Erklärungen suchen, finden einige im Stammbaum. Er verleiht Krankheiten, dem Aussehen, Vorlieben und Eigenschaften wenn schon keinen Sinn, so doch einen Grund. Ist dann die boomende Ahnenforschung eine verkappte Sinnsuche? Und ist es beim Menschen etwa wie beim Hund? Ist er mehr wert, wenn man seinen Stammbaum kennt?

Friederike Huchthausen, des Nachfahren Frau, arbeitet beim Jugendamt. Sie kennt sich aus mit Adoptivkindern und der Babyklappe. Sie sagt: „Die Suche nach der Herkunft ist eine Sehnsucht, die bis zum Ende bleibt, wenn man sie nicht erfüllen kann.“

Ihre neue Familie zählt jetzt über 140 zusätzliche Mitglieder. Huchthausen hat in dieser Gruppe einen Orthopäden aus Göttingen kennengelernt, mit dem er sich etwas zu sagen hat. Er hat aber auch nahe Verwandte wiedergefunden, mit denen ihn trotz allem kaum etwas verbindet. Und Huchthausen, der sich über all die neuen Bekanntschaften freut, hat zugleich zu seiner Schwester, obwohl sie im gleichen Dorf lebt, keinen Kontakt. So sind Familien nämlich auch.

All diese merkwürdigen Verwicklungen haben die Huchthausens veranlasst, über Verwandtschaft nachzudenken, über Völker und deren Wanderung. Ihr eigenes Leben, so zufällig es bislang erscheinen mochte, fügte sich nun nahtlos in eine tausende Jahre alte Fortsetzungsgeschichte. Offenbar hatte sich ihr Leben in Kreisen vollzogen, es war eine ewige Geschichte vom Ausziehen und Wiederkehren. Merkwürdigerweise waren es die Männer, die immer wieder an ihren angestammten Ort zurückkehrten.

So sitzen sie also bei zuckrigem Kuchen um ihren Wohnzimmertisch und denken laut, es sei zu vermuten, dass die Frauen der Huchthausens generationenlang die Schützenfesttrophäen ihrer Männer waren. Die mobile Ware. Die nicht namentlich erwähnten Tanztrophäen.

„Angeheiratet“ werden schließlich Frauen, oder?

Es war üblich, in dieser Tradition der Schützenfeste, beim Tanzen die Arme um eine unbekannte Frau zu legen und ein Leben lang nicht mehr loszulassen. Die Praxis sah vor, dass die Frau dann zum Mann zog, nicht etwa umgekehrt.

Und, merkwürdig, als hätten sie auch hier ein genetisches Programm zu erfüllen, haben sich die Huchthausens von heute in einer Disco in Hannover kennengelernt, dem Tanzfest der Gegenwart. Obwohl sie eigentlich sonst nie in eine Disco gegangen seien.

Huchthausen ging, als er 18 war, zum Bundesgrenzschutz nach Duderstadt, in Göttingen drei Jahre Maurerlehre, in Kassel und Hannover hat er Bauingenieur studiert, dann den Berufsschullehrer gemacht in Hannover.

Und beinahe wäre die Geschichte des Ausziehens und Zurückkehrens zu den Wurzeln in der letzten Generation unterbrochen worden, denn Huchthausen gefiel auch die Lüneburger Heide, die Heimat seiner Frau. Er hätte sich vorstellen können, dort zu leben. Aber dann lockte eine Arbeit, das Haus der Eltern war da, und Manfred Huchthausen zog mit seiner Frau wieder in das Haus, in dem er geboren worden war. Er pflanzte eine Buche, die inzwischen fast den ganzen Garten verschattet. Ihre zwei Söhne, Volker und Henning, sind heute über 20.

Im Institut in Göttingen klingelt das Telefon bei Professorin Susanne Hummel. Ein Zeitgenosse aus dem Dörfchen Einbek: Er könne seine Familie bis ins 14. Jahrhundert hinein nachweisen. Ob er nachträglich an diesem DNA-Test für die Bronzezeit-Familie teilnehmen könne? Hummel warnt, es koste 200 bis 250 Euro, nur die männliche Linie werde erforscht. Das Ergebnis sei eine Wahrscheinlichkeit, keine Gewissheit. Möglich, dass er nachher nicht schlauer sei als vorher.

Meistens interessieren sich Männer für die Ahnenforschung, kein Wunder, „Männer sind länger nachweisbar“. Denn in den Urkunden aus dem 17. oder 18. Jahrhundert steht: Und der Hans nahm sich eine Frau aus X. Erst in den oberen Rängen bekommt die Frau überhaupt einen Namen. „Es ist die uralte Geschichte des Stammhalters“, sagt sie.

Immer häufiger versuchen Stammhalter der Gegenwart mit der Vergangenheit in Kontakt zu treten. Es ist eine Suche nach der eigenen Bedeutung. Aber der Stolz der Nachfahren ist der Wissenschaftlerin suspekt. Worauf genau sind sie „stolz“? Auf welche Leistung, die ja nie ihre eigene ist?

Huchthausen kam mit seiner Familie nach Göttingen, um sich die Überreste seiner Vorfahren zeigen zu lassen. Man gab ihnen Mundschutz und Handschuhe. Stolz war nicht sein Antrieb.

„Die waren wer in ihrer Zeit“, sagt Hummel über die Skelette aus der Lichtensteinhöhle. An der Wirbelsäule, Hand- und Fußgelenken keine „Randleistenbildung“, das wären Zeichen körperlicher Arbeit gewesen. Wenig Krankheiten, wenig degenerative Erscheinungen. Keine Feldarbeit, womöglich eine herausgehobene Stellung.

Im Präparationssaal, die Hand am Schädel, überkam Huchthausen „ein Friedhofsgefühl“. Er dachte, der Schädel gehört da nicht hin. Wir graben ja auch sonst nicht unsere Verwandten aus und fassen sie an!

Huchthausen war von nun an emotional und praktisch an den laufenden Forschungen beteiligt. Er beherbergte zwei Archäologen in seinem Haus, die in der Lichtensteinhöhle weitergruben. Er freundete sich mit dem Kreisarchäologen Stefan Flindt an, zu dessen Lebenswerk der Höhlenfund geworden ist. Im Dorfgasthof „Zum Schwarzen Bären“ prangt auf der Speisekarte das „3000 Lichtensteiner Höhlensteak“ mit angeschwenkten Pfifferlingen.

Das „Museum am Berg“ im Iberger Höhlenerlebniszentrum, ganz in der Nähe von Förste – „unsere Sammlungstätigkeit besteht auch darin, Nachfahren zu sammeln“ – veranstaltet einmal im Jahr ein Familientreffen. Es kommen über 100 Zeitgenossen.

Manfred Huchthausen ist häufig hier. Er stellt sich dann neben die Nachbildung von „M6“, einem männlichen Individuum aus der Lichtensteinhöhle, vor dem man ihn fotografieren kann. Beider DNA ist der Wissenschaft vollständig bekannt. Auch sein Leben hat etwas Vitrinenhaftes gewonnen.

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