Zeitung Heute : Aida

Berlinale-Kost: Wie man Spinat lieben lernt

Elisabeth Binder

Aida, Knesebeckstr. 83, Charlottenburg, Tel. 318 067 50, geöffnet täglich außer sonntags von 11.30 bis 24 Uhr. Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Mit den Berlinale-Gästen ist es wirklich zum Verzweifeln! Sie kleben wie Pech an ihren Ritualen, so dass jeder kleinstädtische Buchhalter vor Neid gelb anlaufen müsste. Von der Paris Bar bis zum Florian bevölkern sie die eng gefasste Bandbreite altarrivierter Promi-Restaurants, als ob es nichts Neues gäbe unter der Berliner Wintersonne. Also gut. Verführungs-Attacke läuft.

Das „Aida“ hat im letzten Sommer in bester Savignyplatz-Lage eröffnet. Auf den ersten Blick wirkte es auf mich wie eine moderne Wiedergeburt des untergegangenen Ponte Vecchio, nicht so sehr dem Aussehen nach, sondern eher, was die Ausstrahlung betrifft. Gemütliche Eleganz ist ja eher ein Widerspruch in sich. Aber dieses Ambiente legt den Gedanken nahe: Vor der geräumigen Bar aus dunkelbraunem Holz stehen hellbeige Lederhocker, in der gleichen Farbe sind die bequemen Stühle und Sofas im eigentlichen Restaurantbereich gehalten. Terracottafarbene Rundbögen erheben sich über abgezogenen alten Dielen, die Tische sind in beigeweißen Karos gedeckt, schöne Lampen geben ein warmes, nicht zu helles und nicht zu schummeriges Licht. Die Walzerklänge vom Band mögen nicht jedermanns Sache sein, aber später gab es immerhin italienische Lieder. Dass einen der Kellner mit Handschlag begrüßt, ist vielleicht ein Indiz dafür, dass die Betreiber sich durchaus vorstellen könnten, ein Prominentenlokal mit allen einschlägigen Riten zu betreiben. Die ersten Schritte sind wohl auch bereits getan. Loriot hat es hier schon geschmeckt und Mario Adorf auch, was daran liegen mag, dass die Portionen weniger übersichtlich als vor allem phantasievoll wirken.

Vorweg gibt es schlichte schwarze Oliven und sehr gutes italienisches Weißbrot, dazu einen makellosen Prosecco (4,50 Euro). Die Spinatsuppe ist ein Gedicht in Grün, Weiß und Rosa, köstliche klare Brühe mit frischem Spinat und Calamaretti, dazu ein Käsecrouton (5,50 Euro). Ein überraschender Geschmack, mit dem man kindheitsgeschädigte Spinathasser missionieren könnte. Das in der Speisekarte schlicht als Lachs-Carpaccio aufgeführte Vorgericht kam wie ein Gemälde daher. Eigentlich war es ein kunstvolles Carpaccio aus einer orange-weißen Roulade aus Lachs und Dorade, beträufelt mit Zitrone und kaltgepresstem Olivenöl und mit roten Pfefferkörnern bestreut. Darauf angerichtet einige der zartesten Artischockenviertel, die ich seit langem probiert habe (8,50 Euro).

Drei große Scheiben Kalbsleber waren auf gedünsteten roten Zwiebeln angerichtet, hatten einen angenehm zarten, unaufdringlichen Leber-Geschmack und zergingen auf der Zunge. Dazu gab es Kartoffelgratin, das neben der Leber leider etwas bleich wirkte (13,50 Euro). Besser noch waren die gemischten Fische: Zander, Scampi und Lachs von zarter Bissfestigkeit, sehr frisch und mit dem Hauch einer Panade leicht vergoldet. Dazu gab es eine gute Portion Rucolapesto, in dem die Ingredienzien noch erkennbar blieben, was ihm einen angenehm hausgemachten Charme verlieh, und kräftigen Wildreis mit frischem Gemüse (14,50 Euro).

Die offenen Weine waren einwandfrei, der frische Rosato ebenso wie der vollsamtige Montepulciano. Auch beim Dessert ließ die Form nicht nach. Sehr schönes Tiramisu auf Schokoladensauce teilte sich den gemischten Dessertteller mit Pannacotta und einem guten Halbgefrorenen auf fruchtiger Erdbeersauce (6,50 Euro). Insgesamt ist das Angebot konventionell genug, um Gäste anzuziehen, denen es nicht in erster Linie ums Essen geht. In der Umsetzung zeigt es dann aber immer wieder jenen Pfiff, der aufmerken lässt. Den milden Grappa zum Espresso gab’s aufs Haus, wie es sich für einen klassischen Italiener gehört. Allerdings scheint die Phase noch nicht abgeschlossen, wo um Kunden auch geworben werden muss.

Eigentlich wäre das „Aida“ ideal als Berlinale-Treffpunkt. Nur leider ist das Preis-Leistungs-Verhältnis ein bisschen zu gut. So etwas scheut die einschlägige Klientel wie der Vampir den Knoblauch. Zu viel Kino scheint nicht nur den Augen zu schaden, sondern vor allem dem Gaumen.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar