Zeitung Heute : Aids – endlich Hoffnung

DR. WEWETZER

Hartmut Wewetzer

Unser Arzt fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin

Vor 20 Jahren begann die Aufholjagd. Französische Forscher hatten das Aids-Virus entdeckt. Als nächstes folgte ein Aids-Test. Dann kamen die Medikamente. Und 1996 der große Durchbruch mit einer neuen Gruppe von Arzneien. Die waren so erfolgreich, dass sie das Sterben deutlich bremsten, dem Tod ein Schnippchen schlugen – zumindest in den reichen Ländern.

Aber Aids ist noch da, auch bei uns. Noch immer sterben jedes Jahr an die 600 Menschen an der Immunschwäche. Deshalb ist es mehr als nur eine Randnotiz, dass nun – erstmals seit sieben Jahren – wieder ein neuartiges Medikament auf den Markt kommt. Es heißt Enfuvirtide (Handelsname: Fuzeon). Fuzeon, ein Produkt des Schweizer Herstellers Hoffmann-LaRoche, blockiert das Eindringen des Aids-Virus in die Wirtszelle. Es ist ein „Fusionshemmer“.

Damit steht den Ärzten ein dritter Weg zur Verfügung, um das Immunschwächevirus zu treffen. Die bisherigen Arzneien blockieren zwei wichtige Virus-Eiweiße, die Protease und die Reverse Transkriptase. Sie wirken aber erst, wenn das Virus die Zelle bereits befallen hat. Jetzt ist es also möglich, schon eine Stufe vorher gegen den Erreger vorzugehen.

„Die Patienten fühlen sich besser, sie sind wieder leistungsfähiger“, beschreibt Keikawus Arastéh seine Erfahrungen mit dem Medikament. Arasteh arbeitet am Berliner Vivantes-Auguste-Viktoria-Klinikum. Er ist einer der wenigen namhaften deutschen Aidsexperten und gehörte zu den Ärzten, die Fuzeon testen konnten.

Das Ergebnis der Studie wurde nun im Fachblatt „New England Journal of Medicine“ veröffentlicht: das Mittel – es wird zwei Mal am Tag unter die Haut gespritzt – hemmt die Virusvermehrung und stärkt das Immunsystem. Es ist offenbar vor allem für jene geeignet, bei denen die anderen Arzneien nicht mehr so gut anschlagen. Und: „Wenn kein anderes Mittel mehr wirkt, gewinnen wir noch mindestens ein halbes Jahr“, sagt Arastéh. Jetzt hofft er auf weitere Mittel à la Fuzeon.

Der Haken: Fuzeon besteht aus 36 Aminosäuren, die gleichsam von Hand zusammengelötet werden müssen – in sage und schreibe 106 einzelnen Syntheseschritten. Das hat seinen Preis: an die 20000 Euro kostet die Jahresdosis pro Patient. Nicht jeder kann das bezahlen – bei uns übernehmen es die Krankenkassen.

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