Zeitung Heute : „Aids ist keine Party“

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Die Zahl der HIVNeuinfektionen in Deutschland wächst. Was muss passieren, damit die Gefahr von Aids wieder ernst genommen wird, Herr Jarchow?

Wir beobachten, dass Aids den Schrecken verloren hat. Junge Leute kennen die Katastrophe, der 80er Jahre nicht mehr. Das Problem in der Prävention besteht darin, dass wir die Dinge nicht mehr nur auf einen Satz reduzieren können. Früher konnten wir sagen: Denk an dein Leben.

Ist die Angst weg, weil die Behandlungsmöglichkeiten besser geworden sind?

Heute gibt es Medikamente, die die Kranken länger leben und seltener an Aids sterben lassen. Aber das Leben mit Pillen ist keine Party – das versuchen wir klar zu machen. Viele denken, Aids sei kurierbar. Angst ist ein kurzfristiger Ratgeber.

Man gewöhnt sich also an Angst?

Ja. Wir sind aber oft auch unglücklich über Anzeigen von Pharmakonzernen, die suggerieren ein Aids-Infizierter sähe trotz der Krankheit blendend aus und könnte Berge besteigen. Es gibt eine Verharmlosungstendenz – auch auf politischer Ebene. In der Hierarchie der Bedrohungen ist Aids in den vergangenen zehn Jahren nach hinten gerutscht.Der Niedergang der öffentlichen Wahrnehmung hängt mit dem der öffentlichen Haushalte zusammen. Vor zwanzig Jahren wurde sehr viel Geld für Aidsbekämpfung ausgegeben. Die Gelder wurden zum selben Zeitpunkt knapper, als das Gefühl der Bedrohung schwächer wurde.

Beeinflusst die Gesundheitsreform den Umgang mit Aids?

Menschen mit chronischen Krankheiten sind in unserem Gesundheitssystem die Verlierer, gerade nach der Reform.

Warum helfen Kampagnen nicht?

Die Gelder werden weniger. Viele Werbeflächen, auch im Fernsehen, waren früher kostenlos – das ist heute anders.

Was muss denn jetzt passieren?

Aids ist immer noch eine Bedrohung in Deutschland – der Satz stimmt – aber er reicht nicht aus. Die Botschaften heute sind wesentlich differenzierter. Wir müssen wieder verstärkt in die Schulen gehen und generell daran erinnern, dass es Aids noch gibt. Und zwar nicht nur in der Dritten Welt. Die Werte Gesundheit und Sexualität müssen wieder in der Öffentlichkeit verstärkt werden. Wir wollen heute keine Angst mehr erzeugen, sondern Selbstbewusstsein. Denn nur derjenige, der selbstbewusst ist, schützt sich auch.

Rainer Jarchow gehört dem Vorstand der Deutschen Aidshilfe an. Er war viele Jahre evangelischer Pastor in Hamburg.

Das Gespräch führte Stephanie Nannen.

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