Aids-Konferenz : Das raubt Kräfte

Mehr als 20.000 Experten nehmen bis Freitag an der Weltaidskonferenz 2008 in Mexiko-Stadt teil. Besonders stark von der Krankheit ist immer noch Afrika betroffen. Welche Folgen hat Aids dort?

Wolfgang Drechsler[Kapstadt]
Afrika Aids
In manchen Teilen Afrikas sind 20 Prozent der Menschen HIV-positiv. -Foto: dpa

Die 48 afrikanischen Länder südlich der Sahara sind seit Jahren besonders stark von den Auswirkungen der Aidsepidemie betroffen. Das UN-Aidsprogramm (Unaids) schätzt, dass fast 25 Millionen der rund 33 Millionen Menschen, die weltweit HIV-positiv sind, heute in Schwarzafrika leben. Besonders dramatisch ist die Aidsrate dabei im südlichen Afrika, wo vielerorts über 20 Prozent der Bevölkerung mit dem Virus infiziert sind. Allein in Südafrika leben fast sechs Millionen HIVPositive, von denen über 500 000 inzwischen akut an Aids erkrankt sind.

Die Gründe für die weit überproportionale Aidsrate in Afrika sind so vielfältig wie umstritten: Sie reichen von der extrem patriarchalischen Gesellschaftsstruktur und den damit verbundenen Folgen wie der fast völlig fehlenden Verhütung über spezifische kulturelle Praktiken bis hin zur Biologie. So hat eine vor Kurzem veröffentlichte Studie gezeigt, dass das Risiko einer HIV-Infektion bei Afrikanern unter anderem aufgrund einer genetischen Disposition womöglich höher liegt als bei anderen Bevölkerungsgruppen. Demnach scheint ein Gen, das gegen Malaria schützt, gleichzeitig das Risiko einer HIV-Infektion zu erhöhen.

Die Deutsche Stiftung Weltbevölkerung (DSW) hat in ihren Jahresberichten wiederholt darauf verwiesen, dass Aids die ohnehin brüchigen Familienstrukturen in Afrika weiter zerstöre und dem Kontinent, der bereits jetzt unter einem eklatanten Mangel an Fachkräften leidet, oft ausgerechnet seine produktivsten Kräfte raubt. Sicher ist, dass die hohe Zahl an Aidskranken direkte Folgen auf den Krankenstand. In der Folge betrifft dies auch die Produktivität. Allerdings variieren die Folgen stark: Nach einer Untersuchung des Bureau for Economic Research (BER) der Universität Stellenbosch haben lediglich 60 Prozent der Unternehmen im Finanzsektor und 50 Prozent der Unternehmen im verarbeitenden Sektor eigene Aidsprogramme, während es im Bergbausektor inzwischen über 80 Prozent sind. Im Baugewerbe und im Einzelhandel verfügt kaum ein Drittel der Unternehmen über ein eigenes Aidsprogramm.

Die großen Unterschiede zwischen den Wirtschaftszweigen erklären sich mit den verschieden starken Auswirkungen der Epidemie. Die Bergbauunternehmen und der verarbeitende Sektor sind nach Ansicht des Instituts am engagiertesten, weil die Infektionsraten dort am höchsten sind und direkte negative Auswirkungen zu befürchten sind. Im Bank- und Versicherungssektor hat die Epidemie wegen der niedrigeren Infektionsraten dagegen weit weniger tiefe Schneisen geschlagen. Viele südafrikanische Unternehmen bilden ihre Belegschaft inzwischen oft für zwei oder drei unterschiedliche Tätigkeiten aus, sodass sie an Aids verstorbene Arbeitskollegen im Bedarfsfall ersetzen können.

Wie stark die Epidemie das Wachstum bremst, lässt sich kaum beziffern. Südafrikas Regierung glaubt, dass Aids die Kaprepublik rund einen halben Prozentpunkt Wirtschaftswachstum pro Jahr kostet. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt auch die Studie des Stellenboscher Universitätsinstituts.

Weit dramatischer sind die Vorhersagen der Weltbank. Sie befürchtet, dass die Aidsepidemie Südafrikas Wirtschaft schwere Schäden zufügen könne. BER weist diese Vorhersage mit der Begründung zurück, dass das Weltbankszenario die hohe Zahl ungelernter Arbeiter mit dem HI-Virus unberücksichtigt lasse. Zum anderen würden die mit großer Verspätung auch am Kap ausgegebenen Anti-Aids-Präparate die Auswirkungen der Epidemie stark mindern.

Südafrika ist nicht die einzige Nation mit einem Aidsproblem, doch ist es das weltweit einzige Land, in dem eine vergleichsweise stark industrialisierte Wirtschaft stark davon betroffen ist. Die Unternehmen können deshalb auch nur begrenzt auf Erfahrungen aus anderen Ländern bauen. Erschwerend kommt hinzu, dass Südafrikas Geschäftswelt trotz der Bedrohung durch die Aidsseuche kaum Hilfe von der Regierung bekommt. Der Grund: Bis heute bezweifelt Südafrikas Präsident Thabo Mbeki den kausalen Zusammenhang zwischen HIV und Aids und macht neben der Armut auch den amerikanischen Geheimdienst und die westliche Pharmabranche für das Ausmaß der Epidemie in Afrika verantwortlich. Ein wirklich schlüssiges und zusammenhängendes Aidsprogramm sucht man am Kap deshalb noch immer vergeblich.

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