Zeitung Heute : Airlines im Aufwind

Der Luftverkehr in Berlin erlebt derzeit einen kräftigen Aufschwung. Die „Billigflieger“ haben daran entscheidenden Anteil

Rainer W. During

Berlins Airportmanager blicken immer wieder ins Rheinland. Die Flughäfen Düsseldorf und Köln/Bonn gelten als Messlatte für ihren Erfolg. Aber auch der Luftverkehr in der Hauptstadtregion boomt wieder, nicht zuletzt dank der zahlreichen Billigflieger, die sich hier etabliert haben. Das wachsende Angebot entspricht dem Trend steigender Besucherzahlen ebenso wie dem Urlaubsbedürfnis der Berliner.

Nachdem die Terroranschläge am 11. September 2001 in den USA für einen weltweiten Rückgang der Fluggastzahlen gesorgt hatten, ist auch der Berliner Luftverkehr seit dem vergangenen Jahr wieder im Aufwind. Mit 13,3 Millionen Passagieren wurde fast das bisherige Rekordergebnis des Jahres 2000 erreicht. Für 2004 wird sogar mit mehr als 15 Millionen Passagieren gerechnet.

Nur noch 45 000 Passagiere trennten die Berliner Airports in den ersten vier Monaten des Jahres von Düsseldorf. Gegenüber dem Vergleichszeitraum des Vorjahres ist der Abstand zur langjährigen Nummer drei unter den deutschen Verkehrsflughäfen um fast zwei Drittel geschrumpf. Was die Steigerung des Passagieraufkommens betrifft, hatte der Flughafen Schönefeld Ende April bereits die Nase gegenüber der bisherigen Low-Cost-Domäne Köln/Bonn vorn. Mit 640 000 Reisenden betrug das Plus 72,9 Prozent. Tendenz steigend, denn der Preisbrecher Easyjet nahm erst Ende April seine neue Basis in Betrieb.

Die so genannten Billigflieger haben entscheidenden Anteil am Aufschwung des Luftverkehrs. Weil sie neue Zielgruppen von anderen Verkehrsmitteln zum Flugzeug locken, konnten sie die Einbrüche im Bereich der klassischen Airlines mehr als kompensieren. Insgesamt drei Millionen Passagiere überwiegend aus diesem Sektor sollen es in diesem Jahr in Schönefeld werden, was einer Verdoppelung gegenüber 2003 entspricht. Mit mobilen Service-Teams und einem Golfcar-Shuttle zum Bahnhof und den Parkplätzen wird versucht, den Kundendienst zu verbessern. Geplant sind eine Terminal-Erweiterung, eine Modernisierung des Bahnhofs und eine Überdachung des Verbindungsweges.

Zusammen kamen die drei Berliner Flughäfen trotz kräftiger Einbrüche in Tempelhof und einer Stagnation in Tegel im ersten Jahresdrittel bereits auf vier Millionen Passagiere. Dabei musste der zu Spitzenstunden an der Grenze seiner Leistungsfähigkeit operierende Tegeler Airport mit 3,3 Millionen Fluggästen das Gros der Reisenden bewältigen.

Knapp fünf Millionen Besucher bescherten den Berliner Hotels und Pensionen im vergangenen Jahr mehr als elf Millionen Übernachtungen. Rund jeder vierte Besucher kam aus dem Ausland. Auch die Hauptstädter zieht es in die weite Welt. So zeigen die Flugverbindungen ins europäische Ausland kräftige Zuwachsraten und haben mit 1,86 Millionen Passagieren (Januar bis April) fast das Niveau des leicht rückläufigen, innerdeutschen Luftverkehrs erreicht. Während auf Kurzstrecken wie Hamburg und Hannover Bahn, Bus und Pkw das Flugzeug völlig verdrängt haben, boomt der Verkehr in europäische Metropolen und die Ferienregionen rund ums Mittelmeer und auf den Kanarischen Inseln. Entscheidenden Anteil an den rasanten Zuwächsen haben hier die Low-Cost-Airlines. Ein Trend, dem sich auch die klassischen Ferienfluggesellschaften durch neue Tarifgestaltung und verstärkten Einzelplatzverkauf anpassen.

Die Zahl der 109 000 Passagiere, die von Januar bis April ab Berlin direkt ins außereuropäische Ausland flogen oder umgekehrt, ist verschwindend gering. Sie charakterisiert die Misere um die immer wieder vehement geforderten Interkontinentalverbindungen. Der einzige durchgehend betriebene Liniendienst nach Ulan Bator (Mongolei) wird durch saisonale Touristikflüge im Sommer in die Dominikanische Republik, nach Kuba und Kenia, im Winter nach Sri Lanka, ergänzt. Die intensiven Bemühungen um die Wiederaufnahme von Liniendiensten in die USA und nach Fernost waren bisher vergebens. Alle diesbezüglichen Versuche wurden in der Vergangenheit meist nach kurzer Zeit wieder eingestellt. Grund war das mangelnde Aufkommen an voll zahlenden First- oder Business-Class-Passagieren. Ein Indiz dafür, dass ein Großteil des Top-Managements nach wie vor andernorts ansässig ist. So konzentriert sich der Langstreckenverkehr weiter auf Umsteigeverbindungen, wobei das Drehkreuz für Berliner und Berlin-Besucher längst nicht immer Frankfurt oder München heißt. Rund 85 Prozent der SAS-Passagiere nach Kopenhagen steigen in der dänischen Metropole nur um, bei der Air France sind es in Paris über zwei Drittel der Berlin-Reisenden. Ähnlich sieht es auf den Flügen von British Airways nach London, KLM nach Amsterdam und Swiss nach Zürich aus.

Ab 2010 soll der Berlin-Flugverkehr am Standort Schönefeld gebündelt werden, wo bis dahin der neue Single-Airport Berlin Brandenburg International (BBI) geplant ist. Bis dahin ist es allerdings ein hürdenreicher Weg. Noch ist die Finanzierung nicht gesichert, und mit dem in diesem Jahr erwarteten Planfeststellungsbeschluss steht wohl erst einmal eine Klagewelle ins Haus.

Klagen wollen auch die in Tempelhof ansässigen Luftverkehrsgesellschaften gegen die im Vorfeld bereits für Ende Oktober dieses Jahres beschlossene Einstellung des dortigen Flugbetriebes. Wenn der BBI einmal in Betrieb ist, wird auch Tegel geschlossen.

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