Zeitung Heute : Aktion Sorbenkind

Wie lebt ein Volk, das weiß, dass seine Tage gezählt sind? Zu Besuch bei Sorben

Marion Hartig

Der Hahn starb an einem schönen Tag. Die Sonne strahlte vom blauen Himmel, als sie ihm am Morgen das Genick brachen, sie ließen das Blut herauslaufen und legten ihm das Seil um den Hals.

Am frühen Nachmittag baumelt er kopfüber, hoch über dem Sportplatz von Drachhausen, unten auf geschmückten Pferden die Reiter. Nacheinander traben sie auf das Gestell, die „grüne Pforte“ zu, stellen sich in den Steigbügeln auf und greifen nach dem Kopf des Hahns. Der Erste, der ihn in der Hand hält, wird König. Hahnrupfen nennen sie das – ein Historienspiel in Brandenburg, zwei Autostunden südlich von Berlin, in einer Gegend, in der Sorbisch zweite Amtssprache ist und Straßenschilder zweisprachig sind. Es mögen 200 Menschen hier sein. Junge und Alte, Familien mit Kindern. Es gibt Himbeerbrause mit Bier, Kaffee und Kuchen. Eine Blaskapelle spielt.

Ein dörfliches Idyll. Aber das täuscht. Was da auf dem Sportplatz stattfindet, ist das Kostümfest eines Volkes, das sich an seine Bräuche klammert, um aufzuhalten, was nicht mehr aufzuhalten ist: seinen Untergang. Das kleine Volk mit der eigenen Sprache und den eigenen Traditionen stirbt aus. 60 000 Sorben leben heute noch in den beiden Lausitzländern Brandenburg und Sachsen, um das Jahr 1800 war es noch eine Viertelmillion. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich die sorbische Minderheit in der deutschen Mehrheit verliert. Vorherbestimmte Assimilation. Wenn ein Volk weniger als 300 000 Mitglieder zählt, hat es keine Chance zu überleben, prognostizierte eine jüngste EU-Studie. Da helfen auch Hahnrupfen, Osterreiten oder Hexenverbrennen nicht mehr. Doch wie lebt ein Volk, das weiß, dass seine letzten Tage gezählt sind?

„Es ist eine Katastrophe“, sagt der Bürgermeister von Drachhausen Fritz Woitow. Er werde nicht einfach so daneben stehen und zusehen, wie solche Endzeitprognosen Wirklichkeit werden. Woitow ist Mitte 60, er ist sorbisch aufgewachsen, spricht Sorbisch, liest Sorbisch, isst sorbische Pellkartoffeln mit Quark und Öl und süße Plinsen. Das Sorbische ist seine geistige Heimat, sagt er. Und die lässt er sich von niemandem nehmen. Nicht von uneinsichtigen sorbischen Eltern, die ihre Kultur nicht an die Kinder weitergeben. Nicht von Schulen, die den Sorbischunterricht an unattraktive Randstunden legen, oder den Deutschen, die sich kaum für seine Kultur interessieren. Der Bürgermeister, ein Don Quichote mit schwarz gefärbter Elvis-Tolle, der gegen Windmühlen kämpft, die er für Riesen hält. Tief im Inneren muss er ahnen, dass er in der falschen Zeit lebt und längst verloren hat.

Er braucht sich nur umzusehen auf dem zugigen Sportplatz. Unter dem Hahn stehen keine Bauern mehr, die mit dem zerrupften Federtier die Fruchtbarkeitsgeister gütig stimmen wollen, sondern Leute, die zusammen Bier trinken. Und Sorbisch spricht auch kaum noch jemand. In jedem Jahr beherrschen 1000 Menschen weniger die slawische Sprache. Die Jugendlichen lernen jetzt Englisch, Französisch oder Spanisch, wie überall.

Und wegen des Hahns hat sich das Dorf auch schon eine Menge Ärger eingehandelt. Die von der „Bild“-Zeitung haben das Fest mal besucht und nicht richtig hingesehen. Am nächsten Tag mussten die Sorben, die sich aus Kriegen möglichst immer herausgehalten haben, von sich lesen, dass sie ein martialisches Völkchen sind, das lebende Hähne verstümmelt. Tierschützer sind aufgetaucht. Und dann schnell wieder verschwunden. „Vor was soll man einen toten Hahn auch schützen?“, sagt Woitow. „Die sorbische Kultur muss geschützt werden.“

Das sieht der Staat ähnlich. Zumindest sah er das lange so. Der Hahn interessiert ihn nicht. Die Pflege der sorbischen Minderheitenkultur war ihm bisher jährlich siebeneinhalb Millionen Euro wert. Mit dem Geld werden sorbische Zeitungen, alte und neue Literatur, Kunst und Theater gefördert. Allerdings muss nun, im Jahr 2006, das Finanzierungsabkommen, das den sorbischen Institutionen seit 1998 das Überleben sichert, neu verhandelt werden. Der Vertrag laufe 2007 aus und es sei völlig unklar, wie es dann weitergehe, sagte kürzlich sorgenvoll der Vorsitzende des brandenburgischen Sorbenrats, Harald Konzack. Schon das laufende Abkommen sah vor, dass die Zuwendungen für die Sorben von acht Millionen Euro im Jahr 1998 schrittweise auf vier Millionen Euro verringert werden.

„Positive Diskriminierung“ sei so eine staatliche Unterstützung, sagt Dietrich Scholze-Solta, Direktor des Sorbischen Instituts, einer Einrichtung, die noch aus DDR-Zeiten stammt und die Kultur der Sorben erforscht. Aber ohne finanzielle Hilfe könne sich eine Minderheitenkultur nicht halten. Das Institut hat seinen Sitz in Bautzen, dem sorbischen Zentrum in der südlichen Oberlausitz. Seit der Wende leitet Scholze-Solta das Institut. Er ist so etwas wie eine neutrale Idealbesetzung. Denn der 55-jährige, sportliche Wissenschaftler mit dem hellgrauen, kurz gestutzten Bart ist binational. Ein Deutscher, der nicht nur eine sorbische Frau geheiratet hat, sondern mit ihr die sorbische Kultur. Hinter dem deutschen Namen trägt er den sorbischen. Doch er dürfte ein Einzelfall sein. Scholze-Solta war schon immer ein Slawistik-Liebhaber, hat Polnisch und Russisch studiert und war Professor für Polnistik an der Akademie der Wissenschaften in Berlin. Solche Voraussetzungen haben die wenigsten Mischehen. In den meisten wird Deutsch gesprochen und deutsch gelebt.

Aber was da eigentlich verloren geht, das kann auch der sorbische Deutsche nicht genau beschreiben. Kultur ist beliebig geworden, sagt er. Sorbe zu sein, kann heute vieles heißen. Sorben sind Christen oder Atheisten. Sie sprechen Sorbisch oder Deutsch, leben die Bräuche oder orientieren sich eher an der deutschen Kultur. „Sorbische Identität ist keine Frage der Lebensführung mehr“, sagt der Wissenschaftler, „Sorbe ist, wer sich als solcher bekennt.“ Mehr Gemeinsamkeit ist dem kleinen Volk nicht geblieben.

Scholze-Solta kennt die EU-Prognose. Seinen nächsten Vortrag will er mit dem Titel „Ein Volk unter der kritischen 300 000-Grenze“ überschreiben. Irgendwann wird eine Minderheit immer von der Mehrheit geschluckt, sagt er. Das ist so bei den Sorben – und das lässt sich auf Minderheiten ganz allgemein übertragen. Zum Beispiel auf türkische Migranten in Berlin. Allerdings: „Eine große Minderheit geht nicht einfach unter.“ Sie prägt die neue Gesellschaft. Die kleine Minderheit hinterlässt kaum Spuren. Das ist der Blick in die Zukunft. Es bleibt der sehnsuchtsvolle Blick in die Vergangenheit.

„Assimilation“, Jan Nuck spricht das für Sorben so unheilvolle Wort ganz nüchtern aus. Der Vorsitzende der Domowina, des 1912 gegründeten Dachverbands des Volkes, hat sein Büro im Haus der Sorben in Bautzen, der Verein teilt sich das alte, gelb gestrichene Gebäude mit sorbischen Vereinen, der sorbischen Stiftung und dem sorbischen Studio des Mitteldeutschen Rundfunks. Grüne Schrankwände aus Vorwendezeiten, durch die Gardinen fällt schummriges Licht.

Seit Jahrhunderten werde an der Substanz des kleinen Volkes gezerrt, sagt Nuck. Nördlich der Karpaten hat es einst gelebt und sich im Zuge der Völkerwanderung im 7. Jahrhundert in der Lausitz ein neues Zuhause gesucht. Die Sorben wurden christianisiert und durch die Ansiedlungen von Deutschen zur Minderheit gemacht. Im Dritten Reich verbot man ihnen, sorbisch zu sein. In der DDR wurden sie zur Vorzeigeminderheit. Dafür aber war die SED-Mitgliedschaft Pflicht.

Auf dem Tisch stehen Kaffee und ein Teller Kekse, die Nuck im Vorübergehen aus dem Vorzimmer mitgenommen hat. Er redet schnell, die Zeit ist knapp, Nuck leitet ein Unternehmen, für das Ehrenamt hat er nur nebenbei Zeit. Die Wende hat den Schrumpfungsprozess noch beschleunigt, sagt er. Arbeitssuche im Westen, Kinderlosigkeit, eine alternde Gesellschaft. „Solche Phänomene treffen die Sorben mit doppelter Wucht“ – eine vom Untergang bedrohte Kultur hat keine Pufferzone. Und die Sache wird nicht leichter durch die Konflikte, die es zwischen den Nationalitäten gibt. Hin und wieder, sagt Nuck. Zweisprachige Straßenschilder werden mit Hakenkreuzen beschmiert, Deutsche beschimpfen Sorben, in Kneipen, wenn Alkohol im Spiel ist, kommt es zu Handgreiflichkeiten.

Dabei weiß er, dass auch die besten Beziehungen die Lage nicht wirklich ändern würden, dass das entscheidende Problem ein anderes ist. „Als Minderheit zu leben, ist anstrengend“, sagt er. Es ist leichter, so zu sein wie die anderen. Nuck hat dafür Verständnis: „Nicht jeder ist ein Einzelkämpfer.“ Manchmal wünscht er sich nur, dass die Sorben ein bisschen so wären wie die selbstbewussten Waliser. Die seien stolz auf ihre keltische Minderheitenkultur und hätten es sogar geschafft, ihr wieder mehr Leben einzuhauchen. Trotz allgemein vorausgesagtem Schwund.

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