Zeitung Heute : Al Mosawis Widerstand

Bomben explodieren, Tausende fliehen – aber er geht in den Irak. Visionen eines Patrioten

Ruth Ciesinger

Die meisten seiner Landsleute träumen von Flucht. Kahlil al Mosawi tut das Gegenteil. „In vier Jahren vier Millionen Flüchtlinge“, „Flüchtlingskatastrophe im Irak“, „Iraks Ärzte fliehen“ – Schlagzeilen des Exodus aus einem Land, aus dem viele Menschen nur noch weg wollen. Täglich explodieren Bomben, täglich Entführungen – Chaos ist vier Jahre nach Kriegsbeginn das Einzige, auf das man sich im Irak noch verlassen kann. Jeder, der es sich nur irgendwie leisten kann, verlässt das Land. Khalil al Mosawi ist in den Irak gegangen, um zu bleiben.

„Ich bin in den Irak gegangen, weil ich mein Heimatland retten will“, sagt er. Der freundliche ältere Herr, der sich jetzt schnaufend über dem kugelrunden Bauch nach vorne beugt, damit er im Stimmengewirr der Berliner Hotellobby gut zu verstehen ist, meint das ernst. Al Mosawi hat für seine Vision sein Leben auf den Kopf gestellt. In einer Zeit, in der der Bürgerkrieg im Irak jeden Tag mehr als hundert Menschen tötet, ist er einer der ganz wenigen, die Hoffnung geben. Weil er an sein Land glaubt und bereit ist, dafür einen sehr hohen Preis zu zahlen – obwohl er auch sorgenfrei in Europa leben könnte.

Im Mai 2003 war er in den Irak zurückgekehrt, damals waren fast drei Jahrzehnte vergangen, seit er die Heimat verlassen hatte, als 18-Jähriger, am 1. September 1979. „Das war damals Mode, dass ein reicher Junge in London erzogen wurde“, sagt er und grinst. Noch heute geht es ihm gut, finanziell, ein weicher Kaschmirpulli umschmeichelt die massige Gestalt, die schwarze Hose ist aus fein strukturiertem Tuch. Das Geld dafür hat er sich in Großbritannien verdient, wo er wie der ältere Bruder Ingenieurswissenschaften studiert hat. Als Khalil al Mosawi dann Anfang der 80er die Uni abschließt, hat Saddam Hussein bereits beschlossen, den Iran anzugreifen, das Regime regiert mit immer härterer Hand, und so bleibt der Sohn einer schiitischen Familie im Exil. Macht sich selbstständig, wird mit vier Textilfabriken in Europa reich – und verkauft alles, als er die Chance hat, in den Irak zurückzukehren.

Was er dort sieht, schockt ihn. „Als ich wegging, da war für uns junge Leute Bagdad wie Paris“, sagt er. Wir haben gelesen, kannten die wichtigen Politiker der Welt, waren stolz auf unsere Kultur.“ Und jetzt? Die Mädchen liefen nur noch verschleiert über die Straße, ein 18-Jähriger wisse nichts über sein Land, seine Geschichte. „Sie sind wie Babys.“ Schon der Gedanke daran treibt Fassungslosigkeit auf das runde Gesicht: Viele Iraker verstünden das Leben nur noch durch Gewalt, so wie Saddam Hussein es sie gelehrt habe. „Das Wichtigste, was wir jetzt tun müssen, ist die Menschen wieder aufzubauen.“

In Bagdad hat al Mosawi deshalb von seinem Geld den Radiosender „Al Nas“, „Die Menschen“, gegründet. In Arabisch, Kurdisch, Englisch, Persisch und Türkisch wird gesendet. Die 47 Frauen und Männer, die für Al Nas arbeiten, spielen Musik, sprechen über Kunst, Geschichte und vor allem über Gegenwart und Zukunft ihres Landes. Kritisieren Amtsmissbrauch und Korruption von Politikern und lassen die Menschen selbst erzählen, zwei Stunden jeden Tag. Dann geht es vor allem um eines. Ein älterer Anrufer hat es ziemlich exakt zusammengefasst, findet der Radiochef. Er hat gesagt: „Ich brauche keine Straßen, keinen Strom, keine Arbeit – ich will nur nicht ständig Angst haben, getötet zu werden.“

Al Nas ist unabhängig. Das ist etwas Besonderes dieser Tage im Irak. Zwar sind nach dem Sturz Saddam Husseins so viele Zeitschriften, Radio- und Fernsehstationen gegründet worden wie in keinem anderen arabischen Land. Doch viele gehören zu einer Partei und richten sich an den konfessionellen Linien aus, die das ganze Land zu zerschneiden drohen. Es gibt, so heißt es, in schiitischen Vierteln Bagdads keine sunnitische Zeitung mehr zu kaufen und umgekehrt.

Doch so denkt al Mosawi nicht. Gäbe es mehr Menschen wie ihn, die Einfluss und seinen Optimismus hätten, sähe Bagdad heute anders aus. „Ich bin ein Sushi“, sagt er und meint: sowohl Sunnit wie Schiit. „Das heißt, für mich steht an allererster Stelle, dass ich Iraker bin.“ Sunniten, Schiiten, das interessiert ihn nicht. Die Religion, die auf einmal so eine große Rolle spielt und für die sich die Menschen nun gegenseitig in die Luft sprengen, sie sei eigentlich etwas höchst Privates. Gehe niemanden etwas an. Doch für die Parteien zähle nur, ob einer Schiit oder Sunnit sei. Er selbst will nicht in die Politik gehen? Al Mosawi schaut wie ein beleidigter Seelöwe. Natürlich nicht, sagt er. Weil er etwas bewegen wolle und weil er nicht wegen seiner Religion, sondern für das, was er tut, einen Posten bekommen möchte.

Er hat seine eigene Nicht-Regierungsorganisation gegründet und ist wohl auch deshalb ein geschätzter Ansprechpartner für ausländische Organisationen, darunter die Friedrich-Ebert-Stiftung. Die hatte ihn jetzt nach Berlin eingeladen, zu einer Konferenz zur Zukunft des Irak. Mit einem Sunniten und einem Kurden saß er gemeinsam auf dem Podium, sie haben sich prächtig verstanden. „Wer bringt eigentlich die ganze Gewalt in unsere Straßen?“, fragt al Mosawi.

Trotzdem, die vergangenen vier Jahre wiegen schwer. 20 Kilo hat er zugenommen. „Ich bewege mich kaum“, stöhnt er und patscht sich auf den Bauch. Weil es viel zu gefährlich ist, einfach mal über die Straße zu laufen, um einen Tee zu trinken, oder ein wenig spazieren zu gehen. Deshalb arbeitet er nicht nur in seinem Büro, er isst, schläft und lebt dort, weil er sonst vielleicht nicht mehr lange am Leben wäre. Seine Familie hat Khalil al Mosawi deshalb gar nicht erst mit nach Bagdad genommen. Die älteste Tochter studiert in London, die Frau lebt mit den zwei Jüngsten in Amman. Aber noch denkt er nicht ans Aufhören. Dass seine Kinder irgendwann von Bagdad wieder sagen können, es sei wie Paris, dabei will ihr Vater mithelfen. Auch wenn es vielleicht erst seine Enkel erleben.

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