Zeitung Heute : „Al Qaida als Organisation existiert nicht mehr“

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Hinter den Terroranschlägen von Madrid und London steckte nicht Al Qaida, die Attentäter handelten autonom. Wie viel Einfluss hat Al Qaida noch, Herr Hirschmann?

Al Qaida als Terrororganisation existiert heute nicht mehr, weil sie seit den Anschlägen von New York im Herbst 2001 operativ nicht mehr handlungsfähig ist. Was aber sehr wohl noch existiert, ist eine Terrorideologie des Dschihad, des heiligen Kriegs.

Heißt das, Al Qaida ist mehr eine Idee als eine Terrororganisation?

Genau das. In den 80er Jahren war Al Qaida noch eine handfeste Organisation, die gegründet worden war, um Nachschub für die Mudschaheddin, die heiligen Krieger, in Afghanistan auszubilden. Das war die erste Generation der Al Qaida. Später wurden dann in der muslimischen Welt junge Menschen für die Al-Qaida-Trainingslager in Afghanistan angeworben. Diese zweite Generation hatte mit dem Afghanistankonflikt nichts mehr zu tun, sie wurde geschult, um Gewalt in aller Welt zu verbreiten – dazu gehörten Leute wie Mohammed Atta, einer der Drahtzieher des 11. September 2001. Inzwischen gibt es die dritte Al-Qaida-Generation, der auch die Attentäter von Madrid und London angehören.

Was zeichnet diese dritte Generation aus?

Im Gegensatz zu ihren Vorgängern hat sie keine zentrale Ausbildung erhalten, weder eine kämpferische noch eine ideologische. Heute läuft die Koordination hauptsächlich übers Internet. Die dritte Generation hat untereinander kaum Kontakt, sondern besteht aus unabhängig agierenden Gruppen.

Diese Gruppen dürften doch nur schwer zu kontrollieren sein, wenn sie so eigenständig agieren?

Al-Qaida-Chef Osama bin Laden und sein Vize Aiman al Sawahiri geben Video- und Tonbandbotschaften heraus, mit denen sie versuchen, die einzelnen Gruppen unter Kontrolle zu halten – und dem Dschihad weiterhin einen bestimmten Ideenrahmen zu geben. Denn gerade jetzt, wo ihre Anführer physisch nicht mehr präsent sein können, droht die Ideologie von Al Qaida auszufransen. Daher sind die Inhalte der Videobotschaften bin Ladens oder al Sawahiris nicht nur als Drohung gegen den Westen zu verstehen, sondern sie richten sich hauptsächlich an die eigenen Leute.

Wie gefährlich ist es für den Westen, dass die Terrorgruppen so unabhängig agieren?

Die Täter werden unprofessioneller, weil zwischen ihrer Anwerbung und der Ausführung eines Anschlags immer weniger Zeit liegt. Das zeigen die Anschläge von London, zwischen Anwerbung und Ausführung lagen nur wenige Wochen. In einem so kurzen Zeitraum können nur einfache, aber dennoch brutale Anschläge geplant werden. Noch gefährlicher ist, dass die Attentäter nicht mehr auf den Radarschirmen der Sicherheitsleute auftauchen. Denn die Zeit ist zu kurz, um sie zu erfassen.

Auch wenn die Anschläge von Madrid und London nicht von Al Qaida in Auftrag gegeben wurden, so sind die Anschläge doch nach dem gleichen Muster erfolgt. Einem Muster, das typisch für Al Qaida ist.

Es gibt das „Terrorismushandbuch der Al Qaida“. Das ist eine Art Unterweisungsschrift, welche die Ziele aufführt, die anzugreifen sind: politische, wirtschaftliche und logistische Einrichtungen sowie Stätten des Amüsements und der Unmoral. Das Handbuch scheint auch für die Attentäter von Madrid und London der Leitfaden gewesen zu sein, auch wenn sich die Terroranschläge in der letzten Zeit qualitativ verändert haben.

Wie?

Die Methoden sind simpler geworden, und die Attentäter haben sich auf weiche Ziele verlegt wie öffentliche Verkehrsnetze. Je mehr die Attentäter unter Verfolgungsdruck stehen, desto weicher werden die Ziele, die sie angreifen. Denn so ist gewährleistet, dass der Anschlag erfolgreich verläuft.

Kai Hirschmann ist Direktor des Instituts für Terrorismusforschung in Essen.

Das Gespräch führte Dagmar Rosenfeld.

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