Zeitung Heute : „Al Qaida will einen Bürgerkrieg“

-

Im Irak wurde mit Abu Assam ein AlQuaida-Anführer getötet, trotzdem gehen die Anschläge weiter. Sind das Racheaktionen, Herr Hirschmann?

Ich glaube nicht an eine Trotzreaktion der Islamisten. Wer für Al Qaida kämpft, will gemäß der Ideologie sterben. Es wird dort als hohes Gut empfunden, im Kampf als Märtyrer zu enden – so wie jetzt Assam.

Was bringt es im Kampf gegen den Terror, wenn solche Führungspersonen aufgespürt werden?

Personen allein spielen im islamistischen Terror kaum eine Rolle. Bin Laden selbst hat einmal gesagt, jeder Terrorist sei hundertfach austauschbar. Man trifft also nur Personen, die Ideologien durchführen, aber nicht jene, die sie erfunden haben.

Geht es Al Qaida nur darum, dass die USA aus dem Irak abziehen?

Nein, das ist nur das kurzfristige Ziel. Bereits jetzt wird versucht, die Volksgruppen gegeneinander aufzuhetzen. Islamistenführer Sarkawi lässt seine Anschläge ja nur ganz selten im sunnitischen Dreieck verüben. Häufig finden sie im kurdischen oder schiitischen Gebiet statt. Vor wenigen Tagen hat er den Schiiten sogar offen den Krieg erklärt. Al Qaida will also einen Bürgerkrieg im Irak – das ist eine Parallele zur Situation früher in Afghanistan. Damals zog die Rote Armee ab und die Islamisten konnten sich plötzlich als neue, ordnende Kraft präsentieren.

Wie stark ist die Unterstützung in der irakischen Bevölkerung für Al Qaida?

Die Terroristen setzen ganz klar darauf, dass die Gegenreaktion der Amerikaner den Unmut in der Bevölkerung wachsen lässt. Davon hängt ihre eigene Unterstützung ab. Ein Beispiel war der Kampf um Falludscha. Dort wurden ein paar Al-Qaida-Aktivisten getötet, aber auch fast die Hälfte der Stadt wurde platt gemacht. Das löste natürlich Widerstand gegen die USA in der Bevölkerung aus.

Die USA wollen ihre Truppenstärke im Irak reduzieren. Wird es dann zu mehr Anschlägen kommen oder wird sich die Lage beruhigen?

So paradox es klingt, aber ich rechne damit, dass es zu mehr Anschlägen kommt. Die Amerikaner hätten nie in den Irak gehen dürfen, aber sie dürfen jetzt auch nicht einfach rausgehen. Je mehr sich die USA zurückziehen, desto mehr wird sich Al Qaida bestärkt fühlen – und damit den Kampf um den Systemwechsel in Politik und Wirtschaft fortsetzen.

Kai Hirschmann ist stellvertretender Leiter des Instituts für Terrorismusforschung in Essen.

Das Gespräch führte Fabian Leber.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben