Zeitung Heute : Alba Berlin: Mr. Iceman macht seinen Job

Benedikt Voigt

Der gepanzerte Wagen des Bundesgrenzschutzes weist den Weg. Schilder des Münchner Flughafens haben die Basketballer von Alba Berlin aus dem Hauptgebäude ins Freie geleitet, doch außer ihnen sind keine Fluggäste zu sehen. Sogar das Laufband ist in diesem entlegenen Teil abgeschaltet. Das Panzerfahrzeug in der Ferne bedeutet den Spielern, dass sie sich auf dem richtigen Weg befinden. Auf dem Weg zu jenem Terminal, wo Sicherheitsbeamte sie fragen werden, ob sie vorhaben, die Gruppe zu verlassen und ob sie Palästinenser kennen. Im Terminal F werden die Flüge nach Israel abgefertigt.

Es ist nicht selbstverständlich, dass Wendell Alexis diesen Weg mitgeht. Es ist sogar sehr überraschend. "Ich hätte gesagt, bleib bei deiner Frau und bei deinen Kindern", sagt Henrik Rödl. Er ist der Mannschaftskapitän von Alba Berlin, und er wusste, dass sein Team die besten Spieler der letzten Jahre gestern Abend im Euroleaguespiel beim hohen Favoriten Maccabi Tel Aviv unbedingt auf dem Spielfeld benötigte. "Ich hätte jedes Verständnis gehabt, wenn er nicht mitgeflogen wäre", sagt Rödl. Die Mannschaft hatte sich gegen die Reise ausgesprochen, einige wären am liebsten gar nicht in das Flugzeug gestiegen.

Mit einer schwarzen Kappe auf dem Kopf, die fast ein wenig an eine Kippa erinnert, sitzt Derrick Phelps in seinem Sitz. Der Aufbauspieler zählt zu jenen, die sich vor dem Flug besorgt geäußert hatten. Nun blättert er in einem "Streets-and-Smith"-Basketballmagazin und liest. Weil die Geschichten so spannend sind, oder weil er sich ablenken will? Jörg Lütcke, dem vor dem Flug ebenfalls mulmig zumute war, scherzt währenddessen mit Mithat Demirel vor der Toilette. Wenn die Basketballer auf dieser Reise Angst haben, lassen sie es sich nicht anmerken. Auch George Zidek nicht, der beim Einsteigen alle Passagiere an sich vorbeigelassen hat. Angst, ins Flugzeug zu steigen? "Ich steige immer als Letzter ein, weil ich lange genug im Flugzeug sitzen werde." Es ist ungemütlich für den Tschechen, im Flugzeug zu sitzen, Zidek misst zwei Meter zwölf.

Der israelische Verteidigungsminister Ben-Eliezer hatte am Montag gesagt, dass auch israelische Ziele und jüdische Institutionen mögliche Anschlagsziele für die Terroristengruppe um Osama bin Laden sind. Dennoch hat sich das Präsidium von Alba Berlin für die Reise nach Tel Aviv entschieden. Allerdings stellte es den Spielern frei mitzufahren. "Es wäre kein Problem gewesen, zu Hause zu bleiben", sagt Rödl. Erst vor dem Check-in am Mittwochmorgen entschied sich, wer mitfliegen würde. Es kamen alle, auch die beiden US-Amerikaner. Auch Wendell Alexis.

Alexis hat beim Terroranschlag in den USA seine Schwägerin verloren, die im World Trade Center arbeitete. Seit dem 11. September gilt die Schwester seiner Frau als vermisst. Seine Frau flog unmittelbar nach dem Unglück in die USA, um nach ihr zu suchen, während der 37-Jährige in Berlin auf die drei Kinder aufpasste. Inzwischen ist sie ohne ein Lebenszeichen ihrer Schwester zurückgekehrt. Nun musste sie ihren Mann verabschieden, der ein Flugzeug nach Israel bestieg. "Wie Wendell Alexis mit der Situation umgeht, ist einzigartig", sagt Rödl. Alexis spricht nicht über seine Gefühle, aber das hat der ruhige Basketballer aus New York noch nie getan. Seine Taten sprechen für sich. Kein Training hat er ausgelassen, und nun fliegt er mit nach Tel Aviv. "Er tut es für uns", glaubt Rödl.

Es ist schon eine komische Sache. Wenn jeder die Wahl hatte, wieso steigen die meisten in ein Flugzeug, das sie nie betreten wollten? Man kann das wohl nur mit dem Phänomen, das Teamgeist heißt, erklären: alle oder keiner. "Dass wir geschlossen hier sind, ist ein Zeichen unserer Einheit", sagt Rödl. Nach dem Präsidiumsbeschluss hatte jeder einzelne Spieler für sich entschieden mitzukommen. Die Loyalität zur Mannschaft überwog bei manchem sogar so sehr, dass er nicht das Gefühl hatte, zu Hause bleiben zu dürfen. Offensichtlich spielen im Profisport trotz der oft beklagten Kommerzialisierung solche Einstellungen auch noch eine Rolle. "Kein Kommentar", sagte Jörg Lütcke auf die Frage, ob er wirklich eine Wahl hatte.

In Israel erntete Alba Berlin Lob. In der Vorwoche hatte der internationale Fußballverband Fifa das Qualifikationsspiel Österreichs in Tel Aviv abgesagt, was in Israel großen Unmut verursachte. Und das war, bevor die USA am Sonntag begannen, Militärschläge in Afghanistan zu fliegen. Bei Alba Berlin hatte man die Befürchtung, dass das Basketballspiel in Tel Aviv zu einem Politikum werden könnte. "Wir wollen das Ganze nicht so hoch hängen", hatte Marco Baldi nach der Entscheidung gesagt.

"Dass Alba gekommen ist, zeigt den Charakter dieses Vereins", sagte Maccabi-Trainer David Blatt bei der Pressekonferenz zum abendlichen Training in der Yad-Eliahu-Arena. Eine Absage hätte in Tel Aviv Unverständnis ausgelöst. In einem Land, das seit Jahren mit Terroranschlägen und großen Sicherheitsvorkehrungen leben muss, sind die Bedenken nur schwer zu verstehen. "Es ist hier wie am Samstag", sagt ein israelischer Journalist. Der Angriff der USA am Sonntag habe nichts verändert. "Ich würde jetzt nicht loslaufen und mir eine Gasmaske kaufen", ergänzt der amerikanische Trainer der Israelis. "Ich lebe hier", sagt Blatt, "es ist ein positives Abenteuer, hierher zu kommen."

Ein Abenteuer, auf das Wendell Alexis verzichten könnte. Trotzdem sitzt er in einem kleinen Seitenraum der Yad-Eliahu-Arena und spricht zum ersten Mal auf dieser Reise. Sehr leise, sehr ruhig, wie es seiner gelassenen Art entspricht, die ihm in Berlin den Spitznamen "Iceman" einbrachte. 1993 / 94 spielte er für Maccabi, was hat sich seitdem verändert? "Meine Haare sind weiß geworden", sagt Alexis und müht sich, so etwas wie ein Grinsen zu zeigen. Und schließlich beantwortet er auch noch die Frage, warum er nach Tel Aviv gekommen ist. "Wir müssen unseren Job machen." Es klingt so einfach.

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