Zeitung Heute : Alfons und die Abrafaxe

Ein dickes Handbuch erkundet die Jugendliteratur der DDR

Thomas Kramer

Zwischen Kap Arkona und Fichtelberg, Sonneberg und Stralsund kannte sie jeder: Den tapferen Siouxhäuptling Tokei-ihto, den liebenswerten Tolpatsch Alfons Zitterbacke und den „Kleinen Trompeter“ Fritz Weineck, dessen jungem Kommunistenleben eine Kugel des Klassenfeindes ein verbrecherisches Ende setzte. Es sind Helden von drei populären, erfolgreich verfilmten Kinderbüchern der DDR. Gleichzeitig stehen diese Namen auch stellvertretend für die vor allem im Westen ungeahnte Bandbreite einer Jugendliteratur, die Generationen heutiger Bundesbürger nachhaltig geprägt hat. Von 1945 bis 1990 erschienen im Osten Deutschlands etwa 15 000 Buchtitel, die sich explizit an ein junges Publikum wandten. Dazu gesellten sich rund ein Dutzend Zeitschriften und Zeitungen für Heranwachsende. Deren Auflagen waren so hoch, dass – statistisch gesehen – jedes DDR-Kind monatlich 3,5 Exemplare in den Händen hielt. Ein besonderer Longseller findet sich darunter mit „Bummi“: Die Zeitschrift für Drei- bis Sechsjährige überlebte die Wende und feierte jüngst ihren 50. Geburtstag.

Unter Leitung von Rüdiger Steinlein, Professor am Institut für deutsche Literatur, erarbeitete eine Forschergruppe in mehrjähriger Arbeit das „Handbuch zur Kinder- und Jugendliteratur SBZ/DDR. Von 1945-1990.“ Mit dem 758 Seiten umfassenden Werk liegt jetzt erstmals ein umfassender Überblick über alle Bereiche und Gattungen einer Literaturproduktion vor, die im „Leseland DDR“ hohe Aufmerksamkeit und Anerkennung genoss.

Das allein vom Umfang her gewichtige, aufwändig gestaltete Handbuch gibt zunächst einen Überblick über die besonderen Voraussetzungen und die Entwicklungstendenzen der Kinder- und Jugendliteratur in der DDR bis zu deren Untergang im Jahr 1990. Die Einbindung in pädagogische Konzepte des staatssozialistischen Systems, den allgemeinen Literaturbetrieb der DDR, aber auch in familiäre Bereiche findet ebenso Berücksichtigung wie die politische Instrumentalisierung, die Einflussnahme des Ministeriums für Staatssicherheit und verschiedene Spielarten der Zensur.

Der darstellende Teil bietet einen Überblick zu den wichtigsten Gattungsbereichen mit Analysen zu Einzeltexten. Hier wird die erstaunliche Vielfalt der DDR-Kinder- und Jugendliteratur deutlich. Dass der Umfang realistischer Erzählungen und Romane zu DDR-Themen gewaltig war, überrascht wenig. Daneben war die „antifaschistische Literatur“, zu der allein etwa 400 Buchtitel erschienen, ein weiteres, zentrales Thema. Auch Kinderbuchautoren gingen in die – so die ostdeutsche Psychoanalytikerin Annette Simon – „Loyalitätsfalle des staatlich verordneten Antifaschismus“. Romane wie Max Zimmerings „Die Jagd nach dem Stiefel“, Karl Neumanns „Das Mädchen hieß Gesine“ oder „Sie nannten ihn Amigo“ von Vera und Claus Küchenmeister fanden Eingang in den schulischen Lektürekanon, wurden dramatisiert und verfilmt.

Ein Pluspunkt des Handbuchs: Es widmet sich nicht nur dem gedruckten Text, sondern dessen gesamter Rezeption, insbesondere Bühnenfassungen und Leinwandversionen, über vier Jahrzehnte. Besonders der nicht in der DDR aufgewachsene Handbuchleser wird von Erläuterungen zu Titeln überrascht, die er bislang nicht in den dortigen Bücherregalen vermutete. Dazu gehören die Texte der DDR-Mädchenliteratur jenseits von „Nesthäkchen“ und „Trotzkopf“, Titel wie Peter Brocks „Ich bin die Nele“ oder Sieglinde Dicks „Ein Pferd, ein Freund, ein Baby“, und die Diskussion um ihre Notwendigkeit im Arbeiter- und Bauernstaat.

Nicht minder umstritten war unter Funktionären und Pädagogen die Abenteuerliteratur. Hier dräute ein Name, dessen Popularität auch und besonders im Osten ungebrochen schien: Die DDR hatte, so die Autorin Liselotte Welskopf-Henrich, bis in die Achtzigerjahre ein „Karl-May-Problem“. May galt unter ostdeutschen Funktionären als Apologet deutschen Übermenschentums. Im Zuge der Erbe-Diskussion in den 80er Jahren rehabilitierte man den Proletariersohn und entdeckte in seinen Texten völkerverbindende und antiimperialistische Tendenzen. Liselotte Welskopf-Henrich, die hauptberuflich als Professorin für Alte Geschichte an der Humboldt-Universität lehrte und forschte, sorgte für Ersatz. Sie schrieb in ihrer Freizeit das populärste Indianerbuch der DDR: Der kurz vor Weihnachten 1951 erschienene Roman „Die Söhne der großen Bärin“ um den Kampf eines Sioux-Stammes unter Führung des Häuptlings Tokei-ihto wurde zum Bestseller, der bald auch in Österreich und Westdeutschland hohe Auflagen erzielte. Die Verfilmung 1966, ein Jahr nach dem 11. Plenum, eröffnete die Reihe der bis heute populären DEFA-Indianerfilme.

Nicht minder exotisch mutet die DDR-Existenz eines Mediums an, das man gemeinhin mit „imperialistischer Unkultur“ verbindet: Die seit 1955 bis heute erscheinenden Comics „Mosaik“ mit ihren knollennasigen Helden Dig, Dag und Digedag, die später vom Trio der Abrafaxe abgelöst wurde, genießt im Osten Kultstatus. Ungemein spannend lesen sich die Beiträge zu Märchenbüchern, zur DDR-Science-Fiction, zu Adaptionen ausländischer Texte und vielem anderen. Den dritten Teil des Handbuchs bilden eine kommentierte Referenzbibliographie mit circa 800 Titel, die sogar jeweils kurz vorgestellt werden, sowie ein Verzeichnis der Sekundärliteratur und die Register.

Trotz der immensen Faktenfülle erhebt das Handbuch natürlich keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Als erster Überblick soll es in den kommenden Jahren zu kritischer Auseinandersetzung und weitergehender Forschung mit dem faszinierenden Gegenstand der Kinder- und Jugendliteratur eines untergegangenen Landes anregen.

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