Zeitung Heute : Alice Schwarzer: "Ich bin keine Ratgebertante"

Caroline Fetscher

Die 17-jährige streitbare Tochter einer Kollegin, erzählt Alice Schwarzer dem gebannten Publikum, hat im Gymnasium in Berlin einen Spitznamen. Der lautet "Alice Schwarzer". Gelächter im Publikum im großen Saal der Berliner Schaubühne. Seufzen und leises Lachen bei der Rednerin. Das mit dem Spitznamen findet sie zwar irgendwie komisch, und es ist ihr ein bisschen unangenehm. Aber eigentlich, sagt sie, ist sie auch stolz darauf. Alice Schwarzer ist der deutsche Feminismus. Auch wer ihre Bücher nicht gelesen, ihre Zeitschrift nicht abonniert hat, profitiert direkt oder indirekt von Schwarzers Einfluss auf das Denken und Handeln der entscheidenden Nachkriegsjahre. Alice Schwarzer erhält bis heute Klage- und Bittbriefe von Frauen und Frauengruppen, Abgeordneten und Angestellten, als sei sie, so schreibt sie selbst in diesem neuen Buch, die in Deutschland "zuständige Zentraladresse".

An der Schaubühne trug sie am Dienstag zum ersten Mal aus der Neuerscheinung "Der große Unterschied" vor, eine Bilanz von drei Jahrzehnten Frauenbewegung in Deutschland. 25 Jahre nach ihrem sensationellen Erfolg mit dem Pamphlet "Der kleine Unterschied und seine großen Folgen", meldet sich die Feministin und Herausgeberin der Zeitschrift "Emma" erneut in Buchform zum zentralen Thema zu Wort: Mann und Frau, Macht und Ohnmacht. "Ich habe gemerkt: Die Zeit ist wieder reif", sagt Alice Schwarzer mit heiterer, ganz und gar nicht hysterischer Stimme, "darum ist dieses Buch entstanden."

Es ist eine Bilanz, eine Zwischenbilanz. Nüchtern, statistisch, erschreckend, glasklar und ironisch pulsierend. Nein, die Frauenbewegung ist für Alice Schwarzer, trotz großer Fortschritte, noch keineswegs an ihrem Ziel: Die männerbeherrschte Welt mit ihren Gewalttätigkeiten, mit Hirnwäsche und Bestechung funktioniert nach wie vor. Ja, einige Frauen sind weiter nach vorn gelangt. Aber die meisten machen Kompromisse, mit denen sie kaum glücklich sind. "Erziehungsurlaub" für beide Geschlechter? Den nehmen 97 Prozent der Frauen, und gerade mal drei Prozent der Männer. "Schon das Wort Urlaub...!", liest Schwarzer mit mokantem Unterton, und der Saal bricht in Gelächter aus. Das "hätte man gleich Mütterurlaub nennen können." Erneute Heiterkeit.

Zwänge, Ängste, Repressalien - wenig ist in ihren Augen grundlegend besser geworden, seit die ersten modernen Suffragetten kurz nach 1968 auf die Straßen gingen, seit sie Frauenseminare, Frauenhäuser und Frauenthemen hochhielte, seit sie die Phallokratie zu attackieren begannen und sie als einen Hauptbestandteil des Kapitalismus brandmarkten. Immer und immer wieder ging es in der Debatte seit dem Beginn der "Frauenbewegung" um die großen Tabus der Gesellschaft - um Sex und Männergewalt, Macht und Manipulation, Mütterkult, Abtreibung. Es ging um Rechte. Um das Durchsetzen der Rechte.

Die Rechte, konstatiert die Analytikerin, sind großenteils erkämpft. Ihre Umsetzung nicht. Wie weit hat es die Frauenbewegung in Deutschland gebracht?, fragt Schwarzer. Wo steht sie heute, wo strebt sie hin? Angesichts der Zahlen, die sie zum Thema Männergewalt zitiert, angesichts der verheerenden Daten zum sexuellen Missbrauch (die Forscher streiten darüber, ob es jedes dritte oder jedes siebte Mädchen trifft), angesichts der unwiderlegbaren Zahlen, was die Teilhabe von Frauen und Macht in Politik oder Wirtschaft betrifft, wird deutlich, dass es in der modernen Wirklichkeit noch immer ein System der Geschlechter-Apartheid gibt. Und dieses System, sagt Schwarzer, ist noch immer ein großes Tal.

Während ihrer Lesung wird "Alice" immer wieder unterbrochen von Lachern und Applaus im randvollen Saal. Am Ende ergreift eine junge Frau, vielleicht Anfang dreißig, so forsch wie schüchtern, das kabellose Mikrofon. Es ist ja alles sehr erfrischend und gut, was Alice da schreibt, meint sie. Auch ihre These, dass wir Frauen alle vernetzter sein sollten. Aber im Alltag seien Frauen doch oft gar nicht solidarisch. Im Alltag sei das doch alles sehr schwierig, und überhaupt, so die zaghafte Frage am Schluss: "Wohin sollen wir gehen? Was machen wir denn jetzt?"

Applaus für die Frage und verhaltenes Gelächter. Keineswegs wird aber die Fragestellerin ausgelacht, sondern der Sinn ihrer Frage, der ins Schwarze trifft, nicht allein, was den Text von Alice Schwarzer angeht, sondern auch angesichts der paradoxen gesellschaftlichen Wirklichkeit, die jede und jeder im Saal - unter den Hunderten hier sind Frauen dreier Generationen die Mehrzahl - auswendig zu kennen scheint.

"Also, ich bin keine Ratgebertante", versetzt Alice Schwarzer gut gelaunt, "ich bin eine Aufklärerin." Kein Gran Häme gegen die junge Frau schwingt mit. "Meine Aufgabe ist es, Ihnen und mir die Angst zu nehmen, das, was ist, zu sehen, es zu benennen. Das ist immer der erste Schritt."

Wir sind nicht wieder in den 70er Jahren, wir sind ganz am Beginn des 21. Jahrhunderts. Und immer noch am Beginn eines 5000 Jahre alten Konfliktes der Geschlechter. Frauen seien doch auch Nazis gewesen, wirft eine Debattantin in der Diskussion ein. Frauen hätten Nazi-Männer den Rücken freigehalten! Schwarzer findet es gut, dass das Thema angesprochen wird. Sie wünsche sich weder für die Zukunft die Herrschaft der Frauen, die keine "besseren Menschen" seien, noch für die Gegenwart die weitere Herrschaft der Männer. Es geht ihr um Menschlichkeit, und auch die Männer tun ihr Leid, die von Pornografie verdreht werden, denen die Möglichkeit abhanden kommt, den "sensiblen Stoff des Begehrens" kennen zu lernen. Doch in erster Linie sieht sie die Sache der Frauen, des "gefolterten Geschlechts".

Der Beifall will nicht enden, als Alice Schwarzer aufgehört hat zu reden. Ihr Lektor, Helge Malchow vom Kiepenheuer-und-Witsch-Verlag, der sich nun zu ihr aufs Podium stellt, wirkt fast erschüttert von der unerwartet massiven Resonanz. Alice Schwarzer ist wieder da. Ein Großteil des Publikums ist jung, zwischen Ende zwanzig und Ende dreißig. Sie brauchen diese 1942 geborene Alice Schwarzer.

In ihrer Welt ist im Augenblick alles erlaubt - aber nichts funktioniert. Sie wissen nicht weiter. Sie suchen nach jemandem wie jener unerschütterlichen, autonomen "Alice". Wahrscheinlich ist es so: Die Zeit ist wieder reif für ihre Einlassungen gegen die Auslassungen der Herrschaften.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben