Zeitung Heute : Alina hört mir zu

ICH SEHE WAS, WAS DU NICHT SIEHST

Benjamin Lebert

In einer Woche erlebt jeder von uns schätzungsweise 10 000 Momente. Einen davon hält Benjamin Lebert fest.

Seit drei Wochen habe ich eine Putzfrau. Das hört sich vielleicht nach wohlhabendem Junggesellendasein an, aber so ist es nicht. Die Putzfrau hat mir meine Mutter bei ihrem letzten Besuch in Freiburg besorgt, weil sie nämlich beinahe in Ohnmacht gefallen ist, als sie meine Wohnung betrat. Ich weiß, dass ich ein Schlamper bin, dass ich nichts auf die Reihe kriege. Aber so schlimm, wie meine Mutter getan hat, ist es auch nicht. Ich vergesse alles, lasse alles rumliegen, mache nie mein Bett und mein Kühlschrank ist ziemlich überfüllt. Außerdem hat an dem Wochenende, an dem meine Mutter da war, der Mülleimer ein bisschen gestunken, weil eine halbe Dose Fisch drin war. Aber sonst war alles ziemlich okay. Läuse habe ich bislang noch nicht, obwohl meine Mutter das angekündigt hat.

Meine Putzfrau heißt Alina. Sie ist so Anfang 30, hat einen blonden Zopf, den sie an ihrem Hinterkopf befestigt. Sie ist hübsch, hat braune Augen und ganz weiße Haut. Montags, mittwochs und freitags kommt sie. Wie ich an dem ersten Montag aus der Schule heimkam, hat die ganze Wohnung schon geblitzt.

Sie kommt immer zwischen zwölf und zwei Uhr. Und zum ersten Mal stand auf dem Tisch ein Teller für mich und darauf ein Pfannenkuchen mit Hackfleisch gefüllt. Das war wundervoll. Ich koche mir selbst nämlich nichts. Ich kann nicht kochen, weil ich mit meiner behinderten linken Hand nicht schneiden kann. Allerdings kann ich auch keine Würstchen heiß machen. Irgendwie bin ich bescheuert. Ich behaupte mir selber gegenüber auch, dass ich keinen Appetit habe. Höchstens hie und da mal auf eine Fischdose. Alina stand, während ich aß, dabei und schaute mir zu. „Schmeckt?“

Dann bügelte sie noch meine Hemden. „Mann nicht schön, wenn Hemd nicht schön!“

Alina ist Polin. Ihr Mann ist Pole und Autolackierer. Er heißt Andrej. Ihre kleine Tochter heißt Maria und ist, wenn Alina putzt, bei ihrer Oma. Die ganze Familie ist hier in Freiburg, nur an Ostern und Weihnachten fahren sie heim in ein Dorf bei Krakau. Es ist nicht ganz einfach, sich mit Alina zu unterhalten. So ziemlich alles, was sie sagt, ist: „Schmeckt?“ und „Brauchen Brot? Brauchen Milch?“ Aber ich rede trotzdem viel mit ihr, weil sie ganz geduldig zuhört. Und es ist so schön, wenn jemand einem zuhört in einer sonst verdammt stillen Wohnung. Wenn sie merkt, dass ich traurig bin, sieht sie es mir an und sagt: „Wird gut.“ Wenn ich wütend bin und von der Schule erzähle, sagt sie auch: „Wird gut!“ Wenn ich fröhlich bin, lacht sie. Und dann sieht man, dass sie eine Zahnlücke hat.

Nachdem sie ein paar Mal da war, klappt die Verständigung schon viel besser. Gefällt es ihr in Deutschland? Ach ja. Sie müsse noch besser Deutsch lernen, sagt sie. Ihre Großmutter kann sehr gut Deutsch. Sie war im Zweiten Weltkrieg in Schweinfurt und arbeitete in einer Fabrik. Aber nicht freiwillig. Mit anderen Frauen brachten die Deutschen sie in einem Viehwaggon – ohne Fenstärr – in ein Lager. War schwere Zeit. Hatte nie genug zu essen. Musste arbeiten und bekam nur Rüben. „Polack“, haben die Deutschen zu ihr gesagt. Und einmal einer „Polackensau“. Die Großmutter erzählt oft davon. Jetzt ist sie wieder in Deutschland, aber nicht gern. Kann nicht vergessen. Ich schäme mich, weil Alina meinen Boden putzt. Weil sie so lieb ist zu mir. Weil sie mir ein polnisches Gulasch kocht. Obwohl ich ein Deutscher bin.

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