Alkohol in Russland : Nüchtern werden

Bei Russlands Brauern und der Werbebranche herrscht Katerstimmung. Am Montag trat ein Gesetz in Kraft, das Verkauf und Konsum von Bier drastisch einschränkt und Werbung dafür untersagt. Das Verbot gilt ab sofort für Funk und Fernsehen, für Printmedien und Online-Portale ab Beginn des nächsten Jahres. Kneipenwirte mussten zudem Plakate oder Sonnenschirme mit Bierwerbung entsorgen. Bei Verstößen drohen Strafen von bis zu 100 000 Rubel, rund 2500 Euro.

Verboten ist auch der Bierverkauf an Haltestellen des öffentlichen Nahverkehrs, bei Massenveranstaltungen, in Parks und auf öffentlichen Plätzen. Darunter fallen auch Hauseingänge und Treppenflure.

Russland ist mit umgerechnet 15 Litern reinen Alkohols pro Kopf und Jahr weltweit Spitzenreiter beim Konsum alkoholischer Getränke. Das Nationalgetränk Wodka wurde inzwischen vom Bier abgelöst. Statistisch gesehen kommen auf jede entkorkte Schnapspulle acht mit Gerstensaft. Verbraucherschützer erklären die Trendwende mit aggressiver Werbung vor allem im Fernsehen. Dadurch, behaupten russische Brauereien, sei ihr Umsatz zwischen 1999 und 2003 um 25 Prozent gestiegen. Nur durch das TV-Werbeverbot drohten der Branche daher Einbußen von mehr als 500 Millionen Rubel – knapp 13 Millionen Euro und fast ein Viertel des derzeitigen Umsatzes.

Brauer und Werber hatten daher ihre Lobby gegen das Gesetz mobilisiert, ihre Rechnung jedoch ohne den Wirt gemacht: Wladimir Putin, ein bekennender Fuselfeind und nach eigenen Worten extrem nachtragend: In seiner ersten Amtszeit als Präsident hatte Putin versucht, der Nation mit kostspieligen TV-Kampagnen das Saufen abzugewöhnen. Zeitgleich schickte eine PR-Agentur im Auftrag einer der größten Brauereien Russlands Zwölf- bis Vierzehnjährige per Clip zum Bierholen. Ein Affront.

Der russischen Volkskrankheit mit Kampagnen beikommen zu wollen, mache so wenig Sinn wie Verbote, meint Dmitri Janin von der Verbraucherzentrale. Allein im ersten Halbjahr sei der Alkoholkonsum um weitere 2,5 Prozent gestiegen, Bier sei an dem Zuwachs mit immerhin 35 Prozent beteiligt. Erziehen könne man den Bürger nur durch Griff ins Portemonnaie, sagte Janin bei Radio Liberty. Etwa mit Branntweinsteuern wie in den baltischen Ex-Sowjetrepubliken. Mit den dadurch erzielten Mehreinnahmen könnte auch das russische Gesundheitswesen saniert werden. Elke Windisch

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