Zeitung Heute : Alle auf die AnklagebankWarum ein berühmter Anwalt Marc Dutroux verteidigt

Stephanie Lob[Brüssel]

Xavier Magnée ist das, was man in Belgien einen „ténor“ nennt, einen „Staranwalt“. Seine Kanzlei hat er im Brüsseler Diplomatenvorort Uccle – ein höflicher Mann mit dunkler Hornbrille, der Manschetten zum Anzug trägt. 42 Jahre ist Magnée im Geschäft, und jetzt steht er vor seiner letzten großen „Affäre“ – dem letzten Fall seiner Karriere, und zugleich vor dem umstrittensten: der Verteidigung des meistgehassten Mannes Belgiens, des „Kinderschänders“ und Mörders Marc Dutroux.

Als „Monster“ und „Psychopath“ hat die belgische Boulevardpresse Dutroux betitelt. Der arbeitslose Elektriker hat 1995 und 1996 sechs Mädchen zwischen acht und 19 Jahren entführt, missbraucht und in Kellerverliesen eingesperrt, bis vier von ihnen an den Torturen starben. Acht Jahre nach den Taten beginnt nun am 1. März in der südbelgischen Stadt Arlon der Prozess gegen den 47 Jahre alten Mann.

60 Meter Akten, 450000 Seiten – das ist das Pensum, das Magnée bis zum Beginn des Verfahrens bewältigen muss. Das Papier überwuchert seinen antiken Schreibtisch, bringt Unordnung in die bürgerliche Eleganz seiner Kanzlei. Hier forscht Magnée nach Lücken im Dossier Dutroux, nach Ermittlungspannen.

Gleich zu Beginn des Gesprächs sagt Magnée etwas Verblüffendes: Das Problem sei gar nicht Marc Dutroux. Das Problem sei die Gesellschaft, die einen solchen Verbrecher geduldet habe. „Wenn ein Brandstifter Ihr Haus anzündet, werden Sie eine große Wut gegen ihn hegen, weil er damit alle Erinnerungen an Ihre Familie zerstört. Aber Sie werden auch auf die Feuerwehrleute wütend sein, die drei Tage zu spät kommen, und, statt den Brandherd zu löschen, erst einmal ihre Schläuche auf das Nachbarhaus richten.“

Im Fall Dutroux hat jeder Alarm versagt. Schon 1989 wurde er wegen der Entführung und Vergewaltigung minderjähriger Mädchen zu 13 Jahren Haft verurteilt. Aber 1992 kam er wegen guter Führung wieder frei. Als im Sommer 1995 die beiden achtjährigen Mädchen Julie und Mélissa verschwanden, kam die Polizei ihm trotz vieler Hinweise nicht auf die Spur. Ein Polizist hat bei einer Durchsuchung wegen Diebstahls im Dezember 1995 sogar Kinderstimmen in Dutroux’ Haus gehört – gab dies aber erst Monate später zu Protokoll. „Wenn das stimmt, hätten Julie und Mélissa gerettet werden können“, sagt Magnée. Und womöglich auch die 17 und 19 Jahre alten Freundinnen An und Eefje, deren Leichen die Polizei auf einem Gartengrundstück des Angeklagten ausgrub.

Die Gesellschaft mit anzuklagen, das ist Magnées Strategie. Deshalb hat er es abgelehnt, sich vom Staat als Pflichtverteidiger bezahlen zu lassen. Auch von Dutroux nimmt er kein Geld, der könnte sich seinen Beistand gar nicht leisten. Magnée weiß, dass er sich so angreifbar macht. Manche werfen ihm vor, Dutroux’ Schuld mit dem Verweis auf das Versagen der Behörden mindern zu wollen.

„Ich bin nicht wegen der Sensation der Anwalt von Dutroux“, sagt Magnée. Den Fall anzunehmen sei ihm nicht leicht gefallen. „Meine Frau und meine Sekretärinnen waren schockiert, als sie von der Anfrage Dutroux’ hörten.“ Aber, sagt der Anwalt, er habe sich in der Pflicht gesehen, der Gesellschaft einen Dienst zu tun. Diese Affäre gehe weit über die Person von Marc Dutroux hinaus. „Ihn zu verteidigen heißt nicht, die Jury davon zu überzeugen, dass seine Taten nicht schwerwiegend sind“, sagt Magnée.

Und dann sagt er: „Aber wir dürfen ihn nicht für das verurteilen, was er nicht getan hat.“ Nicht getan: Das ist der Schluss eines Strafverteidigers, daraus nämlich, dass bis heute nicht geklärt ist, ob Dutroux am Tod der vier Mädchen schuld ist. Julie und Mélissa verhungerten in ihrem Verlies, als er wegen Diebstahls in Haft saß. Wer An und Eefje verscharrte, weiß auch niemand. Dutroux schiebt die Schuld auf seinen Komplizen. Der kann sich nicht mehr wehren: Dutroux hat ihn ermordet. Allein dafür und für die Vergewaltigungen droht ihm lebenslange Haft.

Am Ende sagt Magnée noch etwas Verblüffendes: „Seit ich Anwalt bin, habe ich immer den gleichen Eindruck, wenn ich Mandanten im Gefängnis besuche: Die Leute, denen die schwersten Verbrechen zur Last gelegt werden, sind wie Sie und ich.“

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