Zeitung Heute : Alle beim Alten

Vier von zehn nominierten Filmen beschäftigen sich in diesem Jahr mit Menschen im fortgeschrittenen Alter

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Der Themenschwerpunkt ist eindeutig: Zehn von 203 vorgeschlagenen Kurzfilmen wurden für den Deutschen Kurzfilmpreis nominiert, dazu ein Sonderpreis vergeben – und vier davon handeln von alten Menschen.

„Male/female“ von Daniel Lang (Buch und Regie), Student an der HFF „Konrad Wolf“, nähert sich behutsam dem heiklen Thema Sexualität im Alter. „Heim“ von Christina Töllner (Buch) und Marc Brummund (Regie), Studierende der Hamburg Media School, erzählt von einem alten Mann, der scheinbar hilflos Einbrechern beim Ausräumen seines Zuhauses zusehen muss. In Wirklichkeit jedoch lebt er geistig verwirrt in einem Pflegeheim.

Mit einem ähnlichen Thema setzt sich „Vorletzter Abschied“ von Heiko Hahn (Buch und Regie) auseinander, in dem sich ein Ehemann entschließt, seine an Alzheimer erkrankte Frau in ein Pflegeheim zu geben. Lebensfreude stellt dagegen „Jam Session“ in den Mittelpunkt, ein Animationsfilm mit Knetfiguren von Izabela Plucinska (Buch und regie) und Justyna Celeda (Buh), Studentinnen der HFF „Konrad Wolf“. Dort lässt sich ein altes Ehepaar von der pulsierenden Atmosphäre eines Jazzclubs mitreißen.

Die Nominierungen wurden von zwei jeweils fünfköpfigen Jurys für die Kategorien „Spielfilm“ und „Animations- und Dokumentarfilm/Sonderpreis“ ausgesprochen, deren Mitglieder überwiegend im Filmgeschäft als Kinobetreiber, Produzenten oder Regisseurinnen tätig sind. Am 4. November vergibt die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, Christina Weiss, Kurzfilmpreise in Gold an Spielfilme mit einer Laufzeit bis sieben Minuten und zwischen sieben und 30 Minuten sowie an Animationsfilme und Dokumentarfilme von bis zu 30 Minuten Länge.

Bekannt gegeben wurde bisher einzig der Gewinner des Sonderpreises: In „Hat Wolff von Amerogen Konkursdelikte begangen?“ benutzt Gerhard Friedl (Buch und Regie, Produktion in Zusammenarbeit mit dem Westdeutschen Rundfunk) die epische Form, um in 73 Minuten vom deutschen Nachkriegskapitalismus zu erzählen, „als verfilme Dostojewskij Karl Marx“.

In zwei Spielfilmen sind Stars des jungen deutschen Kinos zu sehen: Anna Thalbach spielt in „Goodbye“ von Steve Hudson (Buch und Regie) eine junge Mutter, die verhaftet wird. Sie gerät in einen unauflöslichen Konflikt, weil ihre zweijährige Tochter allein in der Wohnung zurückbleibt: Vertraut sie sich der Polizei an, könnte das Jugendamt ihr das Sorgerecht entziehen. Tut sie es nicht, wird das Kind früher oder später sterben.

August Diehl spielt in „Wattläufer“ von Dennis Jacobsen (Buch und Regie), Student an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin, einen jungen Mann, der vor dem Hintergrund der archaischen Welt des Wattenmeeres mit seinem eigenen Tod konfrontiert wird.

Der sechste nominierte Spielfilm, „Chaim“ von Jonathan Greenfield (Buch und Regie), Student an der Kunsthochschule für Medien Köln, erzählt von einem alten Mann, der als Junge den Tod seiner Schwester im Holocaust nicht verhindern konnte und bis heute nicht mit dieser als Schuld empfundenen Erinnerung leben kann.

Der zweite nominierte Animationsfilm neben „Jam Session“, „Counter“ von Volker Schreiner (Buch und Regie), ist eine sechsminütige, witzige Montage von Ausschnitten aus Filmklassikern, die zusammen eine Filmgeschichte im Schnelldurchlauf ergeben.

In der Kategorie „Dokumentarfilm“ sind ebenfalls zwei Arbeiten nominiert: „Cousin Cousine“ von Maria Mohr (Buch und Regie), Studentin an der Universität der Künste Berlin, ist eine sehr persönliche, atmosphärisch dichte Auseinandersetzung der Filmemacherin mit ihrer eigenen Biografie.

„Mast Qalandar“ von Till Passow (Buch und Regie), Student an der HFF „Konrad Wolf“, zeigt eine fremde und verstörende Welt von Glaube, Grenzüberschreitung und Gewalt, indem er muslimische Pilger auf der Suche nach Ekstase beobachtet. Auf Kommentar und Wertung verzichtet er dabei.

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