Zeitung Heute : „Alle fragen immer: Wie sind Sie zu Hause?“

Warum er bei Eduscho die Weisheiten des Lebens findet – und weshalb der Frosch Kinder glücklich macht: Helge Schneider philosophiert.

Herr Schneider, Sie haben den Deutschen eine Silbe geschenkt: Po.

Po?

Wenn Sie sprechen, klingt das so: „Wichtig, popichtig, danke, popanke, rauchen, popauchen.“

Ach so. Ja. Und gestern habe ich das Wort einkariert erfunden.

Und was bedeutet das?

Einkariert: Total dämlich. Kariert kennt man, kleinkariert kennt man auch, keinkariert kann man auch noch verstehen, aber einkariert, das ist eine unheimliche enge Welt, irgendwo.

Das sind nicht mal mehrere Karos.

Nee, das ist nur eins.

Wie kam’s zum po? Ist Ihnen in der Wiege immer Eia Popeia vorgesungen worden?

Nee, das glaube ich nicht. (Spricht vor sich hin: „Wichtig, wichtig, popichtig. Helge Popelge.“) Das habe ich als Kind schon gesagt, als ich noch gar nicht richtig sprechen konnte, immer wenn ich den Teller aufgegessen hatte: alle popalle.

Als Schüler sollen Sie, statt in die Schule zu gehen, häufig stundenlang rastlos durch die Städte des Ruhrgebiets gewandert sein.

Ja, ich wollte einfach nur laufen. Durch die Stadt Essen zum Beispiel. In Mülheim konnte ich nicht rumlaufen, da habe ich gewohnt. Da hätte man mich ja gesehen. Deshalb bin ich immer nach Essen gefahren. Stell dir das mal vor: schwarz mit der Straßenbahn mit einmal umsteigen. Ich wollte gucken, nur gucken. Das war einfach Wissensdurst. Ich sehe gerne Leute. Früher hatten die Leute andere Sachen an. Heute ist ja alles eigentlich fast von derselben Firma, wenn man mal so guckt.

Sie haben Filme gemacht, Bücher, kamen ins Fernsehen und haben mit „Katzeklo“ einen Hit gesungen. Sie tragen rote, lange Haare. Wenn Sie heute spazieren gehen, werden Sie erkannt.

Ich höre immer nur Helge. Hallo Helge! Und dann sagt der eine, das ist der nicht. Und dann sage ich, doch ich bin das. Ja komm, wir gehen weiter, sagt der andere, das ist der gar nicht. Das habe ich schon oft erlebt. Finde ich nicht schlimm. Sogar am FKK-Strand bin ich mal angehauen worden von zwei Omas. Haben Sie keine Autogramme dabei? Ich kam gerade aus dem Wasser. Dann sagte ich sehr freundlich, habe ich jetzt leider nicht dabei. Dann haben die gesagt, das ist ja wohl das Letzte.

Sie sind aufgestiegen – aber wie steht es mit Ihrer Heimat?

Seitdem es Fußgängerzonen gibt, sind die Städte wie leergefegt. Neulich war ich mal wieder in Essen. Da sind jetzt auch überall die Ramschläden, du siehst Leute, die kaufen sich die letzte Scheiße. Zuerst gab es die Fußgängerzonen: Autos weg, Straßenbahnen weg, Urbanität weg. Die Leute gehen nicht mehr in die Kneipen – Kneipen alle weg. Klar. Dann kommen Handyläden, Optik, Brillen, Apotheken. Die Besitzer werden alt, es gibt keine Nachfolger. Es fällt also all das weg, was Spaß machen könnte, zum Beispiel in einem kleinen Laden nur Schirme und Mützen zu verkaufen. Eine ganze Kultur geht da verloren. Und die Auflagen, um überhaupt eine Kneipe zu machen!

Bitte?

Alles, womit der Bürger angeblich geschützt wird. Rauchverbot ist ja auch zum Schutz der Bürger. Der Bürger wird demnächst gar nichts mehr selber machen müssen. Der wird geboren, kommt in so einen Karton, fährt durch die Gegend, wird gepflegt, gefüttert, wird geschützt vor allen Dingen. Dann werden ihm Filme gezeigt von Leuten, die mal geraucht haben, aus denen die Szenen, in denen John Wayne eine Zigarette hält, rausgeschnitten sind.

Sind Sie Nichtraucher?

Ich bin Nichtraucher geworden. Habe mir aber neulich ein Päckchen Zigarren gekauft, weil mir das mit dem Rauchverbot irgendwie auf den Wecker geht. Ich habe gesagt, jetzt rauche ich erst recht noch mal eine. Ich war in Heidelberg, da gibt es gerade in der Altstadt wie leergefegte Lokale und alle stehen draußen. Ich fand es gut da draußen, es bilden sich immer ganz neue Grüppchen, die unterhalten sich. Wahrscheinlich ist das auch eine Maßnahme zur Ankurbelung der Wirtschaft, dann kaufen sich die Leute mehr Wintersachen.

Münchner treffen sich im Biergarten, Berliner vor der Currybude, Kölner beim Straßenkarneval. Das spezifische Gefühl des Ruhrgebiets haben Sie offensichtlich bei Eduscho gefunden. Sie haben jahrelang Zeit an den Stehtischen dieser Kaffeekette verbracht.

Nee, kann man sagen. Ich habe da bei Eduscho eine Lebensweisheit gefunden, von alten Leuten, die irgendein Zeug reden. Wie der eine zum anderen sagt: Ja, Wetter ne. Und der andere sagt: Hm, hast Recht. Ja aber geht, ne. Nee, also gestern da war doch wirklich sehr kalt. Ja. Ja. Und fertig. Gespräche über Verstorbene finde ich auch immer gut: Was macht die Hiltrud? Die ist gestorben. Oh, ja. Ja. Und sonst, geht es gut? Ja, ja, ich koche so aus der Tiefkühltruhe.

Reden, um nicht zu schweigen.

Genau. Konversation. Finde ich unheimlich wichtig im Leben.

Konversation ohne Thema.

Ich mag das eben. Und ich mag nicht, wenn Leute nicht aufmerksam sind. Sich nur um sich und ihren Hund kümmern und gar nicht gucken, wer ihnen auf der Straße entgegenkommt. Oder wenn man angeguckt wird, weggucken, das mag ich auch nicht. Oder gucken und sagen: was guckst du so.

In Ihrer Autobiografie haben Sie geschrieben, dass Mülheim ungeheuer langweilig ist und Sie immer weg wollten. Sie leben heute noch da.

Weil ich festgestellt habe, dass jede Stadt wie Mülheim ist.

Wie traurig.

Ja, wie traurig und auch beruhigend.

Wie haben Sie das gemerkt?

Wenn man ein junger Musiker ist, dann denkt man, man muss raus aus einer Stadt, wo einen alle kennen und sagen, ach, du kannst doch sowieso nicht Klavier spielen. Ich wollte aber spielen. Dann habe ich immer gedacht, wenn schon raus, dann nach Paris, New York. Ich habe mich aber nie getraut. Und irgendwann musste ich mich dann entscheiden, das einfach zu machen. Das war mein Glück.

Sie haben plötzlich Mülheim ernst genommen?

Ja, aber ich habe auch plötzlich ernst genommen, was ich mache. Dann habe ich eben ein Rezept für mich gefunden. Ich habe einfach festgestellt, dass das, was ich mache, nicht jeder macht, und habe dann auch zu mir gestanden. Das ist der Grundstein zu dem, was ich auch heute mache. Ich wollte immer Clown sein, ein Musikclown.

Wer war der Erste, der über Sie gelacht hat?

Ich war der Erste, der über mich gelacht hat. Nicht schlecht, oder?

Das macht unverwundbarer.

Ja. Ich habe als Kind schon damit angefangen, ich wollte immer ein Opa sein, weil ich die lustig fand. Ich fand auch mich als Opa lustig, mich so zu bewegen, so alt, so gebrechlich, mit Buckel und Stock. Als Vier-, Fünfjähriger habe ich mir Vaters Schlafanzug angezogen, ein Kissen druntergesteckt und einen Bart gemalt mit Kohle. Wir hatten noch einen Badeofen mit Kohle. Und hinter dem Ofen gab es Eisblumen an den Fenstern.

Vor welchem Publikum waren diese Auftritte?

Das waren keine Auftritte. Ich bin so rumgelaufen. Und dann musste ich wieder Schularbeiten machen. Mit sieben Jahren sollte ich in einem Klavierkonzert ein Stück spielen, vor 600 Leuten. Es hieß, glaube ich, „Tag der Hausmusik“. Ich sollte mit meiner Klavierlehrerin vierhändig spielen, meine Schwester war schon dran gewesen. Die Atmosphäre hat mir einen Thrill gegeben, sie war so wie bei einem Konzert von Vladimir Horowitz.

Andächtige Stille.

Wie in einer Kirche. Ja und in diese Stille hinein habe ich mich natürlich sofort vertan. Ich habe dann geschrien, Scheiße hier und habe dann immer so auf dem Klavier rumgehauen, Kacke, Scheißklavier. Da wurde ich dann abgeführt. Eigentlich habe ich damals genau das gemacht, was ich heute mache. Ich weiß sonst gar nichts mehr von diesem Tag, aber das war eine Zäsur in meinem Leben.

Hatten Sie nach dem Zwischenfall am Klavier ein Gefühl des Triumphs oder der Niederlage?

Hm, ein Triumphgefühl, weil ich gemacht habe, was ich wollte. Das war Mist, schlecht vielleicht…

...aber Ihr persönlicher Mist.

Ja, ich habe einfach gezeigt, wer ich bin. Eigentlich ist das höchst menschlich. Auf jeden Fall war das ein Akt der Auflehnung gegen bestehende Normen. Da war ich dann komischerweise stolz drauf.

Haben Sie nie Angst gehabt, dass man nicht mit Ihnen, sondern über Sie lacht?

Ich habe immer gewusst, Lachen ist wichtig. Lachen ist eigentlich noch besser als Applaus.

Sie enttäuschen gern systematisch das Publikum.

Nee, das wird ja gar nicht enttäuscht. Das ist auch damals nicht enttäuscht worden.

Also wenn wir an Ihren „Straf-Jazz“ denken…

…das ist was anderes. „Straf-Jazz“ habe ich gemacht, wenn die Leute einfach total genervt haben, immer nur Helge gerufen und gar nicht zugehört haben. Dann kann ich nicht arbeiten. Da haben wir Jazz gespielt und dann hat jemand gesagt, das wäre eine Strafe für die Leute.

Das hat Ihnen gefallen.

Ja, die können sich dann schwer drauf einlassen, dass man was macht, was keiner erwartet. Mittlerweile ist das ja nicht mehr nötig. Ich habe es endlich geschafft, dass die Leute nichts erwarten.

Vor Weihnachten sind Sie zuletzt Vater geworden. Sie haben fünf Kinder von vier Frauen. In einem Fernsehporträt zu Ihrem 50. Geburtstag vor zwei Jahren hat Ihre Schwester gesagt, dass Sie der beste Vater sind, den man sich vorstellen kann.

Das kann die ja gar nicht wissen, das ist doch meine Schwester. Jeder Vater, der sich um sein Kind kümmert, ist der beste Vater, was soll denn das. Ich bin auch schon mal gefragt worden, ob ich jetzt vielleicht ein besserer Vater bin als früher, bei meinen Kindern, die jetzt 27 und 25 sind.

Und was denken Sie?

Früher hatten meine damalige Frau und ich beide kaum Geld, sie wollte studieren, und ich habe Saxofon gespielt. Aber immer, wenn ich gerade spielte, hat sich die kleine Farina an meinem Bein hochgezogen und geschrien. Ich hatte Existenzangst, musste in einer Bar für 100 Mark Klavier spielen und dann zu Fuß nach Hause gehen. Ich hatte damals noch nicht mal einen Führerschein. Und trotzdem war klar: Wir sind Vater und Mutter und zwei Kinder, und irgendwie machen wir das jetzt. Heute habe ich zwar viel mehr zu tun, aber die Zeit, die ich dann zu Hause bin, ist nicht beeinflusst von dieser Existenzangst, deshalb bin ich natürlich jetzt nicht so aufgeregt. Es ist was anderes, ob du mit 52 ein Kind kriegst oder mit 26. Aber Sorgen braucht man sich sowieso nie zu machen. Warum? Man war ja selber Kind.

Wie geht es in einer Familie zu, in der der Vater lustiger ist als die Kinder?

Es gibt viele Kinder, die sind überhaupt nicht lustig. Klar. Meine sind auch nicht immer lustig. Ich bin aber zu Hause jetzt nicht unbedingt der Entertainer. Die Leute fragen immer: Wie sind Sie zu Hause? Dann stellen sie sich vor, ich schließe die Tür auf und bin dann zu Hause und alle warten auf mich. Das ist ja gar nicht so.

Wie ist es denn?

Das Zuhause ist ja manchmal auf der Autobahn oder ganz woanders. Es kann auch einfach mal das Telefon sein. Oder dass man sich mal eine Woche nicht sieht. Es ist eben in meinem Beruf so, dass das Zuhause auch eine verrückte Situation ist.

Wie viele Kinder fahren denn mit auf Tour?

Eins. Oder zwei. Neulich waren mal drei dabei. Oder sogar vier?

Der Zeichner Tomi Ungerer hat seinen Kindern nur Werkzeuge geschenkt, weil er glaubt, das Potenzial des Werkzeugs sei das Tolle und nicht das fertige Spielzeug. Die haben dann Bunsenbrenner gekriegt.

Ich kann das gut verstehen. Es gibt zum Beispiel Spielzeug, das können Erwachsene nicht begreifen: Ich habe schon mehrmals so ein Ding mit drei Löchern gekauft, dazu gibt es drei Kugeln, da haust du mit dem Hammer drauf und dann fallen die Kugeln rein. Genauso gut ist ein Frosch, den man hinterherziehen kann und der macht „Quak“. Und wenn du einem Kind einen Zeichenblock gibst und bunte Stifte, passiert auch immer was.

Hätten Sie als Vater Schwierigkeiten mit einem Sohn, wie Sie einer waren?

Klar, mit Sicherheit. Aber was heißt schon Schwierigkeiten. Ich bin ja irgendwann einfach nicht mehr nach Hause gegangen, nur noch an Weihnachten.

Wie alt waren Sie?

Mit 17 bin ich ausgezogen. Aber erst, als ich 21 war, wurde in Deutschland die Volljährigkeit von 21 auf 18 runtergesetzt. Vorher war ich also noch nicht volljährig und musste mir immer Unterschriften holen. Ich habe mich sehr abgekapselt von meinen Eltern und ein paar Jahre gar nicht mit meinem Vater gesprochen.

Sie haben ihn nicht gemocht?

Nein, das hat gar nichts damit zu tun. Ich habe ihn sehr geliebt, habe immer gesagt, mein Vater ist ein Pfundskerl. Ein ganz toller Typ. Ich war auch immer stolz auf den, habe aber trotzdem nicht mit ihm geredet. Vielleicht, weil es einfach nichts zu sagen gab. Aber je älter wir wurden, umso mehr sind wir in den letzten Jahren zueinander gekommen. Bei seinen Seniorenabenden waren immer so 70 oder 80 Leute. Und da haben meine Band und ich Musik gemacht. Er hat sich dann einmal mit Jimmy zusammengesetzt, unserem Kontrabassspieler aus New York. Ich habe von meinem Vater noch nie mehr erfahren, als an diesem Abend. Die haben Englisch geredet! Er war mit 30 mal bei einem Lehrgang in New York und konnte ein paar Brocken. Das hatte ich nie gewusst. Verrückt, oder?

Atze Schröder, Hape Kerkeling, Jürgen von Manger – warum sind im Ruhrgebiet eigentlich so viele Komiker zu Hause?

Ja weil da eben komische Leute sind. Das ist ja nicht Atze Schröder alleine oder ich alleine, sondern das ist unsere Landschaft, die bringt den Humor hervor. Und dieser Humor entsteht nicht in den Villenvierteln, sondern der kommt von Leuten, die eigentlich nichts zu lachen haben, die lachen nämlich am liebsten. Da wächst man so rein, unmerklich. Das ist wie Wind.

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