Zeitung Heute : Alle für eine

Kein Scherbengericht über Angela Merkel – in der Union haben schließlich fast alle verloren. Und Verlieren verbindet

Robert Birnbaum

Ganz oben im Konrad-Adenauer-Haus, in der Chefin-Etage im sechsten Stock, hängt Montag frü h ein einsames „Angie“-Schild im Fenster. Der Raum dahinter sieht von unten nach Teeküche aus. Bis tief in die Nacht ist das Licht an gewesen in den oberen Etagen der CDU-Zentrale. Da haben sie zusammengesessen, Angela Merkel, ihr General Volker Kauder, die Vertraute Annett e Schavan, noch etliche mehr. Jürgen Rüttgers war dabei, der Ministerpräsident aus Düsseldorf. Und noch einer: Roland Koch. Den Hessen hätte man vielleicht eher im „Hugos“ vermutet, dem Edelrestaurant im Hotel Interconti, wo die Ministerpräsidenten-Kollegen Christian Wulff und Günther Oettinger 13 Stockwerke über der Stadt den Abend bei Sabine Christiansens Wahlparty verbrachten. Aber so war es eben nicht. Man sollte sich diese kleine Geographie des Wahlabends merken; für später einmal.

Am Montag bescheint eine milde Morgensonne eine sichtlich müde Kanzlerkandidatin. Sie habe einen „ganz klaren Regierungsauftrag“ bekommen, sagt sie in die Kameras, bevor sie im Adenauer-Haus verschwindet. Nach und nach tröpfeln die anderen Mitglieder des Präsidiums herbei. Schon nach sehr kurzer Zeit wird klar: Dies ist der Tag der Geschlossenheit. „Es gibt einen Regierungsauftrag für Angela Merkel“, sagt Rüttgers. Kein Scherbengericht über Angela Merkel, über das drittschlechteste Wahlergebnis in der Geschichte der CDU? „Nein!“ In Rüttgers’ Stimme liegen drei Rufzeichen, ganz und gar ausgeschlossen! „Die Union muss zusammenstehen“, sagt in der Fernseh-Interviewbox nebenan Christian Wulff. „Angela Merkel ist die Vorsitzende der größten Fraktion. Sie wird Bundeskanzlerin.“

Der Niedersachse ist mit den zwei Prognosen seiner Zeit voraus, schon weil Merkel als Fraktionsvorsitzende am heutigen Dienstag erst noch bestätigt werden muss. Aber Präsidium und Vorstand haben Merkels Entscheidung später einmütig unterstützt, sich zur Wiederwahl zu stellen. Das war eigentlich nicht vorgesehen, weil eine Kanzlerin ja sowieso nicht Fraktionschefin bleiben könnte. Aber weil das mit der Kanzlerin nun doch eher schwierig wird, soll das Votum der Fraktion sie stärken. Eine Vertrauensfrage nach Oppositionsmanier sozusagen. Um ein gutes Ergebnis wird sie eben darum kaum bangen müssen. Alles andere wäre parteischädigend. Und die Partei CDU ist weiß Gott geschädigt genug, von der Partei CSU zu schweigen.

Im CDU-Präsidium ist der Ernst der Lage allen klar. Nur Karl-Josef Laumann, Rüttgers’ Sozialminister, ist derart verärgert in Berlin angereist, dass er hinter verschlossenen Türen etwas gedämpfter wiederholt hat, was er draußen vor der Tür etwas erregter zu Protokoll gegeben hatte: „Im Schattenkabinett war kein einziger christsozialer Mensch vertreten“, zürnt der Chef des Arbeitnehmerflügels. „Die CDU muss sich besinnen, wo sie herkommt.“ Drinnen hat aber Merkel – unter beifälligem Nicken der anderen – daraufhin nur gesagt, für die Analyse der Wahlschlappe und ihrer Ursachen sei heute nicht der Tag, heute gelte es nach vorn zu schauen. „Nach der Regierungsbildung“, hat ein Präsidiumsmitglied später präzisiert, sei Zeit für Nabelschau. Paul Kirchhof war übrigens auch da und ist von Merkel mit Dank versehen worden. Der Professor hat geschwiegen, was er ja nun endlich gelernt hat als oberste Tugend in der Politik. Er wird sich zurückziehen in die Welt der Wissenschaft. Auch über ihn kein böses Wort. Nur Friede bei so wenig Freude? Es klingt kaum glaubhaft. Doch alle, die dabei waren, versichern: keine Kritik, auch keine noch so versteckten Spitzen.

Der Friede hängt, so paradox es klingen mag, wesentlich mit dem Ausmaß des Desasters zusammen. Es ist die Geschlossenheit der Verlierer. Keiner der Ministerpräsidenten kann sich auf die Brust klopfen. Alle haben daheim verloren, die einen etwas weniger – Hamburg hat sogar zugelegt, NRW nur einen Prozentpunkt abgegeben –, die anderen etwas mehr – Stoibers Bayern voran. Niedersachsen, Hessen, Baden-Württemberg liegen im schlechten Durchschnitt. Keiner, der auf Merkel zeigen könnte ohne vier Finger, die auf ihn selbst weisen. „Wir hätten uns vielleicht früher um sie scharen müssen“, räumt einer der Länderfürsten ein, „und nicht auch noch selber an der Personalie Kirchhof herumzerren.“ Zu spät.

Aber es gibt noch ein paar Gründe für das plötzliche Einvernehmen. Kein kleiner ist Gerhard Schröder. Wie der am Abend vorher in der Fernseh-Elefantenrunde den Macker markiert hat, Frau Merkel, Sie werden das nicht! „Das mobilisiert bei uns erst mal die Abwehrkräfte“, berichtet ein Christdemokrat. Überhaupt fällt des Kanzlers Ausfall zu später Sendezeit, wenn es nach der CDU geht, in die Abteilung Medizin. „Postelektoraler Größenwahn“ diagnostiziert der Herr Politdoktor Koch beim Patienten Schröder, auf ein „Simonis-Syndrom“ erkennt die Frau Politdoktorin Hildegard Müller in Anspielung auf das fatale „Und was wird aus mir?“ der sesselklebenden schleswig-holsteinischen Ministerpräsidentin.

Und dann gibt es noch ein drittes, sehr ernstes Motiv dafür, dass die Christparteien die Tugend der Geschlossenheit neu entdecken. Das ist die kalte Mathematik. Wenn dieses Wahlergebnis nicht bloß Ausreißer war, sondern Vorbote der Zukunft, dann droht dem bürgerlichen Lager auf Dauer der Verlust der Mehrheitsfähigkeit. Dann darf die Union keinesfalls zulassen, dass ein rot-rot-grünes Duldungsszenario entsteht, dem nur zu bald die Wiedervereinigung aller Roten unter dem großen historischen Dach der SPD folgen könnte. Deshalb die weithin verkündete Zuneigung zu einer Koalition, die bisher unschön unter „Schwampel“ firmierte, inzwischen aber einen viel bunteren Namen bekommen hat: Die „Jamaika“-Koalition in den schwarz-gelb- grünen Farben des Karibikstaats.

Realitätsgehalt? „Eher gering“, sagt ein CDU-Führungsmann. Aber versuchen müsse man es. Aufmerksam wird vermerkt, dass Spitzengrüne sich mehrdeutig äußern. Aufmerksam wird vermerkt, dass auch in der FDP keiner diese Notoption regelrecht ausschließt, selbst der Parteichef nicht. Mit Guido Westerwelle hat Merkel in der Nacht telefoniert, am Morgen wieder. „Guido muss stehen“, sagt ein Christdemokrat. Guido wird stehen, sagt ein anderer voraus: „Die FDP weiß ganz genau, welchen Wählern sie ihr Rekordergebnis zu verdanken hat.“

Merkel hat sich also von ihren Spitzengremien den Auftrag absegnen lassen, erst mit der FDP zu reden, dann mit der SPD, danach mit den Grünen. „Ich setze bei dem, was jetzt vor uns liegt, auf die verantwortungsvollen Kräfte“, sagt Merkel. Die Formulierung entstammt den nächtlichen Gesprächen, auch im Präsidium ist sie gefallen. „Wir müssen jetzt Schritt für Schritt vorgehen“, fasst ein Teilnehmer zusammen. „Wir müssen darauf achten, dass uns die Leute nicht weglaufen.“ An der CDU darf es nicht gelegen haben, wenn am Ende allen Redens keine Regierung steht, sondern das weitergeht, was an diesem Tag nach der Wahl alle anderen betreiben: Hürden aufrichten, die so hoch sind, dass – nähme man sie alle beim Wort – Deutschland noch auf Jahre hinaus kommissarisch von Gerhard Schröder regiert werden müsste. Edmund Stoiber wird auch mit verhandeln. Dass übrigens der CSU- Chef, ob er will oder nicht, bei praktisch jeder der jetzt denkbaren Regierungen als Speerspitze der CSU nach Berlin wechseln müsste, gilt als ausgemacht.

Aber sind Regierungen ernsthaft denkbar? Und wenn, mit wem an der Spitze? Joschka Fischer schließt eine Koalition unter Kanzlerin Merkel aus. Die SPD schließt eine Koalition ohne Kanzler Schröder aus. „Unser Ziel Nummer Eins muss es sein, Gerhard Schröder wegzukriegen“, sagt ein Christdemokrat.

Einer hat dafür einen Vorschlag gemacht im Präsidium, für den Fall, dass alle Koalitionsversuche scheitern. Dann, hat Roland Koch gesagt, sollte sich Merkel zur Kanzlerwahl stellen bis zum dritten Wahlgang. Danach könnte, das steht im Grundgesetz, der Bundespräsident wieder Neuwahlen ausrufen.

Undenkbar? Was ist schon undenkbar seit dieser Wahlnacht. Nicht mal das Gedankenspiel vom „Modell Glienicker Brücke“. Das geht so: Wie im Kalten Krieg Ost und West auf jener Brücke ihre Spione austauschten, könnten Rote und Schwarze ihre Frontleute opfern. Die SPD schickt Schröder nach Hause, die Union Merkel, Kanzler wird ein Dritter.

Das Spiel hat logischen Charme, aber auch Tücken. Ob zum Beispiel die SPD gut beraten wäre, einen wie Wulff zum Kanzler zu machen, „den Robert Redford der deutschen Politik“, sagt ein Unionsmann – das müssten die Roten gut überlegen. „Die riskieren ja, dass sie ihn nie mehr los werden.“ Wulff übrigens hat sich genötigt gesehen, jeden Gedanken an einen Wechsel nach Berlin auszuschließen. Dass überhaupt jemand aktuell auf diesen Gedanken kommen kann, hängt mit Wulffs Wahlanalyse zusammen. „Die anderen haben Angst gemacht, wir haben nicht hinreichend Mut gemacht“, sagt er. Und dass es der anderen Seite gelungen sei, die Wähler in letzter Minute zu sich hinzuziehen: „Bei der nächsten Wahl müssen wir diesen Swing hinkriegen.“

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