Zeitung Heute : Alle für Einen

Münster-Gievenbeck liegt mitten in Deutschland. Als Jürgen W. Möllemann dort hinzog, ließ er sich einen Wachturm in den Garten bauen. Die Nachbarn haben ihn dafür bewundert.

Constanze Bullion

Es gibt Städte, die sind zum Sterben schön. Es gibt Orte, die sind zum Davonlaufen öde. Und es gibt Stadtteile, die sind so mittelmäßig, dass sie einen zur Verzweiflung treiben. Münster-Gievenbeck ist so ein Stadtteil. Kein Wunder eigentlich, dass es hier passiert ist.

Kaum ein Mensch ist zu sehen an diesem heißen Vormittag, und wer unterwegs ist zwischen all den sauber geklinkerten Häuschen und baugleichen Wohnblocks, wer durch die gepflegten Straßen streift und eintaucht in diese Ansammlung von Wohlstandswürfeln am Coesfeldweg, den mag plötzlich die Erinnerung an Hannelore Kohl beschleichen. An diese immerfort strahlende Frontfrau der alten Bundesrepublik, die ihr Leben in einem lichtlosen Bungalow in Oggersheim beendete. Abgeschnitten von der Welt und geschützt von Überwachungskameras, die nach außen gucken können, aber nach innen blind sind.

Möllemanns Bungalow ist auch so ein Hochsicherheitskasten. Ein grau gemauerter Flachbau im Baukasten-Stil der 70er-Jahre, der zwischen Dutzenden ähnlicher Klötze steht: komfortabel im Innern und angeblich mit Swimmingpool. Zur Straße hin aber ist der Bunker quadratisch, praktisch und so gut geschützt, dass offenbar nicht einmal Zugangsberechtigte geahnt haben, wie viel Zerrissenheit hier zu Hause gewesen sein muss.

Gievenbeck, das ist ein Stadtteil von Münster, in dem 16 000 Menschen leben, wo es keinen richtigen Ortskern gibt, aber eine moderne Backsteinkirche und eine dieser Ladenzeilen, die die Menschen mit Unverzichtbarem versorgen. Kuchen, Seifenwaren, Schuhe für den reiferen Fuß gibt es hier, dazu Hilfe im Trauerfall und für den Notfall ein paar Flaschen Riesling. Alle zehn Minuten kommt der Bus und jeden Dienstag wird der Verpackungsmüll abgeholt in dieser deutschen Idylle, die nun so unsanft aus dem Schlummer gerissen wurde.

Alle reden hier, natürlich, über den Tod von Jürgen W. Möllemann, schließlich war der Draufgänger von der FDP der berühmteste Bewohner des Ortes. Dass er Selbstmord begangen haben soll, ein Kerl wie er, und dass auch sein bester Feind Michel Friedman jetzt ins Schlingern geraten ist, das wird hinter Balkonkästen und Häkelgardinen aufgeregt diskutiert. Aber eben lieber dahinter als davor, denn eigentlich traut man hier nur den eigenen Leuten. Wer jedoch dazugehört und wer nicht, das ist eine ziemlich verzwickte Geschichte.

Wachturm im Garten

Gleich hinter dem Drogeriemarkt, nur ein paar Straßen von den Möllemanns entfernt, wohnt Theo Dirkmann. Er ist ein freundlicher Herr von 80 Jahren und eine Art wandelndes Gedächtnis des Ortes. Dirkmann hat die Geschichte der Gievenbecker, der angestammten wie der zugezogenen, in 30 dicken Kunstlederbänden aufgearbeitet. Jetzt sitzt er aufrecht auf einer sorgsam gefalteten Wolldecke. Angefangen, sagt Theo Dirkmann, hat alles im Jahr 795 nach Christus, als Bischof Ludger von Münster Land von Karl dem Großen erhielt, um es von Unkraut und Ungläubigen zu befreien. Neun christliche Bauern bauten sich damals Höfe hier – Dirkmann ist einer ihrer Nachkommen. „Wir waren Bauern, 1200 Jahre lang.“

All das muss man wissen, meint Dirkmann, um zu begreifen, welche Mentalitäten hier aufeinander geprallt sind, schon bevor Leute wie Möllemann herzogen, und der selbstgewisse Wohlstand der Vor-Wende-Republik sich breit machte. In Dirkmanns Jugend hatten sie ja noch andere Wertvorstellungen, da wurde tags auf den Feldern geschuftet und abends gebetet, erzählt er, und es gab auch schon Probleme mit Ortsfremden – den Soldaten, die in den 30ern in der neuen Kaserne untergebracht wurden und den Arbeitern, die im Rahmen des „Reichsheimstättengesetzes“ in billigen Wohnblocks angesiedelt wurden. Lauter stramme Parteigenossen, sagt ein Nachbar. Unfug, sagt Dirkmann, der sich mit den Kindern aus der Siedlung regelmäßig geprügelt hat, weil sie nicht zu den Bauernjungs gehörten. „Das waren ganz andere Leute, das passte einfach nicht.“

Gievenbeck, das ist wie ein alter Baum, der sich nur widerwillig einen Jahresring nach dem anderen zugelegt hat. Wer hergehört und wer nicht, das ist hier immer ein Thema geblieben, auch wenn die Außenseiter heute andere sind als noch vor 30 Jahren. Damals, in den frühen 70ern, walzte der Bauboom die letzten Fachwerkhöfe und die alte Holzkirche im Zentrum weg. Und mit den sauberen Wohnungen kamen Menschen, die Wert auf übersichtliche Verhältnisse legten. Beamte aus Münster, Angestelltenfamilien, ein paar Professoren aus der nahen Universität. Und schließlich Möllemann.

Als er in den späten 80ern in den Coesfeldweg zog, ließ er sich erst mal einen Wachturm samt Sicherheitspersonal in den Garten stellen, erzählen Nachbarn. Möllemann hatte damals einen Senkrechtstart hinter sich, der ihn vom Sohn eines Polstermeisters zum Bildungsminister im Kabinett Kohl gemacht hatte und später noch zum Wirtschaftsminister und Vizekanzler machen würde. Natürlich verstand er es damals schon, von sich reden zu machen, forderte mal die Festlegung der FDP auf die Neutronenbombe, dann Bundeswehrsoldaten für Nahost, machte Arafat und Gaddafi seine Aufwartung. Und blieb bei all der weltpolitischen Großspurigkeit doch der fröhliche Nachbar von nebenan. Dachten sie zumindest in Gievenbeck.

Naja, sagt Herr Dirkmann, es ist eben immer so eine Sache, wenn die Leute nicht gewohnt sind an das viele Geld, das ihnen plötzlich in den Schoß fällt. So wie Boris Becker, der plötzlich zu Reichtum kam und nicht damit fertig wurde. „Und wenn einer politisch was wird und Macht hat, dann will er die eben auch nicht verlieren.“ Und er tut so manches, um sie zu erhalten.

In Gievenbeck gibt es einen Siedlerverein, zwei Schützenvereine, zwei Fußballclubs und einen Karnevalsverein. Da kennt man einander, da hilft man einander, und weil Jürgen Möllemann nicht nur ein geselliger Mann war, sondern auch ein Meister der Beziehungspflege, saß er in fast allen Vereinen drin. Und half ein bisschen. Sie haben ihm das nicht vergessen, und vielleicht haben ihn viele hier auch deshalb so bewundert, weil er all die abgezirkelten Gruppen und Grüppchen so mühelos miteinander zu vernetzen schien, weil er herausragte aus der Gievenbecker Mittelmäßigkeit wie dieser Turm in seinem Garten und zum Kontaktmann zwischen drinnen und draußen wurde, oben und unten.

Alois Lutz möchte nicht über konkrete Summen sprechen, das ist doch jetzt irrelevant, findet er. Aber dass die Beträge „ganz ordentlich“ waren, mit denen Jürgen Möllemann den 1. FC Gievenbeck sponserte, das darf immerhin vermerkt werden. Lutz ist Präsident des örtlichen Fußballvereins, er war 20 Jahre mit Möllemann befreundet und eilt gerade zu einer Vorstandssitzung ins Vereinshaus. Unten auf dem Rasen trainiert die Jugend, dort trägt jetzt niemand mehr das Trikot der Web/Tec, jener dubiosen Beratungsfirma von Möllemann, mit der sich nun die Staatsanwälte befassen.

Panzerdeals, illegale Parteispenden, schwarze Konten – eine Spur, die sich bis nach Gievenbeck zieht? Lutz winkt ab. „Das war eine normale Geschäftsbeziehung, alles mit Rechnung, ganz normal versteuert“, versichert er. Natürlich habe es Debatten im Vereinsvorstand gegeben, als die Web/Tec ins Gerede kam wegen Möllemanns undurchsichtiger Geschäfte, bevor irgendwann das Sponsorenverhältnis abgebrochen wurde. Er korrigiert sich sofort. „Der Vertrag ist sowieso ausgelaufen.“

Attentäter im Dorf

Es gibt keinerlei Unregelmäßigkeiten hier in Gievenbeck, sieht man mal von kleineren Irritationen ab. Da war zum Beispiel dieser Marokkaner, der im 1. FC Gievenbeck Fußball spielte. Der Mann hieß Mounir al-Motassadeq und war nicht weiter aufgefallen im Ort, bis sie ihn irgendwann im Fernsehen wiedersahen. Jetzt steht er vor Gericht, weil er der Buchhalter der Attentäter vom 11. September gewesen sein soll.

Ein ehemaliger Student aus Gievenbeck sorgt für den Einsturz des World Trade Centers. Ein ehemaliger Minister aus Gievenbeck stürzt sich unter ungeklärten Umständen zu Tode. Ist das womöglich alles kein Zufall, wohnt hinter den sorgsam frisierten Hecken vielleicht eine Art Virus, das den bundesrepublikanischen Durchschnittsalltag über Nacht kollabieren lassen kann wie einen angegriffenen Computer?

In Gievenbeck haben sie wenig Sinn für solche apokalyptischen Überlegungen, sie lassen nichts kommen auf den Wohltäter des Ortes, den fröhlichen Kneipensteher, den Ungleichen unter Gleichen, der auch nach seinem letzten, spektakulären Absturz hier noch weich aufgefangen wird. Schließlich hat er bei der Tombola des Siedlervereins mal eine Berlin-Reise für zwei Personen springen lassen, war 1994 Schützenkönig und hat um die 50 Schützen samt Ehefrauen nach Bonn eingeladen. Nicht zu vergessen das Frühstück, bei dem er die örtlichen Vereinsmeier mit Michael Gorbatschow bekannt machte und die Kosakengruppe dazu tanzte. Für Gorbatschow. Hier in Gievenbeck. Das soll dem Möllemann erst mal einer nachmachen.

Es ist nicht ganz einfach, hier ein Gespräch darüber in Gang zu setzen, wo eigentlich die Wohltätigkeit aufhört und wo die Mauschelei beginnt, was freundschaftliche Hilfe von Korruption unterscheidet, und warum so viele im Rest der Republik sich abgewandt haben von Möllemann. Der Pfarrer der katholischen St.-Michael-Kirche schlägt erbost das Fenster zu. Der Leiter des Stadtteilzentrums „Fachwerk“ erteilt den Mitarbeitern Redeverbot. Herr Kohaus, einst Löschzugführer der Feuerwehr, lächelt breit, bevor er lästige Frager des Hofes verweist. Herr Hohmann immerhin macht die Haustür auf.

Man sitzt eigentlich ganz gemütlich unter diesen Partyzelten, die hier fast jeder im Garten stehen hat und die das Blickfeld auf die hauseigenen Blumenkübel beschränken. Dietmar Hohmann schenkt Apfelschorle aus und berichtet mit großer Ernsthaftigkeit über seine allergrößte Leidenschaft. „Ich bin Leithammel der Karnevalsgesellschaft“, sagt er, „da darf ich mir nichts zu Schulden kommen lassen.“ Ehrensache, dass er nur Gutes über Möllemann sagt.

Die Möllemanns haben den ganzen Spaß immer mitgemacht, einmal ist der Jürgen hier sogar mit zwei Tennisbällen in den Backen aufgetreten. Naja, sagt Hohmann, im letzten Jahr ist er stiller geworden. Zog sich zurück. War nicht mehr der Alte. Dass Möllemann selbst Schuld gehabt haben könnte, dass er sich verrannt hat in einem zunehmend anti-semitischen Kleinkrieg gegen Michel Friedman, das kann Herr Hohmann beim besten Willen nicht erkennen.

„Das ist endlich mal ein Politiker, der ausgesprochen hat, was viele denken“, sagt er. Sie reden noch immer im Präsens von ihm, planen seine Pläne weiter, leiden seine Qualen. Hätte Möllemann eine neue Partei gegründet, er wäre eingetreten, egal was sie draußen im Lande über rechten Populismus und Judenfeindlichkeit reden.

Bleibt diese blöde Sache mit der „Bezahlerei“ des Flugblattes, für die Gievenbecks oberster Karnevalist noch keine rechte Erklärung gefunden hat. Dass da noch was kommen könnte und dass es nichts Gutes ist, das schließt er nicht aus. Aber man muss doch Möllemanns Verdienste sehen und all die politischen Erfolge, oder? Er unterbricht sich. „Kann sein, dass die Leute außerhalb von Münster das anders sehen.“

Er redet dann noch ein ganze Weile über die vielen Ausländer im Ort, draußen in den riesigen Neubaugebieten, die jetzt rund um Gievenbeck aus dem Boden gestampft werden. Und über die polnischen Mädchen in seiner Tanzgruppe, die er immer zurechtweist, wenn sie Polnisch reden, „wir leben hier schließlich in Deutschland“.

Draußen in Gievenbeck ist ein lauwarmer Abend gekommen, der die Menschen in Scharen auf die Straßen lockt, in die Eisdiele, auf die dicht befahrenen Radwege oder in den nächstbesten Bus. Alles rollt jetzt, fährt raus hier, nur raus. Es gibt Städte, die sind zum Sterben schön.

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