Zeitung Heute : Alle Griechen unterwegs

Zur Wahl am Sonntag muss jeder in seinen Heimatort

Gerd Höhler[Athen]

Alle vier Jahre geht es in Griechenland zu wie in Judäa zu Zeiten von Christi Geburt. Das ganze Volk ist auf den Beinen, jeder macht sich auf den Weg in seinen Heimatort. Aber es ist keine Volkszählung, die diese Völkerwanderung auslöst, es sind die Wahlen zum griechischen Parlament. Im Land herrscht Wahlpflicht, und jeder kann nur dort wählen, wo er registriert ist.

„Ein Tag noch“, stöhnt Charalambos, „dann ist das Chaos endlich vorbei.“ Auch er fährt morgen nach Hause, er wird das Taxischild abmontieren und mit Frau und Kindern in seinem gelben Mercedes in das mittelgriechische Bergdorf Karpenissi fahren. „Da bin ich geboren, und da wähle ich“, erklärt er. Dabei lebt der Taxifahrer schon seit 31 Jahren in Athen.

Wie er sind mehr als 140 000 Wähler in ihren Geburtsorten registriert, obwohl sie seit Jahren in einer der Großstädte leben. Der Weg ins Wahllokal ist für sie also viele hundert Kilometer lang, für manche sogar tausende. Sie nehmen lieber die Mühe auf sich, als sich umzumelden. Sie wollen die Verbindung zur Heimat nicht abreißen lassen, sei sie auch nur symbolisch.

Proportional zu der großen Heimatverbundenheit der Griechen verhält sich das Verkehrschaos an diesem Wochenende. Für den Sonntag ist schon ein Lkw-Fahrverbot erlassen worden. Der Taxifahrer Charalambos flucht wegen des Verkehrschaos’, aber die griechischen Busunternehmer freuen sich. Ihnen bescherte der Wahlkampf in der touristenarmen Zeit ein gutes Geschäft. Allein die konservative Nea Dimokratia charterte am Donnerstag 700 Reisebusse, um Anhänger aus dem ganzen Land zu ihrer Abschlusskundgebung nach Athen zu fahren.

Die Parlamentswahlen sind auch ein Motor der Familienzusammenführung. Für Spyros Charalambos bietet der Wahlsonntag Gelegenheit für ein Wiedersehen mit seinem Bruder Nektarios. „Der lebt in Berlin, aber natürlich kommt er her zum Wählen, und dann trinken wir ein paar Ouzo.“

In Griechenland gibt es keine Briefwahl, was dazu führt, das auch Tausende Griechen, die im Ausland leben, in diesen Tagen unterwegs sind, auf dem Weg nach Hause. Auch jene, die im Ausland geboren sind, und noch nie im Land ihrer Väter waren, sind wahlberechtigt, wenn sie die griechische Staatsangehörigkeit besitzen. So erklärt sich die Merkwürdigkeit, dass am Sonntag 9,8 Millionen Griechen wahlberechtigt sind, obwohl die erwachsene Bevölkerung des Landes nur 8,6 Millionen zählt. Die meisten Auslandsgriechen kommen aus Deutschland, Großbritannien, Belgien, Schweden und Zypern, aber auch aus Australien und den USA. Flüge nach Griechenland sind in diesen Tage kaum noch zu bekommen, auch die Inlandsflüge sind ausgebucht. Die Parteien haben rund 500 Charterflüge arrangiert, die Tickets werden großzügig subventioniert. Bei der letzten Wahl brachte allein die sozialistische Pasok-Partei 21000 Wähler ins Land – per Luftbrücke oder mit dem Reisebus. Diesmal sollen es sogar 30000 werden. Alle Parteien zusammen rechnen in diesem Jahr mit etwa 80000 Stimmen aus dem Ausland – eine beachtliche Zahl, bedenkt man, dass die Sozialisten bei der letzten Wahl nur einen Vorsprung von 70000 Stimmen hatten. Die beiden großen Parteien geben je fünf Millionen Euro aus, um ihre Anhänger aus dem Ausland zu mobilisieren, denn alles deutet auch diesmal wieder auf einen knappen Wahlausgang hin.

Am schlimmsten ist das Verkehrschaos vor der Wahl in Athen. Wegen der allabendlichen Massenkundgebungen der Parteien wird das Stadtzentrum schon nachmittags abgesperrt. Ausgerechnet das Marsfeld, einen der verkehrsreichsten Plätze der Stadt, haben sich die Wahlstrategen dafür ausgesucht. Am Donnerstagabend mobilisierte der konservative Oppositionsführer Kostas Karamanlis hier trotz Regen, Sturm und Kälte Hunderttausende von Menschen, am Freitag war der sozialistische Spitzenkandidat Georgios Papandreou an der Reihe. „Da erfährt man nichts Neues“, winkt Charalambos ab. Der Redner kann sich gegen die dröhnenden Sprechchöre der Menge und das Geknalle des Feuerwerks trotz gigantischer Lautsprecheranlagen kaum Gehör verschaffen, und meist vernebeln auch noch bengalische Fackeln die Rednertribüne. Ein Tag noch, stöhnt Charalambos, dann ist das Chaos endlich vorbei.

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