Zeitung Heute : Alle Hände voll zu tun

Die Katastrophe ist noch nicht da. Noch nicht. Dauern die Kämpfe an, befürchten die Hilfsorganisationen Seuchen, Hunger und medizinische Unterversorgung. Zwischen den Fronten können und wollen die Helfer wenig ausrichten. Das Völkerrecht sieht die angreifenden Truppen in der Pflicht. Aber auch die haben Probleme.

Ruth Ciesinger

DER IRAK-KRIEG – WIE GEHT ES DEN ZIVILISTEN?

Die Hilfsorganisationen wollen keine Panik verbreiten. Die Lage im Irak sei noch nicht dramatisch, heißt es von Seiten des Internationalen Roten Kreuzes. Dessen 3100 Mitarbeiter behandeln im Land zusammen mit dem Roten Halbmond Menschen in Krankenhäusern und bemühen sich darum, die Trinkwasserversorgung aufrechtzuerhalten. Die Prognosen für die nahe Zukunft sind aber alarmierend. Die Lebensmittelvorräte im Irak reichen jetzt noch maximal vier Wochen aus, schätzt Lübbo Roewer vom Roten Kreuz. Da täglich immer mehr durch Bomben Verletzte in die Krankenhäuser eingeliefert werden, könnten Medikamente und Verbandszeug sogar in den kommenden sieben Tagen aufgebraucht sein. Die Caritas Irak, die in vierzehn Städten, unter anderem in Basra, Bagdad und im nordirakischen Mossul ihre Zentren hat, kann auch kein allgemeines Urteil abgeben. Matthias Schüth von der Caritas Deutschland spricht von einem „Patchwork-Teppich“.

Test-Konvoi nach Basra

Große Sorgen bereitet beiden Organisationen die Versorgung der Iraker mit sauberem Wasser. Nachdem in Basra die Stromversorgung zusammengebrochen war, haben Mitarbeiter des Roten Kreuzes das Wasserwerk zwar mit Hilfe eigener Generatoren wieder in Betrieb gesetzt. Dennoch besteht die Gefahr, dass Seuchen ausbrechen. Die Caritas hat deshalb aus der jordanischen Hauptstadt Amman einen Transport mit 20 Containern Wasserreinigungstabletten nach Basra geschickt, der die Stadt noch am Freitag erreichen sollte. Der Konvoi ist gleichzeitig ein Test: Kommt er an, will die Caritas eventuell weitere Hilfsmittellieferungen auf den Weg in den Nahen Osten schicken. Welche Lieferungen finanziell unterstützt werden – solche Fragen sollen auch am kommenden Dienstag im Auswärtigen Amt besprochen werden. Dann tagt der Koordinierungsausschuss Humanitäre Hilfe zum Irak zusammen mit den wichtigsten deutschen Hilfsorganisationen und Vertretern der entsprechenden Ministerien.

Für reguläre Hilfstransporte sei die Situation im Irak auf Grund der Kämpfe aber noch zu gefährlich, sagt Roewer. Deshalb hält er die Kritik an Lebensmittellieferungen der britischen und amerikanischen Armee für verfehlt. Natürlich könnten diese zu Propagandazwecken missbraucht werden, räumt er ein. Allerdings sei eine Besatzungsmacht durch internationales Recht dazu verpflichtet, die Versorgung der Bevölkerung zu sichern.

Der Rote Halbmond war am Mittwoch unter der Kontrolle der alliierten Truppen zum ersten Mal mit einer Lebensmittellieferung von Kuwait aus in den Irak gefahren. Der Konvoi, dessen 45 000 Essenspakete für Bauernfamilien bestimmt gewesen waren, wurde kurz nach der Grenze von größtenteils jungen Männern gestürmt. Roewer hält das für bedauerlich, aber für durchaus normal. Erst wenn die Lage so sicher ist, dass die Hilfsorganisationen für diese Lieferungen feste Strukturen aufbauen können, sei gewährleistet, dass auch alte und schwache Menschen von den Lieferungen profitieren, sagt er. Das sei dann auch der Zeitpunkt, zu dem die humanitäre Hilfe wieder strikt vom Militär getrennt werden müsse.

Lagerhäuser in Nachbarstaaten

Wenn auch die Mitarbeiter der Vereinten Nationen wieder in den Irak kommen, werde man eng mit ihnen zusammenarbeiten, vermutet Roewer. Zum Beispiel könne man, was die Verteilung der Hilfsgüter betreffe, die entsprechenden Strukturen zur Verfügung stellen. Für seine eigene humanitäre Hilfe veranschlagt das Internationale Rote Kreuz eine Summe von rund 150 Millionen Euro, um unter anderem ein Hilfskrankenhaus errichten zu können.

Derzeit haben allerdings die Truppen der Alliierten noch Probleme, ihre eigenen Lieferungen ins Land zu bringen. Bereits am Donnerstag sollte ein britisches Schiff mit 231 Tonnen Wasser, Lebens- und Arzneimitteln sowie Decken in den Hafen von Umm Kasr einlaufen. Minen im Hafengebiet verzögerten die Ankunft um einen Tag. Solche Schwierigkeiten befürchten die Hilfsorganisationen nicht. Das Rote Kreuz hat in den Nachbarstaaten des Irak seine Lagerhäuser, in denen Nahrungsmittel, Medikamente, Zelte für Flüchtlingslager und Hygieneartikel bis hin zu Zahnbürsten und Waschutensilien aufbewahrt werden. Aus diesen Ländern können die Transporte auf dem Landweg in den Irak starten. Größere Geräte zum Beispiel zur Wasseraufbereitung sollen mit dem Flugzeug eingeflogen werden. Das ist aber erst möglich, wenn die entsprechenden Gebiete nicht mehr von Kämpfen bedroht sind. Und wann das der Fall sein wird, weiß niemand.

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