Zeitung Heute : Alle rüsten sich

Nordkorea hat es der Welt bewiesen – das Land verfügt über die Atombombe. Wie reagieren die USA und die Staaten Asiens auf die Gefahr?

Harald Maass[Silke Pfersdorf] Christoph von Ma

Japan hat nach dem nordkoreanischen Atomwaffentest angekündigt, aufzurüsten. Werden damit auch militärische Schritte wahrscheinlich?

Japans Ministerpräsident Shinzo Abe landete gerade in Südkoreas Hauptstadt Seoul, als Nordkorea seine Drohung wahrmachte – das Land testete unterirdisch eine Atombombe. Wütende Drohungen Japans aber blieben aus. Stattdessen war Abes Reaktion kühl wie frisches Sushi: Er habe seinen Verteidigungsminister angewiesen, den Fall dem UN-Sicherheitsrat zu überlassen, ließ er verlauten. „Typisch Japan“, urteilen Politikexperten des Landes. Man gefalle sich ein wenig in der Opferrolle und versuche ansonsten, andere Beteiligte zum Handeln zu bewegen. So hat Japan beim UN-Krisenstab, der am Montag gebildet wurde, sicher deutlich gemacht, das mit Nordkorea nicht zimperlich umgegangen werden darf.

Einige politische Beobachter hatten bis zuletzt gezweifelt, dass Nordkorea tatsächlich einen Atombombentest durchführen würde. Zwar hatte sich das Land erst Anfang Juli mit dem Abschuss von sieben Raketen eine deutliche Verwarnung des UN-Sicherheitsrats eingehandelt, aber „Nordkorea sitzt beim Gespräch mit den Vereinigten Staaten, China, Japan, Russland und Südkorea schließlich noch am diplomatischen Tisch“, sagt Hideya Kurata, Professor der Kyorin-Universität in Tokio. Mit einem Test würde „ein gefährliches Spiel mit der Kühnheit“ beginnen.

Dieses Spiel hat nun begonnen. Und es ist fraglich, ob Japans Reaktion auf die Provokation Nordkoreas so moderat bleiben. Denn Ministerpräsident Abe demonstriert auch militärische Stärke. Er kündigte an, das Waffenprogramm seines Landes zu erweitern. Japan werde in Zusammenarbeit mit den USA seine Raketenabwehrsysteme ausbauen. Der japanische Politikkenner Takashi Tachibanba hatte schon Ende September darauf hingewiesen, dass Japan unter Abe sogar die „nukleare Option“ erwägen könnte. Zwar untersagt die pazifistische Verfassung Japans eine atomare Bewaffnung. Doch Abe hat bereits erklärt, dass er die Verfassung ändern und den Streitkräften mehr Möglichkeiten geben will.

Welche Optionen haben die UN gegen Nordkorea vorzugehen?

Der Sicherheitsrat, der am späten Montagnachmittag zu einer Dringlichkeitssitzung zusammengetreten war, verurteilte den nordkoreanischen Atomtest aufs Schärfste. Man werde nach „angemessenen Maßnahmen suchen, die Nordkorea eine scharfe und klare Antwort“ geben, hieß es. Die Vereinten Nationen hatten bereits Ende vergangener Woche ernste Konsequenzen angekündigt, sollte Pjöngjang eine Atombombe testen. Ernste Konsequenzen, so lautet die übliche Formel für Sanktionen, die auch militärische Maßnahmen einschließen. Allerdings sind die Möglichkeiten der UN begrenzt. Nordkorea ist bereits politisch und ökonomisch isoliert. Und wenn ein Land erst einmal die Bombe hat, gilt es als unangreifbar. Die Welt könnte aber versuchen, durch eine Seeblockade zu verhindern, dass Nordkorea sich aus dem Ausland, zum Beispiel dem Iran, Raketentechnik liefern lässt. Denn eine atomar bestückte Rakete würde die Gefahr für die Nachbarn drastisch steigern.

Was können die USA tun?

Auch die Optionen der USA sind begrenzt. Präsident George W. Bush hatte Nordkorea zwar 2002 zusammen mit Iran und Irak als „Achse des Bösen“ bezeichnet und 2003 erklärt, er werde „niemals zulassen“, dass Pjöngjang die Bombe bekommt. Doch hat er Nordkorea nie so offen wie dem Iran mit militärischen Mitteln gedroht. Zwar haben die USA seit dem Koreakrieg zehntausende Soldaten an der dortigen Grenze zwischen Nord und Süd stationiert. Doch auch ohne die Bombe gilt ein militärischer Sturz des Regimes als zu riskant. Allein mit seinen konventionellen Waffen könnte Nordkorea zahlreiche angrenzende Großstädte im Süden zerstören. „Sobald es einmal losgeht, kann man nicht wissen, wie weit sie gehen“, sagt Michael O’Hanlon, Militärexperte des US-Instituts Brookings.

China versteht sich als Schutzmacht Nordkoreas. Ändert sich nun Pekings Politik?

Nordkoreas Atomtest ist für Peking eine diplomatische Niederlage. Kein Land hat sich in den vergangenen Jahren so stark für eine Verhandlungslösung mit dem Regime von Kim Jong Il gemacht wie China. Und Peking hat über seinen ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat bislang Sanktionen gegen Nordkorea verhindert. Beobachter sagen, Pjöngjang sei wirtschaftlich und politisch von China abhängig. Südkorea vermutet, dass Peking seit den 90ern heimlich Rohöl und Nahrungsmittel nach Nordkorea schickt, und so das hungernde Land vor dem Kollaps bewahrt hat.

Mit dieser Politik dürfte es nun vorbei sein. „Die chinesische Regierung drückt ihre entschiedene Ablehnung aus“, hieß es im Außenministerium in Peking. Pjöngjang habe in „dreister Weise“ die Besorgnis der internationalen Gemeinschaft ignoriert. So deutliche Kritik hat es aus China noch nie gegeben. Doch Peking muss nun unter allen Umständen verhindern, dass Nordkorea zur Atommacht aufsteigt. Denn China würde sonst nicht nur seinen Einfluss in der Region verlieren, sondern Japan, Südkorea und auch Taiwan könnten als Reaktion ebenfalls Atomprogramme starten – und damit ein atomares Wettrüsten in Ostasien entfesseln.

Beobachter glauben, dass Peking nun Sanktionen gegen Nordkorea unterstützen wird. Schlimmer aber könnte für das Kim-Regime der wirtschaftliche Druck aus China werden: Es gibt Gerüchte, dass ab heute die Grenze für den Warenverkehr von China nach Nordkorea gesperrt wird. Auf Nordkoreas Märkten würde es dann bald nichts mehr zu kaufen geben.

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